Waren die beiden einmal „bös“, so war gewiss sie es, die sie versöhnte, und nie sang sie so laut und melodisch, wie an den Tagen, wo sie dem Pinkepeter helfen musste, trotzdem er „bös“ war, weil seine Schuhe allzu phantastisch um seine Füsse stunden, oder weil seine Locken zu heftig geworden waren. Der Hasepeter hörte ihr mit Innigkeit zu; das „Bössein“ konnte er durchaus nicht vertragen, und mit einem grossen Glücksgefühl genoss er dann wieder die allabendlichen Reden des versöhnten Meisters, die durch die Mauern tönten.
„Gu’ Nacht, Kollesch.“
Hasepeter antwortete: „Gu’ Nacht, werter Meischder.“
Der Meischder: „Schlof orntlich.“
Er: „Ich schunn. Ehr aa.“
Der Meischder: „Was ich halt kann.“
In der Früh hiess es dann: — der Pinkepeter war immer zuerst wach — „Gude Morje, Kollesch.“
„Scheene gude Morje, Meischder.“
„Hoscht ausgeschlof’?“
„Henn Ehr ausgeschlof’?“
„Ich schunn. Du aa?“
„Wann’s sein muss —“
„Alla uff! zu Gott und der Welt!“
Mit einem Satz war der „Meischder“ auf und trommelte auf des Hasepeters grössten und weichsten Flächen herum, denn sonst blieb der unfehlbar liegen bis zum Mittag. Diese Tage inniger Kameradschaftlichkeit besassen etwas Rührendes für den Hasepeter, aber sie waren wie eine Kurve, die verheissend ansteigt, um plötzlich jäh abzubrechen. Der Anfang des Sinkens der Freundschaftskurve war so:
An einem wundervollen Spätherbsttag (ein Tag, wie er lind-melancholischer nicht leicht wo anders gedacht werden kann, als in den sandigen, umbuschten Hohlwegen, den Heidestrecken der Hinterpfalz), befand sich der Hasepeter auf der Wanderung. Das milde, einschmeichelnde und dabei doch tückische Wetter brachte ihm eine grosse seelische Depression, indem es ihm mit aller Klarheit zeigte, dass er ganz und gar ungeeignet zu seinem Berufe sei. Resultat: ein wüstes planloses Sich-hin-und-her-wälzen auf der Heide, ein Stieren mit tränenden, verglasten Augen nach dem verschwimmenden Himmel, ein grollender Bauch, der nicht einen Augenblick seine Klagen einstellen wollte. O dieses erbärmliche Schicksal, das ihm nicht einmal ein bisschen Kaffee in seinen grossen Hohlraum vergönnte!
Wie ein verprügelter Hund schlich sich der Hasepeter von der Heide fort, während sein Hungergefühl immer stärker wurde.
Plötzlich blieb er stehen, wie angenagelt; seine Nase, die sich sonst nicht durch besondere Feinfühligkeit auszeichnete, hob sich und schnupperte: Herrgott, wenn das nicht „Pannekuche“ waren! Ausgerechnet heute, wo sein Wanst leer war wie ein alter Schlauch, musste er diesen Duft in die Nase kriegen!
Mit dicken Tränen in den Augen, voller Sehnsucht schnuppernd, folgte er dem Dufte. Um die Ecke biegend, sah er auf einmal den Pinkepeter vor sich, der neben einem Strauch, im Sand des Hohlwegs lag und auf seinen Knien eine grosse Eisenpfanne hielt. Und dieser mächtigen Eisenpfanne entquollen, von einem hohen Stoss „Pannekuche“, die himmlischen Düfte. Den Hasepeter trug es wie auf einer Wunderrosenwolke hin zu „der Pann“; er ging nicht, er trottete nicht, er schwebte.
„Ach Gott! Pannekuche!“ stammelte er, und seine Nüstern erweiterten sich zu unheimlicher Grösse.
„Ja, Pannekuche,“ konstatierte trocken der Pinkepeter, und wühlte weiter mit den zehn Fingern in dem goldbraunen Berg, dass dem Hasepeter fast das Wasser aus dem Munde lief.
„Die Eisenhut’n hot se m’r gewe, sie is leider abberufe worre. Wann norre die Pann nit so schwer wär! Horch emol, — wann du die Pann zu der Eisenhut’n tragscht, no kannscht hawwe davun,“ und mit einer grossen Gebärde schob er den Rest dem Hasepeter zu, der in die Knie sank und sich förmlich in die grosse Pfanne legte.
„Alla adieh!“ sagte der Pinkepeter, „sag aach mei’ Kumpliment an die Madamm Eisenhut, und do wär die Pann, und die Pannekuche wären foin gewes’.“
Doch davon hörte der Hasepeter nichts mehr. Er war eben dabei, mit seinem dicken Zeigefinger heftig in der Pfanne herumzufahren, bis er auch nicht die Spur eines fettigen Glanzes mehr darin entdecken konnte. Dann stiess er einen Seufzer aus, rappelte sich in die Höhe, schulterte die „Pann“ und trollte sich.
Im allgemeinen liebte er es nicht, das Städtchen zu betreten, die Landschaft ausserhalb gefiel ihm besser, und den Umgang mit den uniformierten Menschen, die sich ihm immer so sehr aufdrängten, fand er gar nicht standesgemäss.
Die Eisenhut’n aber wohnte ziemlich abseits, in einem niederen weissen Giebelhaus zwischen Hecken und Gärtchen. Dahin zu gehen, war ihm nicht allzu unangenehm, wenn nur die Eisenhut’n überhaupt daheim war, und er die schwere Last anbrachte! Die Eisenhut’n war daheim. Sie stand, gerade wie wenn sie ihn erwartet hätte, mit freudig gerötetem Gesicht unter der Türe, hielt die Hand vor die Augen und sah die Strasse entlang. Also war sie von ihrem wichtigen Gang nach Hause gekommen, und von Erfolg begleitet gewesen. Freundlich nahte sich der Hasepeter. Der grosse Augenblick war da, wo er Madame Eisenhut erobern konnte. Er machte seinen schönsten Kratzfuss und schickte sich an, die „Pann“ zu überreichen. In demselben Augenblick sah er das Gesicht der nützlichen Witwe blaurot werden. Sie stiess ein Kreischen aus, — nein! es wurde aus ihr gestossen — er hörte es zwar nicht mehr recht, denn etwas sehr Schweres fiel über ihn (war’s die Pann oder die Eisenhut’n?). Er fühlte sich gepackt, gezerrt, gerissen, geschoben, gepufft, getreten, und, obwohl er nach vorn und hinten bockte, wurde er mit einer Geschwindigkeit, die ihn starr vor schreckhaftem Staunen machte, in den dunklen Hausflur geschleift. Dann fiel die Türe hinter ihm zu, der Riegel kreischte — und nun gab’s keine Zeit mehr zu sehen, zu hören oder zu staunen, es gab nur zu fühlen. Ehe er nur reden, ehe er des Pinkepeters Kompliment ausrichten konnte, fiel unter Gekreisch und Geschimpfe ein Regen von Püffen, Stössen und Schlägen auf ihn nieder, dass er wähnte, mindestens ein halbes Dutzend Frauenzimmer sei um ihn beschäftigt, und dass er sich nur ducken und mit den beiden Armen schützen konnte, damit sie ihm wenigstens den Kopf nicht gar zu heftig zertrommelten; es tat an anderen, ungeschützteren Körperstellen so schon weh genug. „Han se d’r geschmeckt, die Pannekuche, du Oos, du freches?! Aa noch die Pann selwer se bringe! Haag fescht zu, Nikel, reiss’m die Hoor aus, Gret!“ zeterte die Eisenhut’n in der höchsten Fistel. „E Kumpliment vum Pinke —“ keuchte der Hasepeter, und versuchte vergebens sich seines Auftrags zu entledigen — weiter kam er nicht. Und nicht wegen der Schläge allein. Ein Blitzstrahl der Erkenntnis war vor ihm niedergefahren. Nein, deren zwei! Oh, der Pinkepeter — pfui! — Und dann: „Gret!“ hatte die Eisenhut’n geschrien? Wenn das seine Gret war? Hatte sie nicht immer mit dem Ammenikel, dem Sohn der Eisenhut’n, geprahlt? Wenn sie ihn nur denken lassen wollten! Aber da schlugen sie gerade auf seinen Kopf los — sie liessen ihn auch nicht reden, sie schlugen ihn auf den Mund, sie liessen ihn auch nicht sehen, sie pickten ihm förmlich die Augen aus — wie hätte er wissen können, ob das seine Gret war?!
Auf einmal öffnete sich die Türe wie durch einen Zauberschlag, ein Stoss, — der Hasepeter flog förmlich — das war der Nikel! — ein paar gehörige Tritte auf den zuletzt verschwindenden Körperteil — das waren die Weiber! — und draussen sass der Peter und heulte wie ein kleines Kind, und war in allen seinen Tiefen erschüttert und konnte doch nichts begreifen.
O weh! Kraft hatte der Nikel! Ja, wenn die Konkurrenz beteiligt war! Des Nikels Rache war verständlich. Er war vom Metier, er war ein scharfer Konkurrent — und er warb auch um die Gret! Aber wenn die Gret selber dabei war — seine Gret! (Innerlich getraute er sich, sie so zu nennen!) Himmelwelt! Wenn die mit geholfen hatte! Und während ihm das Herz weh tat, konnte er nicht umhin, sich die Stelle zu reiben, auf der er eben sass, und die ihm so sehr weh tat, weil sie — umfangreich wie sie nun einmal war — die meisten Hiebe gekriegt.
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