Was ich auch nicht vergessen habe, sind die beeindruckenden, langen Spaziergänge im Sommer durch den schattigen, geheimnisvollen Wald, in dem uns das Jubilieren der Vögel entzückte. Dabei waren immer die beiden Dackelhunde Susi und Atti, die wir Kinder so liebten.
Mein Onkel Viktor,
geb. 1905
Mein Vater Friedrich,
geb. 1903
Nachdem sich mein Vater nach unserer Rückkehr aus Bayern bei den polnischen Behörden in Bielitz gemeldet hatte, fuhr er nach Jankowitz zu seinem Bruder Viktor. In der Försterei fand er aber einen neuen Förster vor. Mit einem schrecklichen Gefühl im Herzen fuhr er sofort weiter nach Teschen, um die Frau seines Bruders aufzusuchen. Er traf sie tatsächlich mit den Kindern bei ihrer Mutter, bei der sie Zuflucht gesucht hatte. Hier erfuhr er von unserer Tante Hilda die schreckliche Wahrheit. Die Russen hatten seinen Bruder verhaftet und in die Gefangenschaft nach Russland verschleppt! Unserer Tante blieb nichts erspart. Im Sommer des Jahres 1947 hatte sie ihre ältere Tochter Lydia durch einen Blitzschlag verloren. Sie hatte gerade die Grundschule als Klassenbeste absolviert und alle Klassen der Schule waren zur Beisetzung gekommen.
Viele Monate später sind einige Gefangene aus Russland zurückgekommen, darunter auch jemand aus Jankowitz. Er behauptete, dass er bei meinem Onkel war, als dieser gestorben war. Die Umstände der Gefangenschaft hätte er sehr schlecht ertragen und sehr unter der Sehnsucht nach seiner Familie gelitten. Unsere Tante konnte sich mit den Nachrichten nicht abfinden und wartete noch jahrelang auf seine Rückkehr. Tatsache ist, dass seine Kinder ihren liebevollen Vater verloren hatten, wir den besten Onkel, den man sich vorstellen kann und unser Vater seinen einzigen Bruder.
Der Krieg hatte alles zerstört! Und es gab keine schönen Aufenthalte im Wald mehr. Wir mussten uns mit dem schmerzhaften Verlust ebenso wie mit den Kriegserlebnissen abfinden. Der Schmerz ist geblieben, aber auch die schönen Kindheitserinnerungen an das Paradies im Wald bei Pleß. Die wenigen Fotos aus der Zeit, die wir bei Onkel Viktor verbracht haben, sind uns Kindern nach dem Krieg und dem Verlust des Onkels sehr wichtig geworden. Sie haben plötzlich eine besondere Bedeutung für uns bekommen. Hier ein paar Bilder aus der glücklichen Zeit, die wir trotz Krieg bei Onkel Viktor erleben durften.
Die Auerochsen im Reservat Jankowitz bei Pleß
Die Mutter meines Vaters, Maria O., geb. am 28. 09. 1878 in Teschen, mit ihrem
Sohn Viktor und seinen Kindern Ruth und Otto. Ein Bild aus den letzten gemeinsamen
Sommerferien in seiner Försterei in Jankowitz. Kurz darauf ist meine Familie
vor der russischen Armee geflüchtet.
Der Abschied – Fritz und Otto
Die letzten Ferien in Jankowitz, Sommer 1943
Der Abschied, Sommer 1943. Meine Eltern und alle sieben Kinder,
Toni, Lydia, Ruth, Fritz, Karl, Otto und Maria.
***
Nach unserer Rückkehr dauerte es nicht lange und unser Vater wurde von der Zentralregierung Polens nach Warschau eingeladen. Nach der Anmeldung und einem sachlichen, kurzen Gespräch wurde er gebeten, sich beim Industrieministerium zu melden. Ab diesem Zeitpunkt war mein Vater kein freier Mensch mehr. Er erhielt den Auftrag, die durch den Krieg zerstörte industrielle Infrastruktur wieder aufzubauen. Zu diesem Zweck hatte man das Büro für Wiederaufbau gegründet, welches mein Vater leiten sollte. Man gab ihm noch drei Ingenieure als Mitarbeiter. Hauptthemen waren zunächst die zwei Häfen an der Ostsee und deren Wiederaufbau. Anschließend sollten die Hütten und Gruben in Schlesien wieder in Betrieb genommen werden. Im Laufe der folgenden Jahre musste mein Vater die zerstörten Fabriken und Betriebe in verschiedenen polnischen Städten wiederaufbauen lassen und das Ganze beaufsichtigen. Das Ministerium, dem er jetzt unmittelbar untergeordnet war, schickte ihn durch ganz Polen, von einer Stadt zur nächsten, und schließlich mussten wir 1953 Bielitz verlassen und nach Breslau umziehen. Mein Vater war ein guter Organisator, er arbeitete effizient und schnell. Innerhalb von zwei Jahren konnten alle Fabriken in Breslau wieder in Betrieb genommen werden. Mein Vater arbeitete schon ein Jahr in Breslau, als er unsere Familie nachkommen ließ. Ein Jahr konnten wir dort gemeinsam mit unserem Vater verbringen, danach wurde er schon in die nächste Stadt, nach Swiebodzin bei Posen abkommandiert. Beim Umzug nach Breslau waren meine älteren Geschwister Toni und Fritz schon außer Haus, ich war vierzehn und Karl fünfzehneinhalb Jahre alt, als wir nach Breslau umziehen mussten.
Das Team für den Wiederaufbau Polens (links mein Vater mit 44 Jahren)
Im Jahre 1954 bekamen wir eines Nachmittags einen unerwarteten Besuch in Breslau. Er hatte uns alle nicht nur überrascht, er war auch ungewöhnlich. Es klingelte. Ich eilte neugierig zur Tür und machte auf. Vor mir standen zwei Polizisten, die nach meinem Vater verlangten. Ich rief ihn, er kam schnell dazu, und als er die beiden erblickte, bat er sie gleich ins Wohnzimmer, ohne eine einzige Frage zu stellen. Mein Bruder Karl und ich saßen zusammen mit der Mutter in der Küche und warteten gespannt und ungeduldig auf Vater. Das Gespräch dauerte lange, und als die Polizisten endlich unsere Wohnung verließen, atmeten wir erleichtert auf. Unser Vater kam dann langsam in die Küche, in der die Mutter schon mit dem Abendbrot auf ihn wartete. Er war erregt und nachdenklich, er wusste nicht, wie er anfangen sollte. Schließlich sagte er leise: „Sie haben von mir verlangt, dass ich meinen deutschen Namen aufgebe. Sie wollten auch, dass ich in die polnische Partei eintrete.“ Vater war noch fassungslos und versuchte, sich zu beruhigen. Wir alle waren verblüfft und warteten mit Spannung, wie das Gespräch ausgegangen war. Unser Vater hatte dieses nach längerem Ringen mit einer Frage beendet. Diese hatte gelautet: „Was ist Ihnen lieber? Ein Mensch, der nichts auf die Reihe kriegt, aber ein Parteigenosse ist, oder ein parteiloser, aber ehrlicher Mensch, der arbeiten kann?“ Die Polizisten hatten nichts erreicht und waren gegangen. Mein Vater hatte weder seinen Namen aufgegeben noch war er in die polnische Partei eingetreten.
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