Devon nickte. »Wie lauten Eure Befehle für mich?«
»Du erinnerst dich an die Diskussion, die wir vor einer Weile über Galaxis Tau geführt haben, frapos?«
»Pos. Soweit ich mich erinnere, war sie noch Monate von der Einsatzbereitschaft entfernt.« Er erinnerte sich noch sehr gut an diese Diskussion, weil der Khan ihm in deren Verlauf ein paar Geheimnisse enthüllt hatte. Galaxis Tau war eine neu ausgehobene Einheit von der Parder-Heimatwelt Diana. Ihre Krieger waren dringend benötigter Wahrgeborenen-Nachschub, gezüchtet aus dem besten genetischen Erbe der Nebelparder. Und die Aufstellung dieser neuen Galaxis war zum größten Teil im Geheimen erfolgt.
»Wie der Parder auf der Jagd werden wir uns diesmal an diesen Feind anschleichen und ihn besiegen. Galaxis Tau ist mehr als ein Traum, sie ist Wirklichkeit und in diesem Augenblick auf dem Weg in die Innere Sphäre. Sie wird unserem Clan den wilden Biss verleihen, den wir benötigen, um zu siegen.« In den Augen des Khans funkelte die Kampflust. »Ihre Ankunft wird ein neues Zeitalter für den Nebelparder einläuten. Die Zeit ist gekommen, die Demütigungen der Vergangenheit zu rächen. Erst wurden wir gezwungen, unseren Invasionskorridor mit den Novakatzen zu teilen, die prompt einige unserer Welten stahlen. Dann verloren wir eine große Zahl tapferer Krieger auf Luthien, und danach ebenso auf Tukayyid. Auf Luthien haben uns die Novakatzen gebremst, und jetzt versuchen die Wölfe ihre Stärke zu beweisen, und greifen unsere Systeme an. Wir dürfen uns unseren Weg nicht länger von den Ereignissen vorschreiben lassen, sondern müssen mutig und gewagt die Initiative ergreifen. Und die Zeit dafür ist jetzt gekommen!«
Devon Osis nickte leise. Er sog jedes Wort in sich auf. Galaxis Tau war frisch und stark, das Beste aus dem Generbe der Nebelparder. Mit ihrer Ankunft waren das Draconis-Kombinat und der Rest der Inneren Sphäre reif, erobert zu werden. Nur die imaginäre Waffenstillstandslinie bei Tukayyid trennte die Clans von der Herrschaft über die Innere Sphäre, und diese Linie verwischte sich mit jedem Tag mehr. »Das Kombinat verehrt den Drachen, aber wir werden diese Barbaren wie die Papiertiger zermalmen, die sie in Wahrheit sind, und der Weg nach Terra wird frei sein.«
Bei diesen Worten fuhr der Khan der Nebelparder wütend auf. »Negativ, Sterncolonel. Du musst weiterdenken als nur bis zum Kombinat. Clan Novakatze ist unser Ziel. Wie einen Albatros hat Ulric Kerensky ihn uns um den Hals gelegt. Die Novakatzen haben uns ganze Systeme geraubt, und ihr Kampfstil hat uns den Sieg auf Luthien gestohlen. Wir haben diese Last zu lange getragen. Sie wurden hierher gebracht, um uns auszusaugen wie Blutegel, um dafür zu sorgen, dass wir zu schwach sein würden, Terra einzunehmen, wenn die Zeit dazu gekommen wäre, zu schwach, unseren rechtmäßigen Platz als der ilClan einzunehmen.«
Lincoln Osis hatte recht. Die Novakatzen waren in der zweiten Hälfte der Invasion der Inneren Sphäre dem Angriffskorridor der Nebelparder mit zugeteilt worden. Dort angekommen, hatten sie den Pardern einige ihrer Eroberungen abgenommen und sich eingegraben. Jetzt waren sie bereit zu einem Wettlauf gegen die Nebelparder nach Terra, sobald der Waffenstillstand von Tukayyid auslief. Wieder stieg Bewunderung für seinen Khan in Devon auf. »Wir werden die Novakatzen pulverisieren«, stieß er aus, und in seinen Ohren hämmerte der Puls.
Lincoln Osis nickte. »Galaxis Tau ist unverbraucht, und aus den feinsten Exponaten unseres Genfundus entwickelt worden. Ich habe keine Kosten gescheut, um sie zur Perfektion auszubilden und mit dem Besten auszurüsten, das unser Clan besitzt. Ihre Krieger wurden zerfleischt und zerkratzt, und nur von den Besten gefordert.« Die Worte drangen Devon bis ins Mark. Es war beinahe ein Gefühl wie in den Augenblicken, als Lincoln Osis die zeremonielle Maske aufsetzte und die Personifikation des Nebelparders wurde.
Der Khan legte beide Hände auf Devons Schultern. »Du hast dich in den Tests bis zum Rang des Galaxiscommanders hochgearbeitet, Devon Osis, aber du hast keine Galaxis, über die du befiehlst. Bis eine neue Einheit zur Verfügung stand, hast du deinen alten Rang weitergeführt. Nun existiert eine. Ich gebe dir Galaxis Tau.«
»Ich werde Euch nicht enttäuschen, mein Khan.«
»Für die Fehler der Vergangenheit ist kein Platz. Die Wölfe kratzen geifernd an unserer Tür und greifen uns an, um sich die Ehre zurückzuholen, die ihnen die Jadefalken genommen haben. Die Falken spielen mit ihren Geschkos, um ihre Kraft zu beweisen. Die Stahlvipern haben sich eingerollt, bereit, jeden Augenblick zuzustoßen. Die Geisterbären warten und beobachten das Geschehen in ihren Höhlen. Und dann sind da die Novakatzen. Sie sind ein Geschwür in unseren Eingeweiden, rauben unsere Kraft.« Der Khan machte eine kurze Pause, und seine Züge verzerrten sich vor Abscheu.
»Wie Freigeburtsmystiker starren sie empor in die Nacht und suchen Rat von den Geistern, die ihre Einbildung dort angesiedelt hat. Sie befragen Seher und Sterne, um ihren Weg zu finden. Heute Nacht, wenn der Khan der Katzen in den Nachthimmel blickt und um eine Vision bittet, ihn zu leiten, wird er einen Nebelparder sehen. Du wirst dieser Nebelparder sein. Galaxis Tau wird in Kürze auf unserem Stützpunkt auf Wildcat eintreffen. Du wirst dich dorthin begeben und Sterncolonel Roberta ablösen, die Tau von den Heimatwelten hierher geführt hat. Schließe ihre Ausbildung ab und entwickle eine Strategie für ihren Einsatz. Ich werde dich wissen lassen, wann die Zeit gekommen ist, und dann - wird der Parder wieder auf die Jagd gehen.«
Der kühle Nachtwind Tarnbys strich über Sterncolonel Santin West, aber die Hitze des lodernden Scheiterhaufens vertrieb die Kälte auf den Höhen des Mont Neyzari. Er verlagerte das Gewicht und rückte seine steifen, gekreuzten Beine ein wenig zurecht, ohne den Blick von den tanzenden Flammen des Feuers zu nehmen. Er war nicht allzu groß für einen Elementar, nur knapp 2,5 Meter, wenn er sich gerade aufrichtete. Sein gebleichtes weißes Haar war zu einem Bürstenschnitt gestutzt, der an den stachligen Rücken eines Igels erinnerte, und trotz der Kälte war er nur in Shorts gekleidet, mit dem Fell eines Novakatzenweibchens um die Schultern geworfen. Die tiefen Ringe um seine Augen wirkten im Flackern des Feuers noch dunkler.
Er starrte in die Flammen und fühlte, wie sein Körper sich leicht zur Seite neigte, bevor er sich wieder abfing. Es war sechs Tage her, dass er zuletzt gegessen hatte, und mindestens achtundvierzig Stunden seit dem letzten Schlaf. Seine Stärke ließ rapide nach, aber die Eidmeisterin hatte ihm versichert, dass dies die beste Möglichkeit sei, eine Vision aufzurufen. Der Visionsritus war das ehrenvollste und mysteriöseste aller Novakatzen-Clanrituale, und er wollte nicht versagen - nicht schon wieder. Santin Wests vorherige Versuche schienen ihm ein Leben weit zurückzuliegen. Einer war kurz nach Luthien gewesen, und er hatte zu erfahren gehofft, was die Zukunft bringen würde. Aber es hatte sich keine Vision eingestellt. Dann kam das Blutbad von Tukayyid. Der Tod seiner Kogeschwister, die mit ihm zusammen groß geworden waren und die mörderische Kriegerausbildung ihrer Geschko durchgestanden hatten, hatte ihn auf eine Weise getroffen, die er bis jetzt nicht recht verstand.
Diesmal war es anders. Er dürstete danach, die Zukunft zu erfahren - nicht nur für sich selbst, sondern für den ganzen Clan. Die Vergangenheit war nicht zu ändern. Aber ein Blick in die Nebel dessen, was noch bevorstand, konnte seinem Volk die Möglichkeit liefern, die Gegenwart zu beeinflussen.
Sein Blick wanderte zu der kleinen Ansammlung von Relikten, die vor ihm auf dem Boden lagen. Das waren seine Venirs, Erinnerungen an vergangene Schlachten. Jeder Novakatzen-Krieger sammelte solche Überreste aus wichtigen Kämpfen, an denen er teilgenommen hatte. In der Regel wurden sie in einem Lederbeutel aufbewahrt und nur während einer Zeremonie getragen. Beim Visionsritus jedoch wurden die Venirs ein Opfer der Flammen. Ein Venir war etwas Bedeutendes, es diente dem Krieger, der es besaß, als spiritueller Fokus, es konservierte die Erinnerung und vor allem die Bedeutung dieser Erinnerung. Für eine Novakatze war nur das Kodax-Armband, das ihre offizielle Dienstlaufbahn und alle wichtigen Einzelheiten ihres Daseins bis hinab zu ihrem DNA-Code enthielt, wichtiger als ein Venir. Der Unterschied zwischen beiden war einfach. Der Kodax war ein offizielles Dokument. Die Venirs dokumentierten den persönlichen Werdegang eines Kriegers, der jenseits des offiziellen lag.
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