Zurück am Auto hatte Marie einen Plan gefasst. Die Identität der toten Frau ließ ihr keine Ruhe. Immer wieder beschäftigte sie die Frage, wer sie war und was sie in der Nacht an ihrem Haus gesucht haben konnte. Könnte das vielleicht sogar etwas damit zu tun haben, dass sie jetzt tot war?
Sie wollte unbedingt mit Lennart darüber sprechen. Er war in Lågomby aufgewachsen und gut vernetzt. Entschlossen startete sie den Wagen und fuhr los.
Sie war erst auf halber Strecke, als ihr plötzlich schlecht wurde. Ihr Kopf fühlte sich merkwürdig leicht an, während sich in ihrem Bauch alles drehte. Sie schaffte es gerade noch, rechts ranzufahren, lehnte sich über den Beifahrersitz und übergab sich durch die geöffnete Tür in den Straßengraben. Erschöpft blieb sie einen Augenblick quer über die beiden Sitze ausgestreckt liegen. Das war knapp gewesen. Dann fischte sie den ausgelutschten Beutel Tabak unter der Lippe hervor. Angewidert warf sie das Ding in den Graben. Sie raffte sich auf, schloss die Tür und fuhr langsam weiter.
Im Büro angekommen, steuerte Marie zielstrebig den Besucherstuhl vor Lennarts Arbeitsplatz an. Der sah überrascht von einer Kalkulation der verfügbaren – und größtenteils ungenutzten – Besucherunterkünfte in der Region Lågomby auf.
„Hej Marie!“
Marie lächelte kurz. Sie mochte es, wie Lennart ihren Namen aussprach. Das weich gerollte R verlieh dem bisher immer so unspektakulären Marie eine fast exotische Note.
„Alles okay? Du bist ja ganz blass.“
„Mir ist nur ’n bisschen schlecht. Hab zu viele Süßigkeiten gegessen.“
Sie hob die Tüte mit den sauren Drops in die Höhe.
„Ah ja, Schweden und seine Süßigkeiten. Da braucht man jahrelange Erfahrung, um damit umgehen zu können.“
Lennart schmunzelte. „Wie war‘s bei Bengt?“, fragte er nach einer kurzen Pause in einem so beiläufigen Tonfall, als sei Marie bei ihrer Oma zum Kaffeeklatsch gewesen.
Sie seufzte. „Keine Ahnung. Ich weiß eigentlich gar nicht, was er von mir wollte.“
Lennart hob die Augenbrauen. „Du bist immerhin eine wichtige Zeugin. Die die Leiche gefunden hat.“
„Ja, eben. Aber er wollte gar nichts von mir wissen. Er hat mir nicht einmal geglaubt, dass ich die Frau vorher schon mal gesehen habe.“
Marie ließ sich frustriert gegen die Stuhllehne zurückfallen. Sie wünschte sich einfach nur noch, dass das alles nie passiert wäre. Dass sie sich nicht im Wald verlaufen hätte, dass sie dabei nicht über eine Leiche gestolpert wäre, und vor allem, dass sie nicht immer wieder diese verdammten Augen vor sich sehen müsste, sobald sie auch nur für eine Sekunde aufhörte, ihr Gehirn aktiv zu beschäftigen. Aber weil das alles nicht rückgängig zu machen war – vielleicht auch, weil es ihr zunehmend schwerer fiel, positiv zu bleiben –, wollte sie wenigstens wissen, was genau passiert war.
Sie suchte Lennarts Blick. „Was ist das eigentlich für ein Haus, in dem ich wohne? Ich meine, wer wohnt da sonst?“
„Im Waldhaus? Das wird für alles Mögliche genutzt. Früher war es ein Gästehaus der Alfredssons. Als der alte Pärre gestorben ist, hat er das Haus der Gemeinde vermacht. Seitdem ist es eine Gelegenheitsunterkunft für jeden, der eine braucht. Waldarbeiter, Jäger, … Vor ein paar Jahren hat sich eine Langläuferin dort eingemietet, die hier ungestört trainieren wollte.“ Lennart grinste. „Da hat halb Lågomby sich schon als Olympiastützpunkt gesehen. Leider hat sie sich nach wenigen Wochen den Knöchel gebrochen. Damit war die Saison für sie gelaufen. Und für uns auch.“
„Das war nicht zufällig die unbekannte … ?“ Marie stockte. Das Wort Tote wollte ihr nicht über die Lippen kommen.
Lennart schüttelte den Kopf. „Anna Larsson hat ihre Karriere danach an den Nagel gehängt. Ich glaube Lågomby war von vornherein ihr letzter verzweifelter Versuch, es ins Nationalteam zu schaffen. Inzwischen arbeitet sie bei der Nachwuchsförderung in Umeå.“
„Vielleicht wollte die Frau ja jemanden besuchen, der dort mal gewohnt hat. Einen … Waldarbeiter oder Jäger oder so?“
Ächzend unterbrach Marie ihren eigenen Gedankengang. Beinahe entschuldigend sah sie zu Lennart auf, der sich nun von seinem Bürostuhl erhob und neben Marie an den Schreibtisch lehnte.
„Ich möchte doch nur wissen, was sie bei mir gesucht hat. Vielleicht hätte ich ihr ja helfen können.“
Sie ärgerte sich, dass ihre Stimme nun doch weinerlich klang. Aber als Lennart sich zu ihr herunterbeugte und sie vorsichtig an sich drückte, gab sie endlich nach. Sie verbarg ihr Gesicht an seiner Schulter und drückte ihre Tränen in sein noch neu riechendes Hemd.
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