Dennoch sprang er, allen Schmerzen zum Trotz, rasch auf, als die Türe abermals ging, und war sofort fluchtbereit. Ein zweites Mal? Nein, nicht um alles in der Welt! Aber zur Türspalte heraus kam nur ein friedlich scheinender bepantoffelter Fuss, und auf der Spitze dieses Fusses wippte seine Mütze: „soin Kapp“. Und siehe da, das zum Pantoffel gehörige Frauenzimmer versetzte seiner Kopfbedeckung einen soliden Schwung, so dass sie ihm mitten ins Gesicht flog — die Mütze nämlich!
Sie war’s! die Gret! die Geliebte! Gewiss war sie ihm trotz allem Unerklärlichen gut, hätte sie ihm sonst seine Mütze wiedergegeben? Nur zum Ammenikel sollte die Gret nicht gehen! Er hätte sie doch so gern geheiratet! Wenn er nur den Mut gefunden hätte, es ihr gerade heraus zu sagen! Sie war doch eigentlich über seinem Stand, sie besass ein kleines Haus, weit, weit draussen in den Feldern —
Was hatte er dagegen zu geben? Wenn sie sein Gemüt nicht zu schätzen wusste, brachte er nichts mit in die Ehe ausser der Schere und einem alten silbernen Ringlein seiner Mutter.
Ach, wie war das Leben so schwer! An so vieles musste der Hasepeter auf einmal denken! So viel hatte er in seinem ganzen Leben nicht denken müssen, und es waren schwere und trübe Gedanken, und je näher er seinem Salon kam, desto mehr verdüsterten sie sich. Zu Hause warf er sich, von Verachtung für das Dasein erfüllt, auf sein Lager. Was war denn das für eine Gerechtigkeit, wenn man für drei Pfannenkuchen Prügel für sechs Leute bekam? Und wenn ein „Mädche“, das für einen allein da sein sollte, auf einmal für einen andern da war?
Als der Pinkepeter pfeifend heimkam, muckste er sich nicht, und gab auch keine Antwort auf seine Reden: „No, was hot die Eisenhut’n gesaht? — Hm? — Nix? — Mir scheint, die Pannekuche drücken dich als noch?!“
In der Nacht warf sich der Hasepeter ohne Ruhe herum und stöhnte nach der Gret, so dass ihn der Pinkepeter, die Hände in den Taschen, am Morgen keck frug: „Was is dann des mit der Gret? Was kreischde dann immer: Greet?“ Trotzdem des Hasepeters Herz vor Bitterkeit quoll, riss es ihm doch ein paar Worte heraus, die er eigentlich nicht hatte sagen wollen: „Sie war beim Ammenikel!“
„No — und?“
„Sie soll nit zum Ammenikel!“
„Warum?“
„Wann ich se doch heirate will!“
Da lachte der Pinkepeter aus vollem Halse; dann zog er überlegend die Stirne in Falten: „Siehscht’s. Tätscht du dich rasiere! Hunnerdmol han ich d’rs schunn gesaht, aber du fuchtelscht als norre mit dere roschtige Scheer im Gesicht erum. Die rasierte Leid kriechn die Mädcher! Der Ammenikel is rasiert! Braucht dich aber nit gar so arg se kränke, ich han d’r die Pannekuche verschafft, ich verschaff d’r aach die Gret. Heit Owend bring ich se mit. Alla adieh!“
Als der Pinkepeter draussen war, fing der Hasepeter laut zu heulen an und fuhr sich dabei prüfend über das Gesicht. Ach Gott! der hatte ja recht, es starrte ja von Stoppeln! Aber er war viel zu elend und viel zu enttäuscht, um aufzustehen und sich gründlich anzusehen, oder sich gar die Schere zu holen. Da, o Wunder, sah er auf einmal das Rasiermesser blinken! Der Pinkepeter war weggegangen und hatte es nicht versteckt!
Wenn er jetzt —? Ach, es lohnte sich nicht! Mit aller Wucht, wie um seinen Entschluss zu bekräftigen, warf sich der Hasepeter auf die andere Seite, dass alles nur so krachte, und döste in seinem schwarzen Elend weiter. Er hörte die Mittagsglocke läuten, hörte die Schulkinder vorbeischwatzen, schlief und wachte und wachte und schlief wieder. Endlich erblasste das Stückchen Horizont, das er von dem kleinen Fenster aus sehen konnte, eine feurige Röte stieg am Himmel auf und warf ihren Abglanz durch das schmutzige Stück Glas auf des Hasepeters Bett. Der Abendwind rauschte in den Bäumen, Tritte näherten und entfernten sich wieder — da überkam’s ihn plötzlich, dass er das blitzende Rasiermesser nicht mehr aus den Augen lassen konnte. Willenlos, von einer höheren Macht gezogen, musste er von seiner Streu aufstehen und in einer wilden, sich immer steigernden Erregung auf seinen Backen herumkratzen. „Er bringt die Gret mit, er bringt die Gret mit,“ flüsterte er mit gespitzten Lippen vor sich hin, und dann wieder: „Die rasierte Leid kriechn die Mädcher —“
Und er wollte rasiert sein, er wollte das „Mädche krieche“. So schabte und kratzte er denn weiter, und vernichtete alles, was im Zwielicht erreichbar war. Er glühte so sehr in seinem schönen Eifer, dass er gar nicht hörte, wie die Türe aufging und zwei mit sachten Schritten hereinkamen. Erst als ein kalter Luftzug über seine nackten Beine strich, sprang er mit einem Schrei vom Fenster weg und mitsamt dem Rasiermesser ins Bett. Mit einem Satz war aber auch der Pinkepeter hinter ihm drein, er hatte sein Rasiermesser gesehen!
„Du kannscht doch nit erinn! Es is doch zugeschloss’!“ machte der Hasepeter weinerlich und versuchte vergebens sein kurzes Hemd über seine Beine zu ziehen, da er in der Eile anstatt unter die Decke ober die Decke geraten war.
Nun war sie da, und er empfing sie im Hemd! Zitternd vor Aufregung und Scham, suchte er nach seinen Kleidern. Dabei schabte ihm die Rührung die Kehle, und er stiess gepresst zwischen seinen gespitzten Lippen ein paarmal: „Gre—et! Gre—et!“ heraus.
„Mei’ Rasiermesser will ich!“ brüllte der Pinkepeter, ohne Notiz von des Jüngers zart erotischen Anwandlungen zu nehmen, „mei’ Rasiermesser!“
Doch wagte er noch nicht bis an des Hasepeters Bett vorzudringen, er schleuderte nur ein über das andere Mal eine Drohung durch die nachbarlichen „Mauern“. Immer wilder wurden seine Drohungen, so dass der verängstigte Hasepeter wie unter dem Bann dieser ungezügelten Wildheit in dem beginnenden Dunkel lautlos unter die Decke kroch.
„Gibscht’s her oder nit?“ schrie der Pinkepeter noch einmal und machte einen Schritt vorwärts, „oder ich massakrier’ dich!“
Kein Ton, alle drei lauerten. Da zuckte plötzlich ein kleines, zages, blaues Flämmchen auf, der Hasepeter hatte, ganz gegen die Hausordnung, ein Schwefelholz angezündet.
„Ja, jetz guck norre!“ höhnte der Pinkepeter, „es is die Gret. Hoscht gemeent, sie bleibt bei dir, du Dappes? Bei mir bleibt se!“ Er wollte sich ausschütten vor Lachen, bis ihn plötzlich wieder die Wut übermannte.
„Du unterschteh dich aber nit un zünd m’r noch emol e Streichholz an! Du rührscht dich jetzt nit, verstann? Sunscht kumm ich und schneid dr mit’m Rasiermesser de Hals ab! Do legscht de glei des Rasiermesser hin, do uff de Borrem sunscht is dein letschdi Stund do.“
Keinen Ton gab der Hasepeter von sich; erst nach einer Weile raschelte es. Langsam kroch er im Dunkeln auf allen Vieren aus der Streu, langsam kroch er zu dem Holzstoss, der beider Kommode vorstellte, und suchte dort. Etwas fiel zu Boden und legte sich mit einem feinen Klang hin, das Ringlein der Mutter. Man hörte ihn behutsam und zugleich ängstlich und erregt danach tappen, hörte ihn an seinem Lager Herumtasten und wühlen, sah dann eine schwarze Silhouette mit einem Bündel am Arm durch das Zimmer humpeln, quer durch den Salon Pinkepeter, schwer atmend an der Gret vorbeischleichen, die noch immer an demselben Platz stand und unschlüssig zuschaute.
„No?“ sagte ärgerlich der Pinkepeter, „was sin’ dann des for Manöver?“ aber der Hasepeter humpelte stumm weiter. Als er die Türe aufstiess, stand ein dicker, weisser, eiskalter Nebel draussen, eine fremde Welt lag da und ein wüster Wind pfiff durch die Türe, dass die Gret fröstelnd zusammenfuhr.
„Du werscht’n doch nit fortlaafe losse?!“ sagte sie zum Pinkepeter. „Alla ruf’n! Es is zu wüscht drauss.“
Aber der Pinkepeter hörte nicht auf sie. „Er werd doch nit —?“ schrie er. Was war ihm jetzt die Gret! Er wollte sein Rasiermesser!
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