Auf einer seiner Touren traf Hoerlin einen wilden Österreicher namens Erwin Schneider, der zu seinem engsten und häufigsten Kletterpartner werden sollte. Beide teilten eine natürliche Begabung für das Bergsteigen und ähnliche Ambitionen. Stets suchten sie neue Herausforderungen. Während Sommerbesteigungen in den Alpen allmählich alltäglich wurden, waren Winterbesteigungen – welche skifahrerisches Können mit Kletterkönnen in Fels und Eis vereinigten – selten. Hoerlin und Schneider richteten ihr Augenmerk auf den Mont Blanc und seine umliegenden Berge, unbeeindruckt von seinem Ruf als höchster Berg der Alpen.
Einer Burg aus Schnee und Eis gleich, überragt das gewaltige Massiv majestätisch Frankreich, Italien und die Schweiz. Der erstmals 1786 bestiegene Gipfel fußt in tiefen Tälern und türmt sich aus weiten, offenen Almwiesen zu gigantischen Gletschern, Fels- und Eispfeilern und langen Graten auf, die zu seinem imponierenden Eisdom hinaufführen. Steile Felsnadeln (Aiguilles) durchbrechen die Konturen des Berges und sind meist schwieriger zu besteigen als der eigentliche Gipfel. Die beiden Kletterpartner beschlossen, dass Winterbesteigungen dieser spitzen Türme ein großes Abenteuer versprachen – und vielleicht auch mit etwas Glück eine größere Anerkennung ihrer Talente. Es war ein großer Schritt, ging über ihre anderen Besteigungen hinaus und bot eine willkommene Chance, ihre Grenzen auszutesten. Wie sich mein Vater in einer Bergzeitschrift ausdrückte: „Bei Winterbesteigungen finden Bergsteiger eine Einsamkeit, wie wir sie im Sommer vergeblich suchen. Der steile Wechsel von Eis und Fels in der winterlichen Landschaft des Mont Blanc ist einzigartig.“ Und er beschrieb weiter den besonderen Reiz von Winterbesteigungen: „Die im Sommer gefahrlosen tieferen Regionen bedrohen Lawinen, der Fels ist verschneit und vereist, der Wind hat die Firngrate blankgeweht und die Tage sind kurz und kalt; kurzum die Schwierigkeiten größer und vielseitiger.“ 10

Erwin Schneider, © Historisches Alpenarchiv des DAV, München
Hoerlin und Schneider waren ein seltsames Paar. Schneider war einen Kopf kleiner als mein Vater, hatte dichtes – und für die Zeit langes – schwarzes Haar, das ihm regelmäßig in sein faltiges Gesicht fiel. Der zottelhaarige Tiroler war ein überschwänglicher, ausgelassener Charakter, der ständig Witze riss. Mein Vater teilte mit ihm eine gewisse Aufmüpfigkeit, aber sie war bei ihm deutlich subtiler und kontrollierter. Pallas war ruhig und nachdenklich, stets adrett und von einer natürlichen Eleganz. In Eis, Schnee und Fels verschwand ihre Ungleichheit jedoch und sie bildeten eine schlagkräftige Seilschaft.
Um ihre Klettereien zu planen, studierten die beiden immer wieder eine großformatige (60 x 100 cm) Landkarte, die damals ein Klassiker war: die Carte Albert Barby „La Chaine du Mont Blanc“. Die Karte lässt sich leicht auf Taschenformat zusammenfalten, ihr Papier ist auch heute noch immer fest und das Kartenbild von beeindruckendem Detailreichtum. 11Wenn ich ihre glatte Oberfläche berühre, fühlt es sich an, als berühre ich die Haut meines Vaters. Bergsteigen war ihm tatsächlich in Fleisch und Blut übergegangen und spielte eine Schlüsselrolle bei der Formung seiner Persönlichkeit. Dies erkannte er selbst: „Diese Fahrten, bei denen man ganz auf sich selbst angewiesen ist, prägen sich am tiefsten unserem Gedächtnis ein.“ 12Qualitäten wie Bescheidenheit, Ruhe, Integrität und Achtsamkeit waren allesamt ein zentraler Bestandteil seiner Persönlichkeit, am Berg wie auch im Tal.
Unterwegs auf den Graten der Aiguille Verte. Im Hintergrund die berühmte Nordwand der Grandes Jorasses
In aufeinanderfolgenden Wintern bestiegen Hoerlin und Schneider verschiedene Aiguilles von Chamonix und von Courmayeur aus, das heißt von der französischen und italienischen Seite. Im Winter 1928 peilten die beiden gemeinsam mit zwei anderen Bergsteigern 13die Aiguille Verte an, die als einer der schwierigsten und eindrucksvollsten Berge im Mont-Blanc-Gebiet angesehen wurde. Um 4 Uhr früh brachen sie mit Skiern auf und überquerten im Licht ihrer Laternen einen gefährlichen Gletscher. Immer wieder mussten sie die Ski an- und abschnallen, je nachdem, was die Wegsuche im Labyrinth der bedrohlichen Spalten, Eistürme und Abgründe des Gletschers von ihnen verlangte. Als sie die steilen Couloirs der Aiguille erreichten, tauschte die Seilschaft die Ski gegen Steigeisen. Bei perfektem Wetter war das Aufsteigen in den lawinengefährlichen Rinnen anregend. „Es war wie in einem Märchen“, schrieb mein Vater enthusiastisch. „… Winter, die Sonne schien, der Himmel war dunkelblau und wir standen auf 4000 Meter Höhe.“ 14Auf dem schmalen Gipfel führten die jugendlichen Eroberer einen Siegestanz auf, begleitet von Gejohle und Gebrülle – ein Ausdruck schierer Freude, der auch half, die gefrorenen Zehen aufzutauen. Dieses Ritual, der sprichwörtliche Tanz auf der Nadelspitze, wiederholten sie zwei Tage später, als sie mit der ersten Winterbesteigung der Les Droites einen weiteren Triumph feiern konnten.
1929 trafen sich Pallas und sein österreichisches Gegenüber erneut in Italien mit den Zielen Aiguille Noire und Aiguille Blanche de Peuterey, die damals zu den risikoreichsten Touren in den Alpen zählten und noch nie im Winter bestiegen worden waren. Sie waren entschlossen, zu Ehren eines ihrer Kameraden vom Vorjahr erfolgreich zu sein, der in der Zwischenzeit bei einem unglücklichen Kletterunfall ums Leben gekommen war. 15Trotz unsicherem Wetter erfüllten Hoerlin und Schneider ihre Mission. Ihre Winterbesteigung der Aiguille Blanche bedeutete zudem einen erstaunlichen Rekord: Sie war schneller als die bis dahin schnellste Sommerbesteigung gewesen. Bei der darauffolgenden Winterbesteigung der Aiguille Noire brach im Abstieg ein plötzlicher Sturm über sie herein, der sie zu einem Biwak ohne Schlafsäcke und warme Kleidung zwang. Am nächsten Tag erholten sie sich von ihrer Tortur, legten sich in die Sonne und ölten sich mit italienischem Olivenöl ein, um ihre Bräune zu verbessern (aber nicht ihren Geruch …). Auch im Glanz ihrer Erfolge konnten sich die beiden Bergsteiger an diesem Tag sonnen.
Aber ihre Taten waren noch nicht vorüber: Dem unermüdlichen Paar gelang die erste Winterüberschreitung der drei Mont-Blanc-Gipfel, Mont Blanc, Mont Maudit und Mont Blanc du Tacul – eine zermürbend lange Route, die in Frankreich begann und in einer sternenklaren Mondnacht in Italien endete. Auf ihrem Weg nach Courmayeur stolperten sie müde in ein bescheidenes Bauernhaus, dessen wohlwollender Besitzer ihnen Betten anbot. Es war das passende Ende eines glorreichen Tages. Mein Vater schrieb später: „Was wir in unseren kühnsten Träumen kaum gehofft hatten, ist Wirklichkeit geworden.“ 16Pallas und Schneider hatten mehrere Bergsteigerrekorde aufgestellt und sich als außergewöhnlich schnelle Seilschaft etabliert, die nach Meinung eines führenden britischen Bergsteigers „ein brillantes Register großer Bergfahrten aufweist wie keine anderen jungen Bergsteiger in Europa“. 17Jahre später wurde Hoerlin noch weiter gelobt: „In den Jahren 1926 bis 1930, in einer Zeit, in der man die Grundlagen für die heutige Schwierigkeitsskala schuf [...] führte unser Mitglied Hermann Hoerlin in den Westalpen bereits großzügigste Fahrten im Sommer und im Winter.“ 18
Obwohl Pallas auf dem Gipfel eines Berges am glücklichsten war, riefen andere Aufgaben. Nach Abschluss seines Studiums am Technischen Institut Stuttgart kehrte er für ein Jahr nach Schwäbisch Hall zurück, um während einer Krankheit seines Vaters den Familienbetrieb zu führen. Nach einem Jahr stabilisierte sich der Gesundheitszustand seines Vaters und der 23-Jährige beschloss, sein Studium mit Schwerpunkt auf Fotophysik am Technischen Institut Berlin fortzusetzen. Es gab aufregende Entwicklungen in der Fotografie und der aufstrebenden Filmindustrie, und mein Vater fand sich in vorderster Front bei neuen Entdeckungen zur Verbesserung der Filmqualität, Techniken der Dokumentarfotografie und -filmerei wieder. Kinofilme kamen in Mode und Berlin war die Hauptstadt europäischer Filmkunst. Deutschlands erster Tonfilm, „Der Blaue Engel“, wurde über Nacht zu einer Sensation durch seine femme fatale , Marlene Dietrich, und seine Darstellung der damaligen Zeit: die Dekadenz des Kabarett-Lebens, die generelle Freizügigkeit, schockierende Nacktheit und offene Sexualität.
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