„Jesses! Mei unglückseliges Dearndel!“
„Was ficht di an, Vinzenz?“
„Die Herrischen sind ja in die Schlucht!“
„Der Aloys Sturmlechner!“
„Wenn’s der Bär auswittert und in seiner Wut annimmt, soans verloren!“
„Heilige Mutter Gottes, nur dös nit!“
„So an sauberes Madel!“
„Zu Hilf’! Kommts ihr all zu Hilf’!“
„Schreits die Manner z’samm’!“
„Holts an Waffen!“
„Laufts, ihr Leut’! laufts!“
Wie ein Rasender stürmte Vinzenz voran zu Tal.
Die Burschen folgten in wildem Tumult.
Wer ihnen begegnete, hörte nur die eine Schreckensnachricht: „An Bär ist in der Masul aufgespürt! — Drei Fremde soan noch hinunter’gangen!“
Wie ein Lauffeuer gellte die Schreckensnachricht durch Meran.
Aber die Zeit stand nicht still; die Sonne war schon längst hinter die Alpen gesunken, als sich eine Schar beherzter Männer zusammengefunden hatte, um im Verein mit etlichen Kaiserjägern und Kurgästen, die sich freiwillig gemeldet hatten, die Bärenjagd zu bestehen.
Es ist und bleibt ein heldenhaftes Wagnis, solch einem Ungeheuer in unwirtlichem und kaum übersichtlichem Terrain entgegenzutreten, und das Entsetzen, dass zwei unbewaffnete Herren und eine junge Dame der wütenden Bestie in Sicht gekommen sein konnten, erfüllte ganz Meran.
„In der Dunkelheit kann man nicht vordringen.“
„Undenkbar, einen Kampf aufzunehmen, wenn man nicht die Hand vor Augen sieht!“
„Und doch darf man nicht zögern!“
„Es gilt drei Menschenleben!“
„Man muss alsbald hinauf und gleich beim ersten Morgengrauen die Spur suchen!“
„Der Vinzenz meint, die Touristen wären nach der Sennhütte hinauf.“
„Wer sind die Herrschaften?“
„Kennt man Namen?“
„Du liebe Zeit, ja! Der Oberst von Welten mit seiner Nichte, einem so bildhübschen Mädchen, das schon allgemein aufgefallen ist.“
„Herr Sturmlechner macht ihnen den Cicerone!“
„Wo wohnen sie?“
„Im Tiroler Hof.“
„Nein, nein! Im Parkhotel. Die so leidende Gattin vom Oberst ist daheimgeblieben und soll beinah Krämpfe haben vor Angst und Aufregung!“
„Gott erbarm’ sich, so eine arme Dam’.“
„Die Jäger rücken aus!“
„Dös is ka Kinderspiel, wanns dös Revier umstellen wollen.“ —
Die Strasse nach Mais schritten rüstig die beherzten Männer, von Jagdeifer und dem Verlangen beseelt, rechtzeitig den Bedrängten Hilfe zu bringen.
Die Touristen waren nicht heimgekehrt, und bange Sorge erfüllte alle Seelen, ob sich wohl in jener Todeinsamkeit einer herrlich schönen, aber so weltfernen Gegend das grausigste Drama abgespielt habe, das gedacht werden kann.
Schwarz und schweigend lag der Wald.
Kein Laut nah und fern. Nur der Wind sauste daher, und in den Zweigen knackte und raschelte es, wenn Vögel oder kleines Getier, Eichkätzchen oder gar ein Marder von Ast zu Ast huschten.
Das Gewehr im Anschlag, drängten die Beherzten sich mutig Schritt um Schritt voran.
Angestrengtes Lauschen. Jeder Laut war ein Ereignis.
Die Felsen hemmen den Schall so sehr; es ist beinah unmöglich, ein noch so starkes Gebrüll bis hierher zu hören.
Der Himmel färbt sich im Osten mit zartem, flimmerndem Grau, das erst nur matten Schein in die tiefen Schatten wirft.
Welch eine Geduldsprobe! Welch eine nervenmordende Wartezeit!
Die Herren und Männer fiebern vor Aufregung. Jeder einzelne glaubt, den eignen Herzschlag hören zu müssen.
Ein rosiges Aufflammen —!
Droben die Schneezinken des Ifingers beginnen sich zu färben.
Die letzten dunklen Wolken der Nacht stieben über den Himmel davon.
Röter und röter färben sich ringsum die Alphäupter.
Wie mit einem Zauberschlag wird es sehr plötzlich hell und lebendig im Wald.
Hastige Schritte, ein Aufspringen mit derben Nägelschuhen.
Zwei Löselbuben, der Vinzenz vom Brunnecker Hof und der Sepp, die waghalsig in den Felskessel vorangeschlichen sind, kommen atemlos.
„Er brummt! — Man hört ihn deutlich, von der Senne klingt’s herüber!“
„Gott helf’! — dass sie noch leben!“
„Nun Vorsicht! — Dort um die Felsen herum, dann haben wir die Halde mit der Sennhütte vor Augen!“
Vogelschrei hoch in der Luft.
Ein Sperber steigt der Sonne entgegen. Die letzten Schatten verwehen wie Nebel und Rauch.
Scharfe Männeraugen lugen voll heisser Spannung durch das Gezweig.
Da — ein kurzes, grimmes Aufbrüllen, droben vom Stadel herunter klingt es. Die Aufregung der Jäger erreicht den Höhepunkt.
Der Heuschober steht beinah frei auf der Wiese, — ein Heranpirschen ist kaum möglich — —
Welch ein Meisterschuss, von sicherster Hand gegeben, kann das Untier auf diese Entfernung hin niederstrecken?
„Alle müssens schiessen! Je mehr Kugeln, desto besser!“
„Dort hinten! An der Rückwand des Stadels taucht er auf!“
„Er scheint seine Opfer tatsächlich zu bewachen!“
„Ein Bär halt gern gefangen!“
„Jetzt tratscht er nach rechts!“
„Man sieht deutlich, wie er nach dem Heu hinaufwittert —“
„Er will sich an dem Holzpfahl aufrichten!“
„Das unglückliche junge Mädchen! Die Herrschaften sind sicher in das Heu geflüchtet, man merkt es der Bestie ja an!“
„Eine Salve — eine Salve geben!“
„Kommando.“
Ein kurzes, scharfes Aufblitzen aus dem Tannendickicht heraus, dann ein scharfes Knattern — und fast gleichzeitig ein kurzes, bellendes Gebrüll des vielfach getroffenen Raubtiers.
Der Bär bäumt auf — greift mit den Vorderpranken gierig in die Luft — er taumelt, — wendet sich — stiert auf die neuen Feinde und Angreifer in den Tannen —
Noch einmal ein dumpfes, furchtbares Brüllen, — dann sinkt er zur Seite, rollt sich wie ein Knäuel auf dem dicken Moos umeinander ...
„Feuer!“
Wieder knallen die Gewehre.
Weisse Pulverdampfwölkchen kräuseln aus dem dichten Unterholz.
Ein Zucken des zottig schweren Körpers, abermals ein ruckweises Brummen, das in kurzes Röcheln übergeht.
„Gut getroffen!“
In dem grünbuschigen Knirks, noch die rauchende Büchse im Anschlag, stand ein Schütz.
Klein und etwas zur Fülle neigend war seine Gestalt, dabei sehnig gedrungen, von anscheinender Muskelkraft, wie sie den an Sturm, Wetter und Gefahren gewohnten Einwohnern wilder Berggegenden eigen ist.
Hohe Schnürstiefel, ein mehr derb praktisches als elegantes Jagdzivil, die Mütze, die sogar etwas Schäbiges hatte, von fremdartiger Fasson, fest über den ganzen Kopf gezogen, stand er vorgeneigt und schien mit stierem Blick seine Kugel verfolgen zu wollen, ob sie, wie gewohnt, ihr Ziel erreichen werde.
Sein Gesicht war nicht hübsch, ein rüder Zug lag um den Mund, dessen wulstige Lippen von starkem, nicht sonderlich gepflegtem Schnauzbart umstarrt waren.
Die Nase, kurz und stumpf, zeigte breite Nüstern, und etliche Blatternarben verdarben ihre Form und erzählten von einer Zeit, die ihre Schreckensspuren unauslöschlich in die Physiognomien ihrer Opfer schreibt.
Eine gewisse Gutmütigkeit lag auf den breiten, fleischigen Wangen, gepaart mit Sinnlichkeit, die den dunkeln, leicht vortretenden und von starkbuschigen Brauen umsäumten Augen einen Ausdruck von Leidenschaft und tierischem Instinkte gab.
In diesem Moment glühte der Jagdeifer, sein Opfer niedergestreckt zu haben, voll gieriger Gewalttätigkeit darin.
„Basse manelka!“ lachte er mit dröhnender Stimme. „Der hat’s! Die Kugel, die ihms Lebenslicht ausblasen hat, wor meinigte!“
Er hob den Arm und wehrte zwei Kaiserjägern, die an seiner Seite gestanden hatten, energisch ab.
„Laufts no net sogleich hin. — I sprech’ aus Erfahrung! Bin seit Bubenjahren auf a Bärenjäger! — Ma denkt, er liegts im Feuer dabei, und kommt man in die Näh’, rackert sich so an sakrischer Hund auf und gibt’s noch an Treff!“
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