Allerdings ist der beliebteste „Text“ in Amerika im Augenblick der des unabhängigen Ich. Vor Kurzem erzählte mir ein Freund von einem Bekannten, der sein Leben lang die Bibel gelesen hatte und eines Tages feststellte, dass sein Leben sich nicht so entwickelte, wie es ihm die Bibel seiner Ansicht nach vorausgesagt hatte. Er entschloss sich dann sofort dazu, „seinem Leben die Autorität zu übergeben und nicht der Bibel.“ Der Großteil unserer Kultur, sowohl der säkulare als auch der religiöse Teil, unterstützt die Entscheidung dieses Mannes. Es ist charakteristisch für die aufkeimende, vielfältige Spiritualität von heute, das souveräne Ich als Lebenstext zu etablieren. Die Ergebnisse machen allerdings wenig Mut: Das plötzlich so große Interesse an spirituellen Dingen zu Beginn dieses Jahrtausends scheint kein größeres Engagement für Gerechtigkeit und treue Liebe zu produzieren, was ja zwei der sichtbareren Begleiterscheinungen eines guten, geheiligten Christenlebens sind. Tatsächlich sind wir an einem Punkt angekommen, wo „Spiritualität“ eher das Bild eines Möchtegern-Gurus für Transzendenz heraufbeschwört als das von einem Leben in Strenge, großer Freude, Güte und Gerechtigkeit – was genau die Art von Leben ist, mit dem der Begriff ursprünglich verknüpft war.
Christen kommen nicht darum herum, sich der Beliebtheit dieser selbstherrlichen Spiritualitäten bewusst zu werden, manchmal sogar von dem einen oder anderen spirituellen Feuerwerk beeindruckt zu sein, hin und wieder sogar ein erstauntes „Oh“ und „Ah“ nicht unterdrücken zu können. Doch bei genauerer Betrachtung ist es nicht empfehlenswert, ihnen nachzurennen. Ganz im Gegensatz zu diesen eigennützigen und glamourösen Spiritualitäten, ist die unsere ein Fußmarsch. Wir sind wortwörtlich Fußgänger: Wir setzen einen Fuß vor den anderen, während wir Jesus folgen. Und um zu erfahren, wer er ist, wohin er geht und wie wir seinen Schritten folgen können, greifen wir zu einem Buch, dem Buch und lesen es.
Ich will der weit verbreiteten Praxis entgegenwirken, eigene Erfahrungen als Maßstab für unser Leben zu nehmen und nicht die Heilige Schrift. Ich möchte die Bibel, die in unseren zeitgenössischen Vorstellungen durch ihre glamourösen Konkurrenten so rüde an den Rand gedrängt wurde, wieder ins Zentrum zurückholen, als den Lebenstext für ein tiefes und gutes Leben als Christ. Ich möchte aufdecken, wie die Autorität der Bibel durch die Autorität des Ich ersetzt wurde, und dem entgegentreten. Ich will persönliche Erfahrungen unter die Autorität der Bibel stellen und nicht über sie. Ich möchte uns die Bibel als den Text vor Augen führen, nach dessen Anleitung wir leben, diesen Text, der in so scharfem Kontrast steht zur bunten Mischung aus religiöser Psychologie, Selbstentfaltung, mystischen Experimenten und frommem Dilettantismus, die mittlerweile vieles charakterisieren, was sich unter dem Schirm der „Spiritualität“ sammelt.
Es besteht heutzutage großes Interesse an der Seele. In der Kirche zeigt sich dieses Interesse in einer Wiederbelebung von Dingen wie geistlicher Theologie, geistlicher Leiterschaft, geistlicher Führung und geistlicher Entwicklung. Allerdings geht dies nicht Hand in Hand mit einem wiederbelebten Interesse an der Heiligen Schrift. Für geistliche Theologie, geistliche Leiterschaft, geistliche Führung und geistliche Entwicklung müssen wir dem Werk des Heiligen Geistes Raum geben in unseren persönlichen und geschäftlichen, öffentlichen und politischen Lebensbereichen. Doch jene, die sich für dieses Werk interessieren, sind häufig, man kann fast sagen normalerweise, nicht an der Heiligen Schrift interessiert, dem Buch, das uns vom Heiligen Geist gegeben wurde. Es ist dringend nötig, dass das Interesse an unserer Seele Hand in Hand geht mit einem Interesse an der Bibel – und genauso gilt: beide, Bibel und Seele, sind das Haupteinsatzgebiet des Heiligen Geistes. Ein Interesse an der Seele ohne Interesse an der Bibel entzieht uns den Grundtext, der diese Seele formt. Genauso ist es umgekehrt: ein Interesse an der Bibel ohne Interesse an der Seele entzieht uns das Material, mit dem wir am Text arbeiten können.
Im Großen und Ganzen akzeptieren Christen die Position, dass die Bibel der maßgebende Text ist, durch den Gott sich uns offenbart. Ich will das hier auch nicht in Frage stellen. Unsere Theologen und Bibelgelehrten haben dies umfassend erforscht und dargelegt. Meine Aufgabe ist es, die andere Seite der Medaille ins Bewusstsein und ins Zentrum zu rücken: dass uns dieser Bibeltext, indem er uns Gott offenbart, mit in die Offenbarung hineinnimmt und uns als Teilnehmer willkommen heißt. Ich will deutlich machen, dass die Bibel, die ganze Bibel, lebbar ist; sie ist der Text, mit dem wir unser Leben leben. Sie offenbart eine von Gott geschaffene, von Gott angeordnete, von Gott gesegnete Welt, in der wir uns zu Hause und unversehrt fühlen können.
Ich möchte mit dem Bild beginnen: Iss dieses Buch . Ich will dieses Bild zurückholen, zusammen mit allen seinen Auswirkungen auf die Gemeinschaft der Christen, in der ich lebe. Ich will diesem Gebot zu einem Platz in der Vorstellungskraft der christlichen Generation verhelfen, von der ich ein Teil bin. Inmitten der großen biblischen Gebote, die sich in der christlichen Wahrnehmung im Vordergrund tummeln, soll es einen Ehrenplatz erhalten. Die meisten von uns tragen eine Handvoll von Geboten mit sich herum, die uns auf Kurs halten: „Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen … Liebe deinen Nächsten … Ehre Vater und Mutter … Tut Buße und glaubt … Ehrt den Sabbat … Fürchte dich nicht … Seid reichlich dankbar … Betet ohne Unterlass … Folgt mir nach … Gehet hin in alle Welt … Nehmt euer Kreuz auf euch …“ Fügen Sie noch das folgende Ihrem Repertoire hinzu: Iss dieses Buch. Nicht bloß „Lies deine Bibel“, sondern Iss dieses Buch .
Christen zehren von der Bibel. Die Heilige Schrift ernährt die heilige Gemeinschaft genauso, wie Nahrung unseren Körper ernährt. Christen erlernen, studieren oder verwenden die Bibel nicht nur. Wir verleiben sie uns ein, wir nehmen sie mit in unser Leben hinein. Sie wird verarbeitet zu Liebestaten, Bechern voll kühlen Wassers, Aussendungen in die Welt, Heilung, Evangelisation und Gerechtigkeit im Namen Jesu. Sie wird zu Händen, die sich in Anbetung des Vaters erheben, Füßen, die gemeinsam mit dem Sohn gewaschen werden.
Diese bildhafte Aufforderung kommt zu uns mit Rückendeckung durch Johannes, den Theologen (in der King James Bibel „der Gottbegnadete“).
Da ging ich zu dem Engel und bat ihn um das kleine Buch. Er antwortete mir: „Nimm das Büchlein, und iss es auf! Es schmeckt süß wie Honig, aber du wirst Magenschmerzen davon bekommen.“ So nahm ich das kleine Buch aus seiner Hand und aß es. Es schmeckte wirklich süß wie Honig; aber dann lag es mir schwer im Magen“ (Offb 10:9–10).
Rüttelt uns das wach? Johannes ist eine beeindruckende Figur. Er war Pastor einer Gruppe an den Rand gedrängter, politisch und wirtschaftlich machtloser Christen. Sie lebten in einer Gesellschaft, in der ihr Entschluss, Christus nachzufolgen, sie zu Staatsverbrechern machte. Es war seine Aufgabe, sie auf ihrem Weg zu bestärken, ihnen zu helfen, ein geisterfülltes Leben zu leben und begeisterte Jünger zu bleiben, ihre Hoffnung aufrecht zu erhalten im Angesicht riesiger Widerstände – mit dem lebenden, sprechenden und handelnden Jesus als Zentrum ihres äußeren und inneren Lebens. Er gab sich nicht mit bloßem Überleben zufrieden, indem er ihnen eine Schiffsplanke zuwarf, an die sie sich während des Sturms klammern konnten. Er wollte, dass sie leben, wirklich leben – alle überleben. Das ist es, was Propheten, Pastoren und Schriftsteller tun und es ist nie einfach. Es ist heute nicht leichter, als es damals für Johannes war.
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