Wohnzimmer Plache-Stadion: Im Dezember 2003 beleben 13 Gründungsmitglieder den Traditionsverein 1. FC Lok Leipzig neu, der 1987 im Europacup-Finale der Pokalsieger stand.
Stimmenfang am Stadion
Neonazis unterwandern die Fanszene des 1. FC Lokomotive Leipzig, rekrutieren dort Mitglieder und schöpfen Wählerstimmen für die NPD. Ein Hausverbot hält sie nicht ab – im Internet und per SMS organisieren sie sich ohnehin viel effizienter. Trägt dieses Klima dazu bei, dass sich rechtsextreme Einstellungen der Anhänger in Gewalt entladen?
Als Holger Apfel am Abend des 30. August 2009 durch die überfüllten Flure des Dresdner Landtages eilt, ist da immer ein Mann, der ihm eine Schneise durch die Menschen öffnet. Der schiebt und drückt und drängt. Entschlossen und mit ernstem Blick. Apfel ist Chef der sächsischen NPD, er freut sich an jenem Sonntag über den Wiedereinzug seiner Partei ins Parlament des Freistaates – nie zuvor war das einer NPD-Fraktion in Deutschland gelungen. 5,6 Prozent der Wähler haben den Rechtsextremen an diesem 30. August ihre Stimme gegeben. Nun baut sich Apfel vor immer neuen Fernsehkameras auf. Währenddessen wartet Marco Remmler, der Leibwächter, hinter einer Absperrung, breitbeinig, die Schultern nach vorn geschoben, die Hände vor dem schwarzen Sakko gefaltet. Nach jedem Interview muss Remmler für seinen Boss eine Schneise schlagen. Schneisen schlagen, das ist Remmlers Aufgabe, in der Politik, im Fußballmilieu. Doch eigentlich sind Politik und Fußball in Sachsen nicht mehr voneinander zu trennen. Vor allem in Leipzig.
Die NPD hat in Sachsen ihr größtes Stammwählerpotenzial, das hat sie auch ihrem Einfluss im Fußball zu verdanken. In keinem anderen Klub ist die NPD so nah an die Fans herangerückt wie beim 1. FC Lokomotive Leipzig. Einige Anhänger erleichtern der Partei die lokale Verankerung, den angestrebten Weg zu mehr Akzeptanz. Die NPD macht sich im Umfeld des 1. FC Lok einen rechten Grundtenor zunutze, den viele Fans im heimischen Bruno-Plache-Stadion teilen. Das Stadion liegt in Probstheida, im Südosten Leipzigs. Die neu erblühte Stadtmitte ist fünf Kilometer entfernt, doch hier draußen sind die Häuser unsaniert, die Straßen voller Schlaglöcher. Immer wieder brechen Einstellungen der Fans heraus: Im Februar 2006 stellen sich Lok-Fans während eines A-Jugend-Spiels im Stadion so auf, dass ein menschliches Hakenkreuz entsteht. Auf einem Transparent steht 2002: „Wir sind Lokisten, Mörder und Faschisten“. Regelmäßig beschmieren sie Wände mit fremdenfeindlichen Parolen. Aber das sind nur die sichtbaren Zeichen einer Bewegung, die immer seltener sichtbar wird. Doch wie genau verwandelt die NPD diese Ausbrüche in ein politisch messbares Ergebnis? Wie gewinnt sie aus dem diffusen Weltbild junger Fans, das sich oft in Diskriminierungen und Aggressionen erschöpft, ihre Wählerstimmen? Und wie rekrutiert sie im Fußball Nachwuchs für die Partei? In Leipzig lassen sich Antworten auf diese Fragen finden.
Der Reihe nach: Lokomotive Leipzig, Nachfolger des VfB Leipzig, des ersten Deutschen Meisters von 1903, zählt zu den erfolgreichsten Vereinen der DDR, steht 1987 im Finale des Europacups der Pokalsieger. Im Jahr 2003 geht der Klub zum zweiten Mal pleite – ihm droht die Abwicklung. Fans wollen den Verein wiederbeleben, in der elften Liga, ganz unten. Am 10. Dezember gründen 13 Mitglieder in der Leipziger Kneipe „Treibhaus“ den neuen 1. FC Lok. Den Vereinsvorsitz übernimmt der gelernte Koch Steffen Kubald, der lange als Fanbeauftragter tätig war. Ebenfalls am Tisch: der Maler und Lackierer Marco Remmler, der seinen wahren Namen nicht veröffentlicht sehen will. Kubald und Remmler waren früher Hooligans, sie haben sich für ihren Klub geprügelt. Dass Remmler in der rechtsextremen Szene unterwegs ist, scheint niemanden im „Treibhaus“ zu interessieren. Manche teilen seine Ansichten. Sie brauchen jede helfende Hand. Auf Politik wollen sie keine Rücksicht nehmen.
Marco Remmler, geboren 1977, will erfolgreichen Fußball sehen, doch er hat noch ein anderes Ziel: Er will ein Stadion ohne farbige Nachwuchsspieler, ohne Andersdenkende, ohne Homosexuelle. Lok soll ein „nationaler Familienverein werden“. An Spieltagen klemmt er einschlägige Flugblätter hinter die Scheibenwischer der Autos. Hilft beim Verkauf von Fanutensilien. Schwärmt von einem der meistverkauften Artikel: einem dunkelblauen T-Shirt, verziert mit dem Wappen von Lok, darauf der Reichsadler, umrahmt von altdeutscher Schrift: „Wir sind die Größten der Welt!“ An Wochenenden trifft Remmler Kinder und Jugendliche, die sich für den Fußballverein begeistern. Sie sehen Remmlers trainierte Schultern, seinen rasierten Schädel, seine Tätowierungen. Im Stadion kursieren Geschichten aus seiner Vergangenheit, Schlägereien mit gegnerischen Fans und Polizisten. Die Jungen schauen zu ihm auf. Remmler beschreibt seine Bewegung mit Worten, die den Jungs gefallen: unangepasst, rebellisch, heldenhaft.
Oben: Agitation mit Breitenwirkung: Marco Remmler ist Grün dungsmitglied von Lok und seit 2006 Mitarbeiter der NPD
Rechts: Begehrtes Kleidungsstück: Marco Remmler schwärmt von einem dunkelblauen T-Shirt, verziert mit dem Wappen von Lok, darauf der Reichsadler, umrahmt von altdeutscher „Wir sind die Größten der Welt!“
Lange darf der Neonazi Remmler schalten und walten. Das ändert sich mit dem sportlichen Erfolg. Lok spielt besser, als viele erwarten, stürmt von Aufstieg zu Aufstieg, vor tausenden Zuschauern. Damit steigt der Druck auf den Präsidenten Steffen Kubald, sich von rechtsextremen Anhängern zu distanzieren. Die Trennung von Remmler gipfelt im Februar 2007 in einem Hausverbot. „Eigentlich wollte ich niemanden aus der Familie ausschließen. Ich dachte, die kriegen sich alle wieder ein. Irgendwann“, sagt Kubald drei Jahre später, „doch das war falsch. Manche haben mir ins Gesicht gelächelt und hinter meinem Rücken über mich gelacht.“ Drei Jahre lang, seit der Wiedergründung 2003, hat Kubald alle reingelassen, die mitmachen wollten. Er brauchte die Eintrittsgelder, die Mitgliedsbeiträge. Ob er die verlorene Zeit aufholen kann?
Steffen Kubald, geboren 1962, wirkt wie aus einem Feld geschlagen, er hat Hände wie Schaufeln. Lange arbeitet er, morgens vier Stunden als Abteilungsleiter einer Gebäudereinigungsfirma, danach ist er bis zum späten Abend im Verein – ehrenamtlich. „Es gibt Fans im Stadion, die ihre Gesinnung verbergen“, sagt er, „aber ich kann am Eingang nicht jedes Parteibuch kontrollieren.“ Es gehört zu seinem Alltag, sich von Personen zu distanzieren, zu denen er keinen Kontakt pflegt. Zum Beispiel von der NPD, die im sächsischen Landtag über Sicherheit im Fußball diskutieren will, auf dem Rücken von Lok. Doch manchmal erzeugen Kubalds Worte auch Kritik und Ratlosigkeit. So wie im ARD-Magazin Kontraste, das am 8. März 2007 Antisemitismus unter Leipziger Fans thematisiert, zum Beispiele Gesänge wie „Juden Aue“. Kubald sagt in die Kamera: „Und hier muss ich auch sagen: Es gab schon zu DDR-Zeiten solche Sprüche, und ich denke schon, dass einige, die bisschen älter sind schon, das auch kennen.“
„Es gibt Fans im Stadion, die ihre Gesinnung verbergen, aber ich kann nicht jedes Parteibuch kontrollieren.“ Steffen Kubald, Lok-Chef von 2003 bis 2011.
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