Gaston de Vernon dachte ärgerlich und beleidigt, weshalb redete man ihm nur etwas vor?
Oder hatte Mallentin die Wahrheit gesagt?
Nach dem Abendbrot gingen die Herren noch ein wenig in den Park, um eine Zigarette zu rauchen, dann trennte man sich ziemlich früh. Mallentin hatte geäußert, die Fahrt heute, an dem warmen Tag, habe ihn sehr ermüdet.
Vernon war feinhörig, er kannte schon die Geräusche der verschiedenen Türen im Hause, konnte die verschiedenen Tritte der Hausbewohner unterscheiden. So wußte er denn bald, daß sich Mallentin mit Sohn und Tochter im Wohnzimmer des Gutsherrn zusammenfanden.
Er fühlte ein seltsames Prickeln in seinen Fingerspitzen, wie höchste Ungeduld. Er mußte wissen, ob er recht habe, ob sich der Schmuck im Hause befände.
Das Wohnzimmer Mallentins lag drei Zimmer entfernt von seinem eigenen. Was hätte er jetzt für eine Tarnkappe aus dem Märchenbüchern gegeben, um sich unsichtbar machen und da hineinschauen zu können.
Er überlegte blitzgeschwind. Eine Idee schwebte ihn vor. Möglich, daß sie glückte.
Er eilte wieder die Treppe hinunter und durch eine kleine Hintertür in den Park.
Das Wohnzimmer Mallentins ging auf den Park hinaus.
Es war ziemlich dunkel heute, nächtlicher Regen schien zu drohen. Eine alte Buche mit tiefgewachsenen Zweigen lockte ihn. Den Baumstamm umgab eine Bank. Im Nu stand er auf der Bank, zog sich am tiefsten Zweig empor. Er war ein guter, geübter Kletterer, bald befand er sich in Fensterhöhe.
Natürlich, die Herrschaften waren unvorsichtig, aber daß ihnen von draußen jemand ins Fenster schauen könnte, lag wohl außerhalb ihrer Berechnung.
Die Scheiben zu Mallentins Wohnzimmer verhüllte nur ein dünner Spitzenvorhang, der dem Auge, weil das Zimmer erleuchtet war, fast kein Hemmnis bot.
Vater, Sohn und Tochter saßen um den Tisch, auf dem die ererbten Schmucksachen lagen.
Gaston meinte das Sprühen und Funkeln der Edelsteine bis zu sich herüber zu sehen, es war ihm, als müsse er die Arme ausstrecken und laut schreien: Gebt her, gebt her, ihr seid schon reich genug! Er mußte an sich halten, daß er es nicht wirklich tat. Wie ein Fieber schüttelte es ihn.
Jetzt hörte er Schritte nahen. Angst preßte ihm die Brust zusammen.
Er hockte mäuschenstill, dachte geängstigt, ob jemand ihn verfolgt und beobachtet haben könnte.
Plötzlich bellte unter ihm ein Hund scharf auf, und der vom Baum Niederspähende sah unter sich eine Laterne aufleuchten. Nun wußte Gaston, der Nachtwächter von Groß-Rampe machte seine Runde mit seinem Wolfshund Leo.
Der Kletterer konnte beobachten, daß die Laterne sich langsam rund um den Baum bewegte und daß der Hund aufrecht auf der Bank stand und die Vorderpfoten gegen den Stamm preßte. Böses Knurren machte Vernon die Situation nicht angenehmer.
Der Nachtwächter lachte verhalten: „Komm, Leo, brauchst doch den Eulen in den Bäumen kein Ständchen zu bringen!“
Aber der Hund wollte nicht folgen, er knurrte wütend weiter.
Und wieder kreiste das Licht der Laterne um den Stamm, ohne etwas Verdächtiges im Bereich ihrer Helle zu gewahren.
Dem Mann oben im Baum ward heiß und kalt. Dieser gräßliche Hund!
Dem Nachtwächter wurde die Sache anscheinend zu langwierig. Seine Schritte entfernten sich.
„Komm, Leo, komm, wir müssen noch weiter, unsere erste Runde ist noch nicht mal fertig.“
Jetzt pfiff er dem Tier, und mit kurzem, ärgerlichem Bellen folgte ihm der Hund.
Gaston wartete ein paar Minuten, dann trat er hastig und doch vorsichtig den Rückweg an, atmete auf, als er auf festem Boden landete. Doch fast in demselben Augenblick kam der Hund zurückgestürmt, bellte wütend, ließ ihn keinen Fuß weitersetzen.
Gleich darauf stand der Nachtwächter vor ihm. Er kannte den Gast des Gutsherrn, grüßte.
Gaston sagte kurz: „Ihr ’und sein verruckt, ik make einer Promenade in der Park, und er ’at mir überfallt und schimpft mir.“
Der Nachtwächter schmunzelte über das komische Deutsch.
„Verzeihung, Herr, aber Leo kennt Sie noch nicht, wenn jemand von der Herrschaft noch spät durch den Park ginge, er würde nicht so wütend sein.“
Gaston grüßte kurz und ließ den Mann stehen. Leo kümmerte sich nun nicht mehr um ihn, dachte wohl: Wen Herrchen als ungefährlich laufen läßt, den kann ich mit ruhigem Gewissen auch laufen lassen!
Der junge Mann beeilte sich, ins Haus zu gelangen, war froh, als er sein Zimmer erreicht hatte. Donnerwetter, die Geschichte hätte schlecht auslaufen können. Nun, wenigstens wußte er, was er hatte wissen wollen: der Schmuck befand sich im Hause. Aber ihn, den man fast ein bißchen zuviel als Lebensretter pries und feierte, ihm erzählte man, der Schmuck sei auf der Bank. Schon dafür mußte er sich rächen.
Wenn er nur wüßte wo der Schmuck aufbewahrt würde.
Wahrscheinlich in dem geschnitzten Schrank im Wohnzimmer, der so biedermännisch treu und zuverlässig aussah und doch allerlei Geheimabteilungen besaß und komplizierte Schlösser. Mallentin hatte ihn einmal besonders auf den interessanten Schrank aufmerksam gemacht, ihm genau erklärt, wie man mit ihm umgehen mußte.
Gaston de Vernon lächelte ein wenig und öffnete ein Fenster, um die frische Nachtluft einzulassen. Er hörte im Park sprechen und unterschied die Stimmen von Heinz Mallentin und dem Nachtwächter.
Er drehte sein Licht aus, versuchte zu lauschen, doch verstand er kein Wort.
Am anderen Tage beim Frühstück sagte der Gutsherr: „Es tut mir sehr leid, daß Sie gestern abend bei einem kleinen Parkspaziergang von dem Hund des Nachtwächters gestört wurden. Mein Sohn ging noch hinunter, weil wir das Bellen hörten. Der Hund ist sonst so klug, aber der Wächter meinte, gestern habe er sich ganz blöd betragen und, ehe er Sie attackierte, die Buch mitsamt der Bank angebellt.“
Vernon lächelte.
„Vielleicht saß eine Katze im Baum.“
Der Gutsherr mußte am Vormittag in die Kreisstadt wegen einer baulichen Veränderung auf dem Gut. Heinz begleitete ihn. Er wollte die verwitwete Frau Professor von Britzkow besuchen, die mit ihrer Tochter Susi von einer längeren Besuchsreise bei Verwandten zurückgekehrt war. Heinz wollte die Damen begrüßen, sie zu einem Gartenfest einladen, das in vier Tagen in Groß-Rampe stattfinden sollte.
Während der Autofahrt nach der Kreisstadt sagte Heinz, der selbst das Auto steuerte, zu seinem neben ihm sitzenden Vater: „Herr de Vernon ist nun schon seit Wochen bei uns, ich finde die Gastfreundschaft wurde ein bißchen stark von ihm ausgenützt.“
Sein Vater machte eine ablehnende Kopfbewegung.
„Aber, lieber Junge, erstens hatten wir schon öfter Logierbesuch, der sogar bis zwei Monate bei uns blieb, und dann bot ich ihm extra an, so lange zu bleiben, wie er Lust hätte.“
„Na ja, aber so was nimmt man, wenn man sich kaum kennt, als gebildeter Mensch doch nicht wörtlich“, hielt Heinz an seinem Standpunkt fest.
„Dir ist Herr de Vernon nicht besonders sympathisch“, sagte ihm der Aeltere auf den Kopf zu.
Heinz zuckte leicht mit den Schultern.
„Er ist mir nicht direkt unsympathisch, das wäre zuviel gesagt, aber das weiß ich, Freundschaft könnte ich nicht mit ihm schließen. Weißt du, Vater, ein Mensch, der so in den Tag hineinlebt, der nichts tut und doch durchaus kein Dummkopf ist, stört mich wie etwas Ueberflüssiges. Und da er auf gar so schlechtem Fuß mit unserer Sprache steht, ist er so abhängig von uns, man muß immer um ihn sein. Die Logiergäste, die sonst zu uns kommen, beschäftigen sich auch mit sich allein, Herr de Vernon ist einem gewissermaßen im Wege. Ich finde, es wäre taktvoll, wenn er trotz deinem Angebot endlich mal von seiner Abreise spräche.“
Vor der Wohnung des Baumeisters setzte Heinz den Vater ab und fuhr dann zu Frau von Britzkow.
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