„Nein“, antwortete Morgana endlich und die Hoffnung auf dem Gesicht von Raleas Mutter war wie weggewischt. „Ich werde zuerst mit Ralea sprechen. Und zwar allein.“
Raleas Vater nickte und erhob sich. Ihre Mutter dagegen sah aus, als hätte sie soeben einen Schlag ins Gesicht bekommen. Doch auch sie erhob sich langsam und verließ nach einem letzten besorgten Blick auf ihre Tochter mit den drei Männern den Raum. Lora drückte sanft Raleas Hand, dann aber ließ sie los und folgte den anderen.
Als sich die Tür hinter geschlossen hatte, blieb Ralea unverändert sitzen, starrte vor sich hin und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Morgana ging mit der Langsamkeit alter Menschen auf den Tisch zu – ihre Schritte wurden begleitet von einem leisen Tock, Tock, wenn der hölzerne Gehstock auf den Boden traf. Sie zog sich einen Stuhl neben Raleas Strohmatte und ließ sich darauf nieder. Sorgfältig legte sie den Gehstock neben sich auf den Boden und faltete die knochigen Hände im Schoß. Ralea wusste nachher nicht, wie lange sie einfach nur stumm da gesessen hatten, aber schließlich war sie es, die das Schweigen brach: „Warum ich?“
„Das weiß ich nicht“, antwortete Morgana ehrlich.
„Ich will das nicht.“ Raleas Stimme war kaum mehr als ein kraftloses Flüstern. „Ist es wahr, was der Dorfoberste sagt? Dass die Entscheidung des Elfensteins unwiderruflich ist?“
Morgana nickte. „Leider ja. Er würde niemand anderem seine Macht zur Verfügung stellen.“
Ralea vergrub das Gesicht in den Händen. Etwas Kaltes berührte ihre Wange. Überrascht schaute sie in ihre rechte Hand. Sie hatte ganz vergessen, dass sie immer noch den Stein festhielt. Auf einmal überkam sie eine ungeheure Wut auf diesen Stein, auf den Dorfobersten und sogar auf Morgana. „Das ist so ungerecht! Ich hab mich doch noch nicht einmal als Freiwillige gemeldet!“ Morgana erwiderte ihren zornigen Blick völlig gelassen, was sie nur noch wütender machte. „Ihr könnt mich nicht dazu zwingen!“, sagte Ralea mit einer Stimme, die selbstbewusster klang, als sie sich fühlte.
„Nein“, antwortete Morgana ruhig. „Das können wir nicht.“
„Nicht?“
„Die Wahl des Elfensteins hat uns alle sehr überrascht. Warum entschied er sich für dich, ein junges und unerfahrenes Mädchen, obwohl doch so viele starke junge Männer zur Verfügung standen? Er muss irgendetwas in dir gesehen haben, das ihn zu dieser Entscheidung trieb. Irgendetwas, das ihm sagte, dass du die Richtige bist. Trotzdem hat deine Mutter recht: Du bist noch ein Kind. Die Entscheidung liegt bei dir. Jeder könnte es verstehen, wenn du nicht gehen würdest. Doch du solltest dir im Klaren darüber sein, was für Konsequenzen das haben würde.“ Morgana machte eine Pause.
Ralea hoffte inständig, sie würde nicht weiterreden, doch die Geschichtenerzählerin fuhr unerbittlich fort: „Früher oder später wäre die letzte Kraft des Zaubers aufgebraucht. Niemand kann auf den Tag genau sagen, wann es dazu kommen wird, doch es kann nicht mehr allzu lange dauern. Luramos wird aufwachen und erneut wird ihn die Wut und die Verzweiflung über das Verschwinden seiner Artgenossen überkommen. Er wird weiter wüten – zuerst wahrscheinlich unter den Elfen, doch dann auch in den Wäldern. Und früher oder später wird er auch uns Menschen erreichen. Niemand kann sagen, ob es uns noch einmal gelingen wird, ihn zu bezwingen. Ich weiß, es klingt grausam, doch es ist die Wahrheit: Das Schicksal Romaniens liegt in deinen Händen, Ralea.“
Ralea starrte Morgana ungläubig an. Ihr Magen verkrampfte sich bei dem letzten Satz der Geschichtenerzählerin: Das Schicksal Romaniens liegt in deinen Händen. Wie konnte sie ihr so eine Verantwortung aufbürden? Kurz darauf überfiel Ralea das Verlangen, laut aufzulachen. Die letzte Entscheidung liegt bei dir, waren nicht so Morganas Worte gewesen? Aber was blieb ihr denn da noch für eine Wahl?
Tatsächlich konnte sie sich ein – fast schon hysterisches – Kichern nicht verkneifen. „Das ist doch verrückt“, gluckste sie. „Das kann nicht dein Ernst sein!“
Morgana runzelte die Stirn und kniff die Augen missbilligend zusammen. „Bisher hatte ich immer eine hohe Meinung von die, Ralea, doch wenn du den Ernst der Lage nicht begreifst, beginne ich an der Entscheidung des Elfensteins zu zweifeln.“
Sofort verstummte Ralea schuldbewusst. Dabei hatte der erste Teil ihres Satzes sie mehr beeindruckt als der zweite. Sie hatte nicht gewusst oder bemerkt, dass Morgana eine hohe Meinung von ihr gehabt hatte.
„Aber was soll ich denn bloß tun?“, flüsterte sie kraftlos. Sie blickte Hilfe suchend zu Morgana auf. Und wieder meinte sie, kurz etwas hinter ihrer undurchdringlichen Fassade aufblitzen zu sehen. Allerdings musste sie es sich diesmal wirklich eingebildet haben. Denn Mitleid war auf Morganas Gesicht einfach fehl am Platze. Und doch – obwohl dieser Augenblick so kurz gewesen war und Morgana ihre Gefühle sofort wieder wie unter einer Maske verbarg – sah Ralea die Geschichtenerzählerin auf einmal mit anderen Augen. Zwar kannte sie ihre Geschichte schon seit Langem, doch hatte sie sich noch nie wirklich Gedanken darüber gemacht.
Ihr Vater hatte ihr einmal davon erzählt, dass Morgana einst als junge Frau unsterblich verliebt in den Sohn eines Bäckers gewesen war. Bald sollte Ihre Hochzeit gefeiert werden und Morgana hörte vor Glück nicht mehr auf zu lachen und gute Laune zu verbreiten, als ihr Verlobter bei einem Sturm ums Leben kam, weil ihm ein schwerer Ast auf den Kopf gefallen war. Nach diesem Unglück soll Morgana nicht mehr die Gleiche gewesen sein, so hatte Raleas Vater erzählt. Sie bekam noch viele Heiratsanträge, da sie immer noch eine begehrenswerte Frau war, doch sie nahm keinen an. Ralea vermutete insgeheim, dass das die Zeit gewesen war, in der sie ihre Maske erschaffen hatte, die nicht die kleinste Gefühlsregung preisgab. Nur wenn Morgana den kleinen Kindern ihre Geschichten erzählte, lebte sie auf, vergaß ihren ganzen Kummer und ließ ein wenig von der fröhlichen Frau sehen, die sie früher einmal gewesen war.
Morgana schien nichts von Raleas Sinneswandel bemerkt zu haben. Sie sah das Mädchen nachdenklich an und schien nicht recht zu wissen, was sie ihr antworten sollte. Dann legte sie ihr eine knochige Hand auf die Schulter und sagte leise: „Tut mir leid. Aber das ist eine Entscheidung, die du ganz allein treffen musst.“
Ralea nickte stumm, obwohl sie am liebsten laut aufgeschrien hätte. Sie starrte auf den Stein in ihrer Hand, ohne wirklich etwas zu sehen, und bemerkte kaum, wie Morgana sich erhob und den Raum verließ. Gedämpfte Stimmen waren aus dem Nebenraum zu hören. Sie konnte den Dorfobersten verstehen, der wissen wollte, was sie besprochen hatten, und ihre Mutter, die anscheinend darum bat, zu ihr gehen zu dürfen. Es folgte eine unverständliche, jedoch eindeutig bestimmte Antwort von Morgana und alle verfielen in Schweigen.
Ralea war wie versteinert. Sie hatte immer noch das Gefühl, nicht klar denken zu können, so aufgewühlt waren ihre Gefühle und Gedanken. Das Schicksal Romaniens liegt in deinen Händen. Die Worte Morganas hallten in ihr nach wie ein grausames Echo. Das ist eine Entscheidung, die du ganz allein treffen musst ... ganz allein ... ganz allein ...
Das Mädchen vergrub das Gesicht in den Händen. Wie gerne würde sie jetzt weinen und ihrer Verzweiflung Luft machen, doch die erlösenden Tränen wollten nicht kommen. Auf einmal fiel Licht auf ihre geschlossenen Augen und sie fuhr erschrocken auf. Der Elfenstein strahlte wieder blau, so wie vorhin auf dem Marktplatz. Doch komischerweise hatte dieses Licht nach dem ersten Schrecken für sie nichts Gespenstisches oder Unheimliches mehr. Nein, es war auf eine merkwürdige Art vertraut. Auf einmal durchströmten Hoffnung und Zuversicht ihren Körper und klärten ihre Sinne. Ihr war es, als würde der blaue Stein sie von innen her wärmen, dabei spürte sie seine kühle Oberfläche doch ganz genau in ihrer Hand.
Читать дальше