In der Ferne taucht ein Licht auf, das tanzend wie eine Spirale immer näher kommt, und oben am Himmel erscheinen Luftgeister, aber solche, die er noch nie zuvor hier gesehen hat. Unten am Boden scheint sich etwas aus der Erde herauszuwühlen, denn der dunkelbraune Erdboden wird nach oben geworfen und ein riesiger Erdhügel, der aussieht wie ein haushoher Maulwurfhaufen, türmt sich auf. Aus der Tiefe der Erde erscheinen violett-graue Gestalten, die sich aus den Erdhügeln herausstemmen. Sie sind menschengroß, sehen wie wandelnde Tropfen aus und ihre Haut schimmert ölig und schmierig.
Der kleine Bach sprudelt und spritzt sein Wasser in meterhohen Fontänen in die Luft und schleudert schlanke, elegante Undinen hervor. Die gerade noch so angenehme Stille wird von einem Gewirr aus unzähligen Stimmen hinweggelärmt.
Benni duckt sich etwas tiefer in das Dickicht des Haselnussstrauches, denn die Typen, die da erscheinen, sind bisher noch nie hier gewesen und er kennt sie auch nicht.
Sie versammeln sich alle auf der Wiese des Tales und schreien und rufen durcheinander, sodass man kein einziges Wort verstehen kann. Doch auf einmal verstummen sie und weichen zurück. Durch ihre Mitte schreitet eine Frau, der eine Schar von Wald- und Blumenwesen folgen, auf ihrem Kopf trägt sie einen großen, goldgelb strahlenden Kranz aus Ähren, und Blumenkränze aus solch prächtigen Blüten, wie sie Benni noch nie zuvor gesehen hat, baumeln um ihren Hals. Er muss sich die Hand vor den Mund halten, sonst hätte er vor Freude laut gesungen, denn er liebt Blumen über alles. Sie hat mehrere Arme, und Benni zählt leise: „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs – Mo, siehst du das?“, flüstert er. „Sie hat sechs Arme!“
In jeder Hand ihrer sechs Arme hält sie etwas anderes. In einer trägt sie eine Schale mit Obst, in einer anderen einen Teller mit einem üppigen Mahl aus Fleisch und Gemüse, die nächste Hand hält ein Musikinstrument, das wie eine kleine Harfe ausschaut, auf der anderen Seite trägt sie ein Buch und in dem unteren Handpaar hält sie einen Korb, aus dem wunderschöne Edelsteine hervorstrahlen. Die ganze sonderbare Gesellschaft aus Naturgeistern verbeugt sich vor ihr und vier dieser Wesen, die aussehen, als hätte man sie aus einem alten Baumstamm geschnitzt, stellen sich zusammen und verbiegen ihre Gliedmaßen, sodass ein Thron entsteht, und die schöne sechsarmige Frau setzt sich darauf.
„Wir grüßen dich, geliebte Terra!“, rufen alle wie aus einem Mund. „Wir huldigen dir, du Muttererde!“
Eine junge Fee in einem wasserblauen Kleid hat einen Krug in der Hand, sie schöpft etwas Wasser aus dem kleinen Bach, gießt es schwungvoll über die Wiese und sogleich entspringen der kleinen Wasserlache allerlei Tiere: Fische, Rehe, Vögel, Insekten, und alle lagern sich um Terra, die Erdmutter.
„Wir grüßen dich, große Terra, Mutter unseres Seins!“, rufen nun auch die Tiere aus und verneigen sich ehrfürchtig.
Mo lässt ein kurzes „Wuff“ los und sofort schauen alle in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen ist. Benni drückt Mo zu Boden und duckt sich ganz flach an den Baumstamm. „Du musst dich beherrschen“, wispert er in Mos Ohr, „sonst entdecken sie uns!“
Ein gigantischer Typ, der wie ein wandelnder Berg aussieht, mit kantigem Gesicht, tiefen Furchen an den nackten, grauen Beinen, an denen lange Bartflechten baumeln, tritt in die Mitte. Er hält einen Metallstab in seinen groben Händen, den er mit eigentümlich starren, eckigen Bewegungen in die Erde rammt. „Lasst uns die Versammlung eröffnen!“, ruft er in die Runde.
„Nein, wir warten noch auf die Universianer“, sagt Muttererde Terra, „und natürlich hoffe ich, dass auch Theia, meine liebe Schwester, erscheint.“
„Theia?“ Ein allgemeines Gemurmel ertönt unter den Anwesenden und Benni erschnaufelt, dass so manches der eigentümlichen Geschöpfe Angst hat.
„Weißt du, wer Theia ist?“, flüstert er in Mos Ohr.
Mo hebt den Kopf und weist damit auf den Mond, der seine schmale Sichel im Osten erscheinen lässt. Er öffnet den Fang, aber bevor er seinen langgezogenen Mondgruß ertönen lassen kann, hält ihm Benni noch schnell das Maul zu. „Bleib jetzt bloß still!“, zischt er seinen Hundefreund an.
Der silbrig schimmernde Halbmond hebt sich in sanftem Kontrast von dem weichen Dunkel des frühen Abendhimmels ab. Ein blassweißer Kreis umgibt ihn, dehnt sich ganz langsam wie eine riesengroße Seifenblase in alle Richtungen aus und senkt sich schließlich in langen, wässrigen Schlieren zur Erde herab. Auf diesen schimmernden Lichtbahnen gleitet ein Lichtwesen herunter, landet auf der Wiese und ploppt wie ein Ball dreimal federnd auf. Es winkt mit seinen Armen nach oben zur Mondsichel und sofort rutschen hunderte von strahlenden Gestalten auf die Wiese. Es sind sonderbare Wesen, die bei jeder Bewegung ihre Gestalt verändern, mal sind sie kugelig rund, dann wieder wie eine leuchtende Spirale oder langezogen mit einem Zackenschwanz.
Ganz fasziniert beugt sich Benni weit nach vorn, verliert dabei das Gleichgewicht, purzelt vom Baumstamm und kullert geradewegs den Abhang hinter.
Mo springt auf, rennt die Wiese hinunter, legt sich dort vor Muttererde Terras Thronsessel auf das Gras und stoppt mit seinem kräftigen Hundekörper sanft Bennis Kullerfahrt. Benni rappelt sich auf und klopft mit beiden Händen seine Hose und Jacke ab.
„Ein Menschschsch…, ein Menschschsch…“, donnert der Bergtyp mit dem kantigen Gesicht, und bei den nachhallenden Zisch-Lauten sprudelt ein Schwall Wasser aus seinem Mund.
„Das ist ja voll eklig“, ruft Benni aus und schnaufelt in die Richtung des Giganten. „Wer bist du denn eigentlich und warum fürchtest du dich vor mir?“, fragt er und betrachtet sein Gegenüber aufmerksam.
„Ich bin ein Globant!“, brüllt der Angesprochene stolz. „Was? Ich und mich vor dir fürchten?“ Er versucht so etwas wie ein Lachen, was sich aber bei ihm eher wie ein Bergrutsch anhört. „ Du solltest vor mir erzittern“, donnert er furchterregend und schreitet auf Benni zu. Bei jedem Schritt schlenkern die Bartflechten an seinen zerfurchten Beinen hin und her, wie die Fahnen an einer Fahnenstange. Er bleibt dicht vor Benni stehen und rammt den Metallstab vor Bennis Füßen in den Boden, sodass Benni erschrocken zurückspringt.
„Ein Menschschsch…, ein Menschschsch“, flüstert es in der Runde.
Die sonderbaren Gestalten weichen zurück und bilden kleine Grüppchen. Dann kommen drei violett-graue Tropfengestalten auf Benni zu, sie strecken ihre langen Arme nach ihm aus und legen ihre ölig-schleimigen Hände auf Bennis Schultern und Arme.
„Nehmt sofort eure schmierigen Hände von mir!“, schreit Benni. „Ihr seid ja ober-eklig!“
„Schmierige Hände?“, wiederholt der größte von den violett-grauen Tropfengestalten. „Schmierige Hände?“ Und sein Tropfengesicht sieht wirklich nicht freundlich auf Benni herab. „Weißt du nicht, wer wir sind?“, schleimt er und verbiegt sich wie ein Fragezeichen.
„Nein, weiß ich nicht“, sagt Benni und sieht sein Gegenüber trotzig an, „aber du wirst es mir wohl gleich sagen!“
„Wir sind Oilanten, und ihr Menschen stehlt uns unser Öl. Ihr bohrt euch in unsere Welt hinein und nehmt uns unseren Lebensstoff weg“, sagt er. Dabei triefen bei jedem Wort kleine Ölbäche aus seinem Mund und bilden eine fette Öllache auf der Wiese.
„Reiß dich doch zusammen!“, faucht jemand hinter Bennis Rücken.
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