„Natasche!“ rief Eugène gequält, „verlangen Sie es heute nicht! nicht jetzt, wo noch die Melodien jenes andern vor meinen Ohren schwirren, dessen Spiel Ihr Lächeln gewann und dessen Meisterschaft ich nie erreiche.“
„Sarasne fliegt voran zur Sonne, Sie sahen den Weg heute, den er nahm — folg’ ihm, junger Adler!“
Der grosse, flammende Blick der Kalnaffskoi ruhte auf seinem Antlitz, und gleichsam, als müsse er empor zu diesen schwarzen Augensonnen streben, fasste Melnick Bogen und Geige und spielte.
Regungslos lauschte Natasche. Eugène spielte keine Komposition, er sprach in Tönen und all dies Hangen und Bangen, Jubeln, Weinen und Seligsein quoll in goldener Melodie aus den Saiten und zitterte durch das kleine Boudoir wie der sehnsuchtsvolle Seufzer: „Lächle auch mir zu, Natasche, strahlt auch mir, ihr Sterne meines fernen Ziels!“ —
Und er liess die Geige sinken und schlug die Hand vor das zuckende Angesicht.
„Melnick!“ klang es leise neben ihm.
Da schaute er empor wie ein Sterbender.
Unter dem Lüster stand Natasche, wie Strahlenglanz floss der lichte Atlas um sie her, das ernste, stolze Haupt war ihm zugeneigt, und das Antlitz lächelte.
„Sie haben den Weg gefunden, Eugène,“ sprach sie leise, „nicht allein Sarasne hat heute abend ein Meisterstück gespielt!“
„Natasche!“ schrie er auf, sank in die Knie und hob die Arme — —
Da winkte ihm die weisse Hand, und das lächelnde Antlitz ward ernster denn je, und die Portieren schlugen hinter ihr zusammen.
Es war im Frühling, die Zeit der langen Tage. Auf den Inseln, der Promenade der eleganten Petersburger Welt, wogte ein endloser Korso von Wagen und Reitern. Im offenen Coupé, allein mit der jugendlichen Cousine, Comtesse Delly S., lag Natasche in hellen Seidenpolstern. Sie neigte sich zur Rechten, um mit der Fürstin K., der gefeierten Komponistin manches reizenden russischen Liedes, deren Wagen dicht an ihrer Seite fuhr, herzliche Begrüssungsworte zu tauschen. Fürstin K. fuhr in Begleitung des jungen Sarasne, welcher, ihr vis-a-vis, gleichgültig, fast unhöflich teilnahmlos sein Haupt in die Hand stützte. Ihm verzieh man alles. Noch immer in gewaltigen Pelz gehüllt, den Hut tief in das bleiche Antlitz gezogen, starrte er regungslos vor sich nieder, unverwandt auf den sammetnen Dolman der Fürstin, dessen goldgestickte Dessins sein Blick mechanisch verfolgte. Plötzlich aber hoben sich die schwarzen Wimpern, sein Auge glühte auf Natasches Antlitz.
„Wann reisen Sie ab, Fräulein von Kalnaffskoi?“ fragte er kurz.
„In wenigen Tagen, wir nehmen längeren Aufenthalt in Ischl.“
Ein Ross parierte an der freien Seite des gräflich S.schen Gefährts und Melnick zog grüssend den Hut. Natasche neigte das Haupt flüchtig gegen ihn, und fuhr zu Sarasne gewandt fort: „Kennen Sie Ischl? Wie freue ich mich auf das Idyll dieser Bergeinsamkeit!“
„Ich werde es kennen lernen,“ entgegnete Sarasne kurz, „ich vollende in nächster Zeit eine neue Komposition; ist sie fertig, reise ich über Ischl nach Paris und spiele sie Ihnen vor.“
„O köstlich! Welcher Art ist das Werk?“ Natasche rief es hastig, ihr Auge leuchtete auf.
„Ich habe es ‚Eifersuchts-Notturno‘ getauft.“ Der Künstler lachte leise, hob mechanisch die bleiche Hand und zog den Pelz fester um sich her.
„Origineller Titel!“ Die Fürstin K. blickte den gefeierten Mann schwärmerisch an und setzte leiser hinzu: „Was können Sie über Eifersucht sagen, Sarasne, ich glaube, es ist dies die einzige Leidenschaft, zu welcher Sie — noch keine Veranlassung hatten!“
„Wer weiss, Fürstin? Mag’s meine Musik beweisen. Ich vergöttere die Eifersucht, denn ohne sie fehlte der Liebe die schärfste Waffe.“
„Inwiefern?“ Natasche hob mit fragendem Blick das stolze Haupt.
„Ist ein Herz aus Eis und Stein gemeisselt, Fräulein von Kalnaffskoi, gleiten Bitten, Beteuerungen und Liebesschwüre wie mattes Mondlicht an ihm ab, dann greift der erfinderische Mensch zu einem Funken, die Eifersucht genannt, streut ihn spielend auf das kalte Herz, und nicht lange währt’s, dann glimmt und zündet es, Unmut, Groll, Bitterkeit und Zorn züngeln mit lichter Flamme auf, um schliesslich Seele und Leib in ein lohendes Meer der Leidenschaft zu verwandeln!“ Sarasnes leise Stimme hatte sich gesteigert, eine fast unheimliche Überzeugung durchklang sie, und der dunkle, dämonische Blick brannte auf den bleichen Wangen Natasches.
„Bravo, Sarasne!“ rief Melnick mit jähem Auflachen, grüsste hastig die Damen, riss seinen Rappen herum und sprengte, an Wagen und Rossen vorbei, die Promenade hinab.
Die Gesellschaftsräume des Hotel Bauer zu Ischl waren der vornehmen Welt zu Spiel und Tanz geöffnet. Sarasne war da; fast zu gleicher Zeit mit ihm war Baron von Melnick in dem Hotel abgestiegen.
In weitem Kreis sassen die russischen Herrschaften, unter ihnen Träger der höchsten Würden, in dem kleinen Salon neben dem Speisesaal. Sarasne lehnte neben dem Sessel Natasches, er neigte sich oft lebhaft zu ihr hernieder, er lachte, scherzte, er war wie umgewandelt, kein Mensch wusste den seltsamen Mann zu deuten.
Fräulein von Kalnaffskoi war zerstreut.
An der weitgeöffneten Balkonthüre stand Madame Wreffsky, die gefährliche, kokette Schönheit Petersburgs. Sie trug eine weisse Bluse, durch deren gesticktes Spitzenmuster das warme Rosa ihrer Sammethaut leuchtete, ein farbiger Seidenrock floss in langen, schmucklosen Falten von den Hüften hernieder, als einzige Zierde glühte die dunkle Rose im Gürtel.
Aschblondes Haar fiel tief in Stirn und Nacken, und ständig wechselnd im Ausdruck, träumerisch von langer Wimper verscheiert, oder in sprühender Leidenschaft voll aufgeschlagen, glänzten die gefeiertsten Augen des Russenreichs in dem ovalen, zartrosa Antlitz.
Neben ihr lehnte Melnick. Er schien sich nicht von ihrem Anblick losreissen zu können, er war der Schatten der schönen Frau. Stundenlang begleitete er sie auf den Promenaden, welche Madame Wreffsky mit Vorliebe zu Pferde in die Umgegend Ischls machte, er sass mit verschränkten Armen neben ihr, wenn die reizende Amazone, hoch auf luftigem Kutschersitz thronend, ihr feuriges Dreigespann durch die Promenaden peitschte, und donnerte das Gefährt an dem Balkon Natasches vorüber, dann flog sein Blick unbemerkt zu ihr empor, und sah er die tiefe, zornige Falte zwischen den Brauen des stolzen Weibes, dann leuchtete es wie Sonnenschein über sein bleiches Antlitz.
Auch jetzt irrte Natasches Blick über all die plaudernden Gruppen zu Melnick hinüber. Er fühlte es, lächelte noch schwärmerischer zu der verführerischen Frau an seiner Seite auf, wies hinaus in das milde, träumerische Mondlicht des Gartens und bot Madame Wreffsky den Arm.
Sie kicherte hinter dem Fächer und hob scherzhaft drohend den Finger, aber sie legte die weisse Hand auf seinen Arm und folgte ihm in das magische Dämmerlicht des Parkes.
Natasche fühlte einen brennenden Schmerz im Herzen, sie lehnte das Haupt zurück und schloss momentan die Augen.
„Es ist entsetzlich schwül hier,“ flüsterte Sarasne mit brennendem Blick zu ihr nieder, „darf ich Sie hinaus in die Anlagen führen, Fräulein von Kalnaffskoi, es ist wunderbar schön, durch blühende Büsche und silbernen Mondschein zu gehen, man träumt die Märchen aus Tausend und einer Nacht.“
Natasche entfaltete gelassen den goldeingelegten Fächer. „Ich danke Ihnen, Sarasne, ich hege im Augenblick nur ein Verlangen, das, Ihr ‚Eifersuchts-Notturno‘ zu hören!“
„Sie sollen es hören!“ und der Künstler wandte sich zur Thür, um seine Geige zu holen.
Wenige Augenblicke und er stand mit fahlen Zügen wieder vor der Kalnaffskoi.
„Ich kann nicht spielen,“ murmelte er mit funkelndem Blick, „ruchlose Hände haben mir den Geigenbogen zerbrochen!“
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