Ohne Lennarts Hinweis wäre ihr der Pfad vermutlich gar nicht aufgefallen. Vor ihr lag ein dichter Wald aus Kiefern und vereinzelten Fichten, zwischen den Stämmen hatte sich einiges an Unterholz angesammelt und der Boden war mit einem Gestrüpp aus Büschen bedeckt. Nur an einer Stelle fielen die Büsche unnatürlich gerade nach unten ab und eröffneten den schmalen Zugang zu einer Art Trampelpfad. Marie schlängelte sich zwischen ihnen hindurch und wollte gerade loslaufen, als sie erstarrte. Zwei Meter vor ihr, wo der Boden schon von den Bäumen geschützt war, zeichnete sich im Untergrund eindeutig ein Schuhabdruck ab.
Unwillkürlich wirbelte Marie einmal um die eigene Achse. Niemand zu sehen. Sie ging langsam auf den Abdruck zu und setzte ihren eigenen Fuß daneben. Sie selbst trug Schuhgröße 37 – wer immer hier zuletzt gelaufen war, gut zwei bis drei Nummern größer.
In diesem Moment fiel Marie der Zwischenfall in ihrer ersten Nacht wieder ein. Konnte der Schuhabdruck von der fremden Frau stammen? Sie hatte relativ groß gewirkt. Als Marie ihr nach einigen Sekunden des Zögerns auf die Veranda gefolgt war, war sie bereits nicht mehr zu sehen gewesen. Automatisch war Marie davon ausgegangen, dass sie die Einfahrt entlang zurück zur Straße gelaufen war. Konnte sie stattdessen hier in den Wald geflüchtet sein?
Der nächtliche Schreck, den das unerwartete Zusammentreffen Marie bereitet hatte, war inzwischen verblasst. Die Frau hatte zu harmlos ausgesehen und bei Maries Anblick selbst zu schockiert gewirkt, um eine wirkliche Gefahr für sie darzustellen. Außerdem wirkte ihr Vorgehen für eine Einbrecherin zu unprofessionell. Marie hatte sich die Theorie zurechtgelegt, dass es sich um eine verwirrte Nachbarin gehandelt hatte, die sie sicher bald mal auf der Straße treffen würde.
‚Bei dem Schlafmangel hier oben muss man ja irgendwann einen Dachschaden bekommen.‘ Trotz aller beruhigender Gedanken merkte Marie, wie ihr Puls bei der Vorstellung eines erneuten Aufeinandertreffens unwillkürlich wieder hochschnellte. Sie wusste nicht, was ihr weniger gefiel: dass die fremde Frau sich hier vermutlich auskannte, weitaus besser auskannte als sie selbst, oder dass es sich hier vielleicht gar nicht um ihren Schuhabdruck handelte und noch jemand anderes kürzlich auf diesem verborgenen Waldweg unterwegs gewesen sein musste. Sie blickte sich noch einmal kurz in alle Richtungen um und lief dann los.
Der Waldboden war weich und federnd, perfekt zum Joggen. Schon nach 20 Minuten erreichte sie den See. Hier mündete der Pfad in einen Weg, der nach Norden hin am Ufer entlangführte.
Sie blickte aufs Wasser. Keine Spur von der wunderschönen, blauen und spiegelglatten Oberfläche, die Marie auf einigen Fotos gesehen hatte, die vermutlich ihre Vormieter im Wohnzimmer hinterlassen hatten. Vor ihr lag eine wenig einladende grau-weiße Fläche, hinter der sich eine bedrohliche dunkle Wolkenwand über dem Westufer aufgebaut hatte, die alles andere als Wetterbesserung in Aussicht stellte.
Marie schaute zurück. Auch der Weg hinter ihr wurde bereits vom tiefhängenden Nebel verschluckt. Doch die Bewegung und frische Luft fühlten sich gut an und sie joggte weiter, ohne dem Wetter größere Beachtung zu schenken.
Eine Viertelstunde später bereute sie diese Entscheidung. Keuchend stützte sie sich mit ihren Händen auf den Knien ab. Mittlerweile war sie am nördlichen Ende des Sees angekommen, aber der Weg vor ihr drehte nicht wie erwartet mit dem Ufer nach links, sondern machte eine weitläufige Rechtskurve in den Wald. Marie überlegte. Sollte sie die gleiche Strecke zurücklaufen oder dem Weg weiter in den Wald folgen und darauf hoffen, dass er sie in die Nähe des Hauses zurückführte. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie froh über die jährlichen Fortbildungen, zu denen ihr alter Chef sie genötigt hatte. Basics der Orientierung schienen hier deutlich mehr Sinn zu machen als im schwäbischen Feierabendverkehr.
Während sie wie automatisch begann, ihre Waden zu dehnen, rief sie sich eine Karte der Gegend ins Gedächtnis, die sie seit ihrer Ankunft in Schweden zur Genüge konsultiert hatte, und konzentrierte sich auf die Lage von Haus und See in Bezug zueinander.
‚Müsste passen.‘ Sie nickte zufrieden und lief den Weg entlang weiter in den Wald.
Tatsächlich drehte der Pfad schon nach cirka 100 Metern in die gewünschte Richtung ab. Trotzdem kam sie nicht so schnell voran wie erhofft. Drei Faktoren verlangsamten ihren Schritte nun deutlich: ihre nachlassende Fitness, die neblige Dunkelheit, die nun selbst für deutsche Verhältnisse beinahe nächtliche Ausmaße annahm, und der Untergrund. Lennart hatte sie ermahnt, immer auf den Wegen zu bleiben. Doch inzwischen war Marie sich nicht mehr sicher, wo genau der Weg verlief. Aus dem weichen, trockenen Erdreich war ein matschiges Erd-Schlamm-Gemisch geworden, das bei jedem ihrer kürzer werdenden Schritte ein schmatzendes Geräusch verursachte. Auch die Landschaft um sie herum hatte sich verändert. Der Wald war lichter geworden und auf den immer größer werdenden Freiflächen schimmerte es feucht zwischen hohem Sumpfgras.
Plötzlich wurde Marie schwindlig. Sie hielt abrupt an und sank auf die Knie. Jeder Schritt auf dem morastigen Untergrund hatte sie deutlich mehr Kraft gekostet als auf festem Boden. Das forderte jetzt seinen Tribut. Erschöpft ließ sie sich auf den Rücken fallen und zog die Beine an. Dass ihre Klamotten sich sofort mit Schlamm vollsogen, war ihr in diesem Moment egal.
‚Keine Panik‘, versuchte sie sich zu beruhigen. Sie atmete tief ein und aus, bis sich nach wenigen Minuten das Schwindelgefühl gelegt hatte. ‚Ich folge einfach meiner eigenen Spur nach Hause.‘
Doch alle Vernunft und Logik waren in dem Moment verflogen, als Marie ihren Kopf zur Seite neigte und in die weit aufgerissenen Augen des Todes blickte.
Wie gelähmt lag Marie vor der Toten. Zehn Sekunden, eine Minute, fünf Minuten, sie wusste nicht, wie lange. Zeit und Raum schienen zusammenzuschrumpfen und sich auf diesen einen Moment zu verdichten, auf die zwei Körper im Moor – den der leblosen Frau und ihren eigenen, in dem das Blut umso dringender durch die Adern gepumpt wurde.
Erst als das Rauschen in ihrem Kopf langsam abebbte, begann sie, die Geräusche um sich herum wahrzunehmen. Ein Rascheln von rechts. Ein Schmatzen von links. Und ein Knirschen ziemlich nah hinter ihr. Normale Waldgeräusche. Normalerweise.
Marie schloss die Augen und zählte langsam bis zehn. Dann öffnete sie sie wieder. Nichts hatte sich geändert an dem schrecklichen Bild, das sich ihr bot.
Die Frau lag ungefähr zwei Meter von ihr entfernt auf dem Bauch. Von ihrem Körper war nicht viel zu sehen. Bis auf den Kopf, der augenscheinlich von einem Strauch an der Oberfläche gehalten wurde, und einem Teil ihres Rückens war sie bereits komplett in dem sumpfigen Morast versunken.
‚So fühlt sich das also an‘, ging es Marie durch den Kopf, nachdem sich der erste Schock gelegt hatte. ‚So ein Moment, den man sich vielleicht ausmalen konnte – weil man fernsieht und liest und darüber nachdenkt, wie man selbst reagieren würde, aber der sich doch nie wirklich vorhersehen ließ. So ein Moment, wenn man allein im nebligen Moor in die Augen einer menschlichen Leiche starrt.‘
Überrascht stellte sie fest, wie ruhig sie dabei äußerlich geblieben war.
Gerade wollte Marie sich vorsichtig auf die Tote zu bewegen, als diese ihr plötzlich zublinzelte.
„Fuck!“
Marie wich zurück. Abermals schoss ihr Puls in die Höhe.
Mit rasendem Herzen erkannte sie schon einen Augenblick später, dass sie sich getäuscht hatte. Der Eindruck des Blinzelns war entstanden, als sich ein dicker Wassertropfen aus den Wimpern der Toten gelöst hatte und über das weit aufgerissene Auge gelaufen war.
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