Santin West betrachtete ein kleines Bruchstück eines Elementarpanzers, das er an dem Tag, an dem er seinen Blutnamen gewonnen hatte, seinem letzten Gegner abgenommen hatte. Es war verbogen und zerkratzt, und es erinnerte ihn an die Freude, die er über seinen Sieg gefühlt hatte. Daneben lag ein zerrissenes Halstuch, eine Erinnerung an den Krieger, den er beim Positionstest für den Rang eines Sterncaptains bezwungen hatte. Der kleine Finger, der in dem Positionstest von seinem ersten Elementarpanzer abgebrochen war, in dem er sich zum Sterncolonel hochgekämpft hatte.
Dann war da noch ein dünnes Stück Myomerkabel, das ›Muskel‹-Material eines BattleMechs. Er sah es an und erinnerte sich an die Schlacht um Caripace, und an die Schwierigkeiten, die ihm der draconische Mechkrieger bereitet hatte. Auch Stücke von Mechkanzeldächern lagen zwischen seinen Venirs, jedes von einem anderen Gegner, den er während der Invasion besiegt hatte.
Ein Ohrring, schwarzverkohlt und halb geschmolzen. Santin West hatte ihn einem Kell Hound abgenommen, als seine Einheit im Kadoguchi-Tal auf Luthien zerschlagen worden war. Aber trotz der Kameraden, die er verloren hatte, fühlte er kein Bedauern, was diese Schlacht betraf. Sie hatten gut gekämpft und waren in den Tod gegangen, so wie er es ihnen eines Tages nachzumachen hoffte, bis zum Ende und darüber hinaus kämpfend. Wie es das Wesen des Kriegers war.
Ein Teil in der Sammlung von Venirs hob sich von den anderen ab. Der Aufnäher zeigte das ComStar-Logo und die weißgoldenen Insignien der 244. Division. Tukayyid. Er war dabei gewesen, und das war seine Verbindung mit jener Schlacht. Er sah den faltigen Aufnäher an, an einer Seite rußgeschwärzt, und er erinnerte sich - hörte wieder das Dröhnen der Autokanonen und die Schreie des Schlachtgetümmels.
Santin sah von den Venirs auf. Seine Gedanken waren noch immer auf Wanderschaft in den Korridoren der Erinnerung. Die Eidmeisterin stand neben ihm. Sie streute ein weißes Pulver in die Flammen und legte mehrere Hartholzscheite nach. Die Pulverkörner zuckten im Feuer leuchtend grün, blau und blutrot auf. Eidmeisterin Biccon Winters warf auch einige Kapseln in das hoch auflodernde Feuer. Sie enthielten Weihrauch, und ihr starker Duft packte Santin Wests Sinne und ließ sie nicht mehr los. Die teilweise noch feuchten Holzscheite krachten und schleuderten Funken in die Nacht.
Seine Augen senkten sich zum Ursprung des wild tanzenden Feuers, und er fixierte die orangerot glühenden Kohlen im Zentrum des Infernos. Die mit schwarzen Flecken bedeckten Kohlen schienen in der Hitze zu flimmern. Er starrte sie an und erlebte ein Schwindelgefühl, konnte nicht sagen, ob er ins Herz der Flammen fiel oder gezogen wurde.
In der Glut sah er eine dunkle Silhouette. Er hielt sie in seinem Blick, und sie schien Gestalt anzunehmen, wurde zu einer zuschlagenden Katze. Santin Wests Augen weiteten sich vor Erregung, als er sie anstarrte. Sie folgten den Umrissen der Katze, und eine zweite, gelborangefarbene Gestalt erschien zwischen den Kohlen. Wieder sah er eine jagende Katze, diesmal wie im Sprung eingefroren. Und aus der untersten Schicht der Kohlen stieg eine weitere Silhouette auf - jetzt nur der Kopf einer Katze - und wurde immer deutlicher. Die drei Bilder schimmerten in der vom Feuer aufsteigenden Hitze, aber alle drei wirkten so real, als wären sie lebendig.
Plötzlich rutschten die Scheite, und stürzten hinab auf die Kohlen. Die Bewegung und das Krachen zerstörten seine Konzentration für einen Augenblick, und als seine Augen sich nach dem Blinzeln wieder öffneten, stellte er fest, dass eine der Gestalten von den fallenden Scheiten ausgelöscht worden war. Die erste dunkle Gestalt war noch zu sehen, aber sie schien nicht mehr zu kämpfen, sondern stand nur reglos in den Flammen. Die andere, der Katzenkopf, war unbeschädigt, aber nun schien sie sich vor seinen Augen zu verändern. Santins Atem ging stoßweise, sein Puls hämmerte wie der eines Pferdes in einem Rennen, aber er war unfähig, sich zu bewegen, hing in Raum und Zeit gefangen über dem Feuer.
Der Kopf der Katze schien dunkler zu werden und sich in einen grinsenden Totenschädel zu verwandeln. Er neigte sich vor ihm, wie in einem Zugeständnis. Santin West griff nach ihm, aber die Scheite verlagerten sich erneut und löschten den Katzenschädel aus, der ihn so teuflisch angegrinst hatte. Er ließ die Hand wieder aufs Knie fallen und schüttelte leise den Kopf.
»Du hattest eine Vision, Santin West, pos?« fragte eine Stimme von außerhalb seines Sichtfelds. Er wusste, dass sie Biccon Winters gehören musste, der Eidmeisterin der Novakatzen und Bewahrerin des Ritus. In ihrem Tonfall lag eine Spur von Neid.
»Pos«, bestätigte er kaum hörbar, die Augen immer noch glasig und auf die Flammen gerichtet - in der Hoffnung, die Vision werde zurückkehren.
»Ausgezeichnet. Dies war dein vierter Versuch, Sterncolonel. Ich gratuliere dir. Viele, die den Ritus durchführen, erreichen ihr Ziel niemals ganz. Wir Novakatzen verstehen den Wert solcher Visionen. Seit unser Gründer Nicholas Kerensky die Vision hatte, die zur Gründung unserer Kultur führte, sind die Novakatzen-Krieger die einzigen, die solche Questen noch unternehmen. Es ist eine Verbindung zu unserer Vergangenheit und eine Brücke in unsere Zukunft.«
Santin West schwindelte. Sein Magen schmerzte und seine Muskeln protestierten. »Meine Vision - es war ...« Seine Stimme erstarb, als sein Verstand zu erklären versuchte, was er gesehen hatte.
Die Hand der Eidmeisterin sank auf seine Schulter.
»Ich bin die Hüterin des Eids für unser Volk und die Bewahrerin dieses Ritus. Eine Vision ist heilig, und oft offenbart sie ihre Bedeutung erst mit dem Zug der Zeit.«
Santin verlagerte das Gewicht und streckte die Beine aus. Zum ersten Mal in dieser Nacht stach die Kälte der Luft in seine Haut, als er sich bewegte. »Ihr versteht nicht. Ich muss begreifen, was ich gesehen habe.« Seine Gedanken wirbelten um das Bild, das vor seinem inneren Auge bereits verblasste. Die beiden ineinander verbissenen Katzen, das verstehe ich. Nebelparder und Novakatzen bekämpfen sich seit Jahrhunderten. Aber ich sah noch eine Katze, eine, die zu einer Totenmaske wurde, diejenige, die sich vor mir verbeugte. Die beiden kämpfenden Katzen wurden zermalmt, und alles, was zurückblieb, war das Totengrinsen der dritten. Ich muss verstehen, was ich sah. Ist das meine Zukunft oder die meines Clans?
Eidmeisterin Winters schüttelte den Kopf. »Neg, Sterncolonel. Nicholas Kerensky ebenso wie die Gründerin unseres Clans, Khan Sandra Rosse, haben uns gelehrt, geduldig zu warten, während sich die Bedeutung einer Vision allmählich offenbart. Lass dein Verständnis reifen, dann werden wir weiter darüber reden. Wenn das, was du gesehen hast, eine Voraussage über unsere Zukunft ist, werde ich die Khane darauf aufmerksam machen. Das ist meine Pflicht und Ehre.«
Santin West richtete sich langsam und schwankend auf. In diesem Augenblick schlugen die Tage und Nächte des Fastens und der Konzentration über ihm zusammen. Er tat einen schwachen Schritt, dann brach er plötzlich vor Eidmeisterin Winters zusammen. West lag lang hingestreckt auf seinen kostbaren Venirs, vor Erschöpfung bewusstlos.
2
Kriegerhalle, das Fort, Tara, Northwind
Chaos-Marken
2. Mai 3058
Die Versammlungshalle der Clan-Ältesten war das wichtigste Regierungsgebäude in Tara, Herz und Seele der planetaren Regierung Northwinds. Obwohl die Highlanders nur einen Bruchteil der planetaren Bevölkerung darstellten, bedeuteten sie die einzige wirkliche Macht und Autorität auf dieser Welt. Umso mehr, seit sie den Planeten Prinz Victor Davion und dem Vereinigten Commonwealth abgerungen hatten.
Im Herzen Taras gelegen, war die Versammlungshalle Teil eines ganzen Gebäudekomplexes, der seit der Rückkehr der Highlanders nach Northwind 3028 als das Fort bekannt war. Die zurückgekehrten Ältesten hatten verkündet, ihre geliebte Heimatwelt von dieser Festung aus gegen alle und jeden zu verteidigen, der sie bedrohte.
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