»Du bist bestimmt frisch wie ein Fisch«, lächelt der Doktor und putzt sich die Nase.
»Das sagt Großvater auch, aber bald ist Winter.«
Mutter muß sich setzen, und der Doktor gerät hinter seinem Taschentuch auch ganz durcheinander.
»Winter? Dann willst du wohl skilaufen?«
Herman kann nicht antworten. Er friert. Kein Wunder, daß die sich hier drinnen erkältet haben. Der Doktor hat ein Vergrößerungsglas hervorgeholt, legt seine Finger auf Hermans Haare und lehnt sich über die Kopfhaut. Das dauert eine ganze Weile. Es ist unglaublich, wie neugierig im Augenblick alle sind. Und wieder ist es still. Es ist so still, daß Herman Tonne hören kann, wie er gerade in der dritten Stunde die Kreide zerbricht. Endlich ist der Doktor fertig, dreht sich weg und niest wie ein Orkan.
»Habe ich Läuse?« fragt Herman.
»Weit gefehlt«, sagt Mutter. »Wie kommst du auf so was?«
»Björnar hatte sie letztes Jahr. Sechshundertzweiunddreißig Stück.«
Die Arzthelferin, die jetzt auch angefangen hat zu niesen, gibt ihm ein Glas, das unten ganz schmal und oben ganz breit ist.
»Nun müssen wir nur noch eine kleine Urinprobe nehmen. Du hast hoffentlich etwas zurückgehalten?«
»Man hat lange gesammelt.«
Herman dreht ihnen den Rücken zu, knöpft die Hose auf und zielt. Und dann kommt es. Es kommt viel. Es steigt und steigt, bald reicht es fast bis zum Rand. Er beginnt, mit den Schultern zu zucken.
»Du bist sicher gleich fertig?« fragt Mutter hinter ihm.
»Noch nicht«, quetscht Herman hervor.
Es geht einfach weiter, ist nicht zu stoppen, jetzt läuft es über den Rand, die Sprechstundenhilfe kommt mit einem neuen Glas angerannt, sie tauschen, und Herman ist immer noch nicht leer. Mutter umkreist ihn nervös. Herman starrt an die Wand, er hat noch nie so lange gepinkelt. Bald ist das zweite Glas auch voll, der Arzt holt zwei Kaffeetassen, Herman füllt sie im Nu, und alle laufen hin und her und schreien sich etwas zu. Der Doktor holt die Pflanze vom Fensterbrett, Herman begießt sie gründlich, und endlich geht es dem Ende zu, die letzten Tropfen laufen die Blätter hinunter. Der Arzt wischt sich den Schweiß von der Stirn und muß sich erst mal auf die Matratze legen.
»Das war das«, sagt Herman, er knöpft sich den Hosenstall zu und lächelt zufrieden Mutter an. »Jetzt bist du dran.«
Aber der Arzt ist schon wieder auf den Beinen, kommt mit einer Spritze in der Hand auf ihn zu. Herman bekommt eine Gänsehaut unter den Füßen. Er weicht zurück und stößt gegen die Arzthelferin, die ihm schwer ihre Hände auf die Schultern legt. »Sie haben gelogen«, sagt Herman und zeigt auf den Arzt.
»Das ist keine Spritze«, versucht der. »Wir brauchen nur eine Blutprobe.«
»Sieht aber ganz so aus.«
»Willst du dich vielleicht hinsetzen?«
»Ich bleibe hier stehen.«
»In Ordnung. Jetzt spannen wir die Armmuskeln so stark an, daß wir eine Ader finden können.«
Aber das ist leichter gesagt als getan. Sie müssen überall suchen, der Arzt drückt und tastet. Und plötzlich sticht er die Nadel durch die Haut und zieht Blut heraus.
»Jetzt werd’ ich ohnmächtig«, sagt Herman langsam.
»Das geht doch prima«, flüstert Mutter, sie sieht aber auch nicht besonders frohgelaunt aus.
»Jetzt bin ich ohnmächtig«, sagt Herman und poltert zu Boden. Als er wieder zu sich kommt, liegt er auf der Matratze, hat ein feuchtes Tuch auf der Stirn und eine Flasche Coca-Cola in Reichweite.
Zuerst glaubt er, das Ganze sei nur ein Traum gewesen und er sei gar nicht zu sich selbst gekommen, sondern an einen ganz anderen Ort. Dann erkennt er den Arzt und die Sprechstundenhilfe wieder, aber Mutter sieht anders aus als vorher, ihr Gesicht ist weiß wie ein Tennisball, und sie muß sich gegen die Wand lehnen. Als er schließlich Stimmen hört, ist er ganz sicher, daß er doch zu sich selbst gekommen ist. Und die Cola schmeckt auch nicht schlecht.
»Haben Sie schon früher Haarausfall bemerkt?«
»Nicht daß ich wüßte«, sagt Mutter leise.
»Sie haben keine Haare im Abfluß oder im Kamm gefunden?«
»Schon ein paar, aber ich habe mir nichts dabei gedacht.«
»Ich kann nichts Genaues sagen, bevor wir die Proben untersucht haben. Aber Sie müssen auf das Schlimmste gefaßt sein: daß sämtliche Haare ausfallen.«
Alle schauen auf Herman. Mutter tritt zu ihm und beugt sich hinab.
»Bist du wach, Herman?«
»Glaub’ schon. Man muß nur erst die Cola austrinken.«
Danach wird ihnen der Weg hinaus gezeigt, und im Wartezimmer sind alle noch kränker geworden, sie schaffen es kaum noch, aufrecht auf ihren Stühlen zu sitzen, jammern sich gegenseitig etwas vor und verdrehen die Augen nach oben.
»Es tut nicht sehr weh«, sagt Herman. »Nur ein bißchen.«
Draußen hat es inzwischen angefangen zu regnen, so ein Herbstregen, der sich wie ein Spinngewebe aufs Gesicht legt. Mutter hält Herman so fest an der Hand, daß es fast weh tut, und sie ist immer noch ganz weit weg – als ob jemand den Tennisball hoch über die Häuserdächer geschlagen hätte. Herman versucht sich Mutter ohne Haare vorzustellen. Das ist unmöglich.
»Du warst sehr tapfer«, sagt sie und räuspert sich.
»Du warst auch nicht schlecht.«
Da hört er ein merkwürdiges Geräusch, und er muß nach oben gucken. Es ist schwierig zu erkennen, ob sie weint oder ob das nur der Regen ist.
»Sei nicht traurig, Mutter«, sagt Herman. »Wenn zu viele ausfallen, kannst du dir eine Perücke kaufen.«
Nun ist es ganz sicher, daß sie weint, und in der Bygdöy-Allee fällt sie fast über eine Kastanie und sieht weder nach rechts noch nach links.
»Du kannst rotes Haar kriegen!« sagt Herman laut. »Rote Haare sind die schönsten, die ich mir denken kann!«
Und er führt Mutter sicher über die Straße.
Zum Mittag gibt es Hähnchen und als Nachtisch Eis. Aber etwas versteht Herman nicht ganz. Jetzt ist auch noch Vater komisch im Gesicht, und zwischendurch redet er englisch, und das bedeutet nie etwas Gutes. Herman darf bis halb zehn aufbleiben, und Vater erzählt, daß er schon Karten in der ersten Reihe für Zorro gekauft hat, und er fragt Herman, ob er nicht gern wie Zorro einen Degen und eine schwarze Maske hätte. Insgesamt sind die Eltern so seltsam, daß Herman fast erleichtert ist, als er ins Bett gehen muß. Beide kommen noch in sein Zimmer, und Vater zaubert mit den Kastanien, und er zaubert so stark, daß zwei weg sind. Und danach muß Herman ihn trösten.
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