Ich möchte diese Art des Lesens fördern. Meiner Meinung nach ist es die einzige Art zu lesen, die zu dem Text der Heiligen Schrift passt und genauso auch zu anderer Literatur, die dazu gedacht ist, unser Leben zu verändern und nicht nur unsere Gehirnzellen mit Futter zu versorgen. Ernsthafte und gute Literatur setzt genau dieses Lesen voraus – gedankenvoll und gemächlich, eine Tändelei mit Worten, nicht Informationenfraß in Höchstgeschwindigkeit. Für unsere kanonischen Schreiber, die sich darum mühten, Gottes Offenbarung in hebräische, aramäische und griechische Sätze zu verpacken – Mose und Jesaja, Hesekiel und Jeremia, Markus und Paulus, Lukas und Johannes, Matthäus und David, zusammen mit ihren zahlreichen bekannten und unbekannten Brüdern und Schwestern durch alle Jahrhunderte hindurch – ist sie unabdingbar. Diese Autoren wurden vom Heiligen Geist eingesetzt, um uns die Heilige Schrift zu übermitteln, um uns in Kontakt mit der Wirklichkeit zu bringen und uns zu befähigen, auf sie zu reagieren, sei sie sichtbar oder unsichtbar: Gottes Wirklichkeit, Gottes Gegenwart. Sie alle zeichnen sich aus durch ein tiefes Vertrauen in die „Macht der Worte“ (Coleridge), die uns in die Gegenwart Gottes bringen und unser Leben verändern können. Wenn wir die Nähe zu den Autoren der Heiligen Schrift suchen, dann lernen wir eine Art des Lesens und Schreibens kennen, die von großem Respekt geprägt ist – mehr noch als Respekt, ehrfürchtiger Verehrung – für die offenbarende und verändernde Macht der Worte. Die erste Seite des christlichen Lebenstextes, der Bibel, erzählt uns, dass der gesamte Kosmos und jede lebende Kreatur durch Worte ins Leben gerufen wurden. Johannes wählt den Begriff „Wort“, um ein für alle Mal zu beschreiben, was Jesus am stärksten auszeichnet, die Person im offenbarten und offenbarenden Mittelpunkt der Geschichte des Christentums. Gesprochene und geschriebene Sprache ist das Mittel der Wahl, um uns klar vor Augen zu führen, was ist , wer Gott ist und was er tut. Allerdings ist es eine ganz besondere Art von Sprache, die nicht aus Worten besteht, die unserem Leben fremd sind, sondern vielmehr aus solchen, wie sie auf Einkaufslisten stehen, in Gebrauchsanweisungen, in französischen Grammatiken und in Basketballregeln.
Diese manchmal provozierenden, manchmal indirekten Worte sind dazu gedacht, in uns einzudringen, auf unsere Seelen zu wirken, ein Leben zu formen, das sich deckt mit der Welt, die Gott geschaffen hat, mit der Rettung, die er ermöglicht hat und der Gemeinde, die er versammelt hat. Solche Literatur setzt eine bestimmte Art zu lesen voraus und baut darauf auf. Man könnte sagen, man liest sie wie ein Hund am Knochen.
Autoren anderer Glaubensrichtungen und auch solche, die nicht glauben – Atheisten, Agnostiker, säkulare Schriftsteller – haben natürlich genauso Zugang zu dieser Schreibtradition und ihnen kommt die Unterweisung in der Heiligkeit der Worte sehr zugute. Doch das Adjektiv „geistlich“ kennzeichnet den Sprachgebrauch der biblischen Schreiber, die das Ziel hatten, „die Gedanken Christi“ in ihre Leser zu legen. Das Adjektiv ist auch heute noch hilfreich, um die nachbiblischen Männer und Frauen zu beschreiben, die journalistische Texte, Kommentare, Studien und Betrachtungen, Geschichten und Gedichte für uns verfassen, während wir weiterhin unsere Vorstellungskraft der formenden Syntax und Wortwahl unserer biblischen Meister unterwerfen. Allerdings ist die Heilige Schrift der Quelltext, der entscheidende Zeichensatz, das Werk des Geistes und damit die Messlatte für wahres geistliches Leben.
Ich möchte betonen, dass geistliches Schreiben – Schreiben aus dem Geist – auch geistliches Lesen voraussetzt. Also eine Art zu lesen, die Worte als heilig anerkennt, als Grundsubstanz, aus denen sich das verzweigte Netz der Beziehungen zwischen Gott und den Menschen spinnt, zwischen allen sichtbaren und unsichtbaren Dingen.
Es gibt nur eine Art zu lesen, die unserer Heiligen Schrift gerecht wird, einem Buch, das auf die Macht der Worte vertraut, ihnen zutraut, in unser Leben einzudringen und Wahrheit, Schönheit und Güte zu schaffen, einem Buch, das Leser braucht, wie Rainer Maria Rilke sie beschreibt: „Er bleibt nicht immer über die Blätter gebeugt, er lehnt sich oft zurück, er schließt die Augen über einer wiedergelesenen Zeile, und ihr Sinn verteilt sich in seinem Blut“. 3
Diese Art zu lesen haben unsere Vorfahren als Lectio Divina bezeichnet. Heute wird sie auch „geistliches Lesen“ genannt, Lektüre, die unsere Seele füllt, wie Essen unseren Magen, die unseren Blutkreislauf durchzieht und zu Heiligkeit, Liebe und Weisheit wird.
Im Jahr 1916 hielt der junge Schweizer Pfarrer Karl Barth im Nachbardorf Leutwil, wo sein Freund Eduard Thurneysen Pfarrer war, eine Ansprache. Barth war 30 Jahre alt, seit fünf Jahren Pfarrer in Safenwil und begann gerade erst die Bibel zu entdecken. Nur wenige Kilometer entfernt stand der Rest Europas in Flammen, ausgelöst durch einen Krieg, der vor Lügen und Blutvergießen strotzte und der, wie Karl Kraus es ausdrückte, „die letzten Tage der Menschheit“ markierte, „die nicht wieder rückgängig zu machende Beendigung dessen, was in der abendländischen Zivilisation human war“. 4Jedes folgende Jahrzehnt dieses Jahrhunderts lieferte weitere Details – politische, kulturelle und geistliche Offenbarungen – dass die Welt unaufhaltsam zu dem wird, was T. S. Eliot in seinem Gedicht „Das wüste Land“ bereits vorausgesehen hatte.
Während in den Nachbarstaaten Deutschland und Frankreich das Morden und Lügen seinen Höhepunkt erreichte, entdeckte dieser junge Pfarrer in der neutralen Schweiz die Bibel, als hätte er sie nie zuvor gelesen. Er entdeckte ein absolut einzigartiges Buch, etwas, das es vorher noch nie gegeben hatte. Die Seele und der Körper Europas und schließlich der ganzen Welt standen unter Beschuss. Auf jedem Kontinent lauschten Millionen Menschen den Frontberichten und den Reden der Staatsoberhäupter. Zur gleichen Zeit schrieb Barth in seinem kleinen abgeschiedenen Dorf auf, was er entdeckt hatte: die Wahrheit stiftende, Gott bezeugende, Kultur herausfordernde Wirklichkeit in diesem Buch, der Bibel. Ein paar Jahre später veröffentlichte er seine Entdeckungen in seinem Kommentar „Der Römerbrief“. Diesem Buch folgten weitere, die in den folgenden Jahren viele Christen davon überzeugen sollten, dass die Bibel ein echteres, stimmigeres Bild von dem zeichnet, was in ihrer scheinbar einstürzenden Welt passiert, als es ihnen die Politiker und Journalisten darstellten. Zur gleichen Zeit beschloss Barth, die Fähigkeit der Christen wiederzubeleben, das Buch empfänglich zu lesen , ganz wie es seinem ursprünglichen verändernden Charakter entsprach. Barth holte die Bibel aus der akademischen Mottenkiste, in der sie für so viele so lange gelegen hatte. Er verdeutlichte, wie lebendig sie ist und wie sehr sie sich von anderen Büchern unterscheidet, die man „benutzen“ kann – zerlegen und analysieren, um sie dann für jedweden Zweck einzusetzen. Er zeigte deutlich und überzeugend, dass diese „andere“ Art des Schreibens (offenbarend und vertraut anstatt informativ und unpersönlich) auch anders gelesen werden muss (empfänglich und gemächlich anstatt reserviert und effizient). Er verwies auch immer wieder auf Autoren, die sich diesen Schreibstil angeeignet hatten, auch jetzt noch im biblischen Stil schrieben und damit uns als Leser dazu herausfordern, unser Leben zu ändern, wie beispielsweise Dostojewski. Der Russe übernahm in seinen Romanen von der Genesis die radikale Umkehr der menschlichen Urteilsgewohnheiten und gestaltete seine Charaktere gemäß des göttlichen „dennoch“ und nicht des göttlichen „deshalb“.
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