Über Erna also weiterhin kein Wort. Die konspirative Geschichte mussten die Schwestern allein zu Ende bringen. Womöglich servierte Felice Franz mit Ernas Dilemma ein gefundenes Fressen, Stoff, den er in neue Prosa verwandeln konnte. Wenn er nun Weihnachten nach Berlin käme, im engen Familienkreis in der guten Stube säße, hätte Felice zwei Möglichkeiten: ihn vorher einweihen oder nicht. Im ersten Fall wäre er gezwungen, sich angestrengt auf die Zunge zu beißen und das Versteckspiel mitzumachen – entschieden zu viel verlangt für einen Antrittsbesuch bei künftigen Schwiegereltern, der Franz sicher schon so genug belastete. Im anderen Fall müsste sie ihm direkt ins Gesicht lügen, denn Verschweigen war auch eine Lüge. Das widerstrebte Felice, die am liebsten geradeheraus und eine ehrliche Haut war, zutiefst. Wie eine geballte Faust drückte sich das zermarterte, übermüdete Hirn gegen ihre Schläfen: Die ständigen Kopfschmerzen, unter denen sie seit einiger Zeit litt, bekämpfte sie mit Aspirin und Pyramidon. Als sie einmal mehr beim Arzt im Wartezimmer saß, weil sie ein neues Rezept brauchte, als sie schließlich aufgerufen wurde und ins Behandlungszimmer trat, schaute der Doktor sie aufmunternd an: Na, junge Frau, Sie sehen ja aus wie eine Leiche auf Urlaub! Diese Formulierung entlockte der geplagten Felice spontan ein Lächeln. Sie schrieb Franz noch am Abend, dass der Arzt ihr dazu geraten hatte, sich alle Sorgen frei von der Leber zu reden, und dass sie deshalb in Zukunft keine Geheimnisse mehr vor ihm haben wolle. Doch um welche Geheimnisse es sich handle, das verschwieg sie Franz weiterhin. Schön dumm. Jetzt wollte er erst recht wissen, was sich hinter ihren kryptischen Bemerkungen verbarg. »Bald wird die Bombe platzen«, vertröstete sie ihn. Und gab Franz damit noch mehr Rätsel auf.
Weihnachten stand unmittelbar vor der Tür, und der Brief, den Felice von Franz bekam, enthielt die enttäuschenden, gleichwohl von ihr selbst heraufbeschworenen Worte: »Meine Weihnachtsreise ist noch zweifelhafter geworden.« Franz’ Schwester Valli heiratete am ersten Feiertag, schon deshalb war er unabkömmlich. Also Besuchstrubel nicht nur bei den Bauers, sondern auch bei den Kafkas. Vor den Festtagen machte Felice sich mit einem Päckchen auf den Weg zur Post, wo sie Schlange stand mit anderen Weihnachtskunden, die schwer an ihren Geschenken trugen. Das Päckchen enthielt ihre Gabe an Franz, ein Täschchen, darin ihr Foto, eines, auf dem sie sich einigermaßen gut getroffen fand, mit festem, offenem Blick. Als sie endlich an die Reihe kam, das Päckchen über die Theke schob und der Schalterbeamte es mit einer Briefmarke versah, als das Päckchen in einem großen schwarzen Kasten verschwand, den ein grau gewandeter Diener in einen fensterlosen Raum am Ende eines Ganges beförderte, schien Felice eine gemeinsame Zukunft mit Franz in unendliche Ferne gerückt. Auf dem Rückweg von der Post liefen ihr die Tränen übers Gesicht. Tränen waren Felices einziges Ventil. Sie flossen auf offener Straße, im Büro, in der Elektrischen. Sie kamen Felice unvermittelt am Esstisch und abends beim Handarbeiten. Sie stahl sich in ihr Zimmer, bevor die Mutter aus der Küche hereinkam und ihr verweintes Gesicht sehen konnte. Die Tränen bahnten sich den Weg in dem Riss, der durch ihr Leben ging. Hier Verantwortungsgefühl, dort Sehnsucht des Herzens. Aber Blut war dicker als Wasser, und die pflichtbewusste Felice hatte dem eigenen Glück die Tür versperrt. Sie musste sich für die Eltern unbedingt noch eine Ausrede überlegen, warum Erna dieses Jahr zu Weihnachten nicht kommen konnte.
Im Büro war Felice viel unbeschwerter als zu Hause, denn in der Familie herrschte, wie so oft, auch heute eine gespannte Atmosphäre. Nur auf den ersten Blick sah alles friedlich aus, die Mutter und Toni, zwei links, zwei rechts, mit Strickzeug im Wohnzimmer, der Vater zurückgezogen mit Lesestoff im Schlafzimmer. Es war ihm nicht gelungen, seine Ehefrau wieder auszusöhnen, obwohl das, was sie ihm zur Last legte, Schnee von gestern war, die einstige Geliebte. Noch so eine Geschichte, dachte Felice, die ich Franz unmöglich erzählen kann: dass der Vater sich aus dem engen Korsett der jüdischen Mischpoche befreit hatte. Vor elf Jahren war das gewesen, Felice war ein vierzehnjähriges Mädchen und hatte zu vermitteln versucht zwischen dem gutmütigen, lebensfrohen Papa und der strengen, alles überwachenden Mutter, aber er war ausgezogen, zu seiner Geliebten. Seine Kinder hatte er fortan nur noch in Cafés und Restaurants getroffen, Felice fungierte als Geldbotin und überbrachte der Mutter den Unterhalt des Vaters in bar. Nach drei Jahren starb die Geliebte, und Carl Bauer, der die Einsamkeit nicht ertrug, kehrte reumütig zu seiner Familie zurück. Da saß er nun allein im Schlafzimmer, und Anna Bauer war noch immer ein wandelnder Vorwurf. Sie konnte es einfach nicht lassen, giftige Pfeile auf ihren Gatten abzuschießen, ihre Spitzen trafen auch Felice, die dem Vater längst verziehen hatte und kein Hehl aus ihrer Tochterliebe machte.
Die Ehe ist die einzig gültige Form des Zusammenlebens, sprach die strickende Anna Bauer, als sei das der kategorische Imperativ, und wies mit einer stummen Kopfbewegung auf den dicken Brief, der an Felices Platz auf dem Esszimmertisch lag.
Felice wagte sich sehr weit vor, als sie die Mutter zaghaft darauf hinwies, dass auch eine Ehe kein Garant für ewiges Glück sei, das müsse sie doch aus eigener Erfahrung wissen.
Anna Bauer ließ das Strickzeug in den Schoß sinken und bohrte die lange Nadel in die Luft.
Ja, wann lässt sich dein Herr Doktor denn mal blicken?, fragte sie so, als hätte sie die Hoffnung auf eine Begegnung mit dem großen Unbekannten ohnehin schon abgeschrieben.
Dass Herr Kafka sehr beschäftigt sei, antwortete Felice, schließlich sei er neben seinem anspruchsvollen Posten bei der Versicherung Teilhaber einer Fabrik, und außerdem schreibe er ja auch noch an einem Buch.
Was muss er denn schriftstellern, entgegnete Anna Bauer, er hat doch einen richtigen Beruf.
Der Mutter war die Vorstellung von einem Dichter vollkommen fremd, und wenn Felice ehrlich war, fiel es auch ihr nicht leicht, sich in ein Gehirn wie das von Franz hineinzuversetzen, in einen Menschen, der in geistigen Höhenflügen Sätze formte, bis ihm die Geister aus den Sätzen leibhaftig entgegentraten.
Franz erscheint mir mit seinen feinen Gedanken wie ein Mysterium, in ihm steckt etwas ganz Großes, das fühle ich, entfuhr es ihr stattdessen laut und trotzig.
Anna Bauer ließ nicht locker: Das Dichten ist wohl ansteckend, kein Wunder, dass du dir die Nächte mit Briefeschreiben bei Kerzenlicht um die Ohren schlägst und gähnst, wenn der Wecker in der Frühe klingelt! Das ist dein Ruin!
Felice erschrak dieser Tage ja selbst über ihr wenig liebliches Spiegelbild: Augenringe, eine angestrengte steile Falte stieg auf der Stirn empor, und sprießte da nicht ein erstes graues Haar am Scheitel?
Das hat mit Franz gar nichts zu tun, sagte sie abwehrend. Sie schob ihre Erschöpfung auf die viele Arbeit, auf diesen Herrn Neble, ein Vertreter der übelsten Sorte, der sich wegen irgendwelcher unvollständigen Materiallisten beim Chef über sie beschwert hatte.
Die Stricknadeln klapperten wieder gleichmäßig in Anna Bauers Händen, als Felice sich mit dem Brief aus Prag in ihr Zimmer entfernte und die Tür hinter sich schloss. Unmöglich, ihn im Beisein der Mutter zu öffnen; das wäre wie eine große Umarmung vor fremden Leuten. »Liebste meine Liebste«, las sie, »aus Liebe wollte ich, nur aus Liebe, mit Dir tanzen, denn ich fühle jetzt dass das Tanzen, dieses Sichumarmen und Sichdabeidrehn, untrennbar zur Liebe gehört und ihr wahrer und verrückter Ausdruck ist. […] Dein Franz.« Felices Tränen flossen ungebremst und wollten nicht versiegen, als sie die Feder zur Hand nahm und schrieb: »Wir gehören unbedingt zusammen.«
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