Es waren Straußdinosaurier. Mit ihren vier Meter Länge wirkten sie wie riesige flugunfähige Laufvögel. Den langen Balancierschwanz hielten sie waagerecht; die schlanken Arme mit den dreifingrigen Greifhänden schleiften sie griffbereit fast auf dem Sand. Und sie liefen schnell, während sie mit ihren großen Augen offensichtlich nach etwas suchten.
Diese flinken intelligenten Saurier, die so gar nicht saurierhaft aussahen, waren auf Nahrungssuche. Zwar begnügten sie sich als Pflanzenfresser meist mit Gras und Blättern, Cycasfrüchten und Feigen, sie jagten aber auch kleinere Eidechsen und Säugetiere und nahmen besonders gern die Eier anderer Saurier.
Aus Erfahrung kannten sie die bevorzugten Legeplätze in der sandigen Ebene, die immer wieder benutzt wurden. Und sie glaubten wohl, die Gelege der noch schlafträgen Horndinosaurier gefahrlos ausnehmen zu können.
Trigan erschrak vor den großen schnellfüßigen Wesen, die ihn beinahe überrannten. Und er duckte sich ängstlich hinter eine Bodenwelle. Doch nicht nur Trigan hatte die Straußdinosaurier bemerkt.
Ganz in der Nähe hob sich eine mächtige Gestalt aus dem Sand. Und so friedlich diese gewaltigen hornbewehrten Saurier sich sonst verhielten, wenn es um ihre Gelege ging, wurden sie zu gefährlichen Gegnern. Trigans erfahrene Mutter kannte die Absichten der hochbeinigen Eiräuber. Und sie reagierte sofort.
Mit erstaunlicher Geschwindigkeit stand sie auf ihren stämmigen Beinen. Ein dumpfes Schnaufen drang aus ihrem Schnabelmaul. Und jetzt wurden auch ihre Gefährtinnen munter, erkannten die drohende Gefahr. Sand wirbelte auf, als sie sich in Bewegung setzten. Mit ihren starken Beinmuskeln waren auch sie gute Läufer, wenn auch nur auf kurzen Strecken. Und mit ungeheurer Kraft stießen sie ihre spitzen Hörner nach den flüchtenden Gegnern.
Doch die langbeinigen Straußdinosaurier waren um einiges schneller. Sie entkamen – bis auf einen noch Unerfahrenen, den ein mächtiger Hornstoß am Kniegelenk erwischte und zu Fall brachte. Fast lautlos stürzte er zu Boden. Unter den trampelnden Füßen der tonnenschweren Horndinosaurier blieb nur noch ein feuchter Fleck im Sand, umschwirrt von Fliegen.
Danach herrschte wieder Ruhe über den Gelegen. Ein Nest nur war beim Kampf zertrampelt worden, aber kein anderes aufgebrochen, kein Ei beschädigt. Die Wachsamkeit der Horndinosaurier hatte fast ihre ganze Brut gerettet. Und Trigan kam erleichtert aus seiner Deckung hinter der Bodenwelle hervor und lief zu den schnaufenden Großen.
Nur eine allmählich verwehende Staubwolke am Horizont verriet noch den mißglückten Beutezug der Straußdinosaurier. Und sie kamen auch nicht mehr zurück. Weit entfernt hatten sie im Sand vergrabene Schildkröteneier gefunden. Und die wurden nicht bewacht.
Heiß brannte die Sonne auf die Ebene. In der Mittagshitze schien auch der Sand zu glühen. Und Schatten gab es kaum. Zum Ausbrüten der tief im Sand vergrabenen Eier aber war es ein idealer Platz.
Für die Horndinosaurier jedoch wurde es allmählich immer schwieriger, in der Nähe noch ausreichend Nahrung zu finden. Sie brauchten ungeheure Mengen an Grünzeug. Und inzwischen hatten sie im Umkreis der Gelege nahezu alles Verwertbare abgeweidet. Unbeaufsichtigt aber durften sie ihre Brut nicht lassen.
Mißmutig zerrte Trigan an den Resten eines zertrampelten Strauchs. Seit Tagen wurde er kaum noch satt. Auch die Großen litten zunehmend unter Hunger. Schließlich fanden sie einen Ausweg.
Kurz nach Mittag bildete sich um Trigans Mutter eine größere Gruppe und nahm die Jungtiere in die Mitte. Nur eine kleinere Gruppe von erwachsenen Weibchen blieb bei den Gelegen zurück als Wache; für sie würde der restliche Pflanzenwuchs ausreichen.
Mit knurrendem Magen trottete Trigan zwischen den Großen durch den heißen Sand. Und jetzt schienen sie es eilig zu haben. Trotz der Hitze stapften sie in scharfem Tempo auf die ferne Schattenlinie des Uferwaldes zu. Der Hunger beschleunigte ihre Schritte.
Als der Bewuchs wieder dichter wurde, zwischen Grasinseln und Buschgruppen einzelne Bäume aufragten, stürzten sie sich gierig auf das frische Grün. Die geschlossene Gruppe löste sich auf, verteilte sich zwischen den Gewächsen.
Trigan verschnaufte erst mal im Schatten einiger Platanen. An die Blätter der hochwüchsigen Bäume kam er nicht heran. Er suchte niedrigere Pflanzen, die er bequem abweiden konnte. Und Tussan, der das gleiche suchte, stapfte geräuschvoll hinter ihm her.
So gelangten die beiden allmählich etwas abseits der weidenden Großen. Und hier fanden sie an jungen Palmen und breitfächerigem Farn genügend schmackhaftes Grün, um ihren Hunger zu stillen.
Dabei achtete Trigan kaum auf seine Umgebung. Immer tiefer fraß er sich durch das Pflanzendickicht und hinterließ eine schmale Gasse aus niedergetretenen Stengeln.
Längst hatte Tussan sich seitwärts eine andere Gasse gebahnt, war darin verschwunden. Nur ein Rascheln verriet, daß sich noch jemand in der Nähe befand.
Gerade schnitt Trigan mit seinem scharfrandigen Schnabelmaul den Fächer eines Palmfarns ab, da hörte er unweit vor sich ein stampfendes Geräusch. Unbekümmert futterte er weiter, glaubte wohl, es seien Tussans Schritte. Doch er irrte sich.
Mit einemmal wurde das Dickicht vor ihm raschelnd auseinandergebogen. Dazwischen tauchte ein riesiger Kopf auf, über zwei Meter lang und eineinhalb Meter breit. Auf den ersten Blick wirkte er ähnlich wie der Schädel eines Triceratops. Auch er trug ein halbmeterlanges Nasenhorn, doch fehlten ihm die beiden Hörner über den Augen.
Erst als auch sein Nacken zwischen dem Grün sichtbar wurde, sah Trigan seinen mit langen starken Stacheln bewehrten Knochenkragen. So ein Tier hatte Trigan noch nie gesehen in seinem kurzen Leben. Und er erschrak vor dem furchterregenden Anblick.
Aber das riesige, fremdartige Tier verhielt sich friedlich. Es war ein Styracosaurier, ein naher Verwandter aus der Gruppe der Ceratopsier und ebenfalls ein Pflanzenfresser. Aber das wußte Trigan noch nicht.
Vor Schreck wie gelähmt, starrte er auf den mächtigen hörnerstarrenden Kopf. Dagegen kam er sich ganz winzig vor. Und zum Ausweichen war es zu spät. Vorsichtig begann er, sich langsam rückwärts zu schieben.
Doch der riesige Styracosaurier folgte ihm nicht. Gleichmütig betrachtete er den verängstigten Trigan und schnappte nach einem seitlich hochragenden Palmfarn.
Verdutzt blieb Trigan stehen. Jetzt begriff er, daß ihm von diesem gewaltigen Saurier keine Gefahr drohte; der begnügte sich mit den schmackhaften Pflanzen und futterte gemächlich weiter.
Trotzdem blieb Trigan die Nähe des fremden Ceratopsiers unheimlich. Ziemlich hastig wandte er sich um und rannte in seiner Gasse zurück.
Nur sehr weit kam er nicht. Schon nach ein paar Metern raschelte es plötzlich dicht neben ihm, wogten Halme und Zweige von rascher Bewegung. Zwischen dem Grün stapfte jemand auf ihn zu. Und dann tauchte erneut eine hornbewehrte Gestalt auf, allerdings viel kleiner als der fremdartige Saurier.
Diesmal aber war es wirklich nur Tussan, der sich einen anderen Rückweg suchte. Erleichtert blickten die beiden Kleinen sich an. Und gemeinsam liefen sie durch das lichter werdende Gesträuch zurück zu ihrer Herde.
Zwischen Sumpfgräsern schimmerten Wasserlachen im Sonnenlicht. Über der ausgedehnten Sumpflandschaft herrschte beinahe Windstille. Insekten summten in der feuchtwarmen Luft. Und ein großer Wasservogel strich dicht über den Baumkronen mit trägen Flügelschlägen landeinwärts.
Trigan gefiel es hier. Er fühlte sich satt und zufrieden. Inzwischen war die Herde bis auf die bei den Gelegen zurückgebliebenen Wachen zu den vorausgelaufenen männlichen Tieren gestoßen. Und der riesige alte Trunar bestimmte wieder die Marschrichtung.
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