Christin war wie ausgewechselt an diesem Abend, sie fand alles großartig, besonders die Tiere. Der Zirkus blieb nur einen Tag und Christin wurde wieder traurig und starrte zum Fenster hinaus. Eine Woche später schickte Madame Duval, das war die Schneidermeisterin, ein Lehrmädchen zum Hof der Maginots und ließ fragen, warum Christin nicht zur Arbeit gekommen war, ob sie etwa krank sei. Christin aber war wie jeden Morgen mit dem Fahrrad ins Dorf gefahren. Einen Tag lang suchte Gustave sie und am nächsten Tag der Dorfgendarm. Christin war verschwunden.
Das Fahrrad fand man in Ronceray bei einer Tankstelle. Der Tankwart erinnerte sich an ein hübsches rothaariges Mädchen, das sich angeregt mit einem Fernlastfahrer unterhalten hatte. Der Dorfgendarm von Orbey fluchte damals ordentlich, er hatte eine Menge zu schreiben, eine Abgängigkeitsanzeige und eine überörtliche Personenfahndung. In Strasbourg, wo der Zirkus gerade gastierte, suchten Polizeibeamte alle Wohnwagen und das Zelt ab. Christin Maginot blieb verschwunden.
Die Zeit verging und nach einem Jahr oder so sprach kaum noch jemand von der sonderbaren Christin im Dorfe Orbey. Der junge Pfarrer war versetzt worden, in eine andere Gemeinde, das war, weil die Leute soviel tratschten. Der Dorfgendarm war überzeugt, daß die grenzdebile Christin Maginot – so sagte er – längst Opfer eines Verbrechens geworden und irgendwo in einem finsteren Wald eingescharrt war, wo niemand sie finden konnte. Das sagte er auch meistens im Dorfwirtshaus und Gustave Maginot hörte davon und wurde wütend, und wenn er betrunken war, sagte er laut, er wisse genau, daß seine Schwester noch lebe und daß es ihr gut gehe. Im Ausland. Und der Gendarm sei selber grenzdebil. Dieses wiederum wurde dem Gendarmen hinterbracht und eines Tages sagte der Gendarm dem Gustave höchst amtlich, wenn er Nachricht von seiner abgängigen Schwester habe, müsse er dies melden, das wäre Bürgerpflicht.
Gustave meinte mürrisch, er habe keine Nachricht erhalten, keinen Brief oder Telegramm oder so. Wie sollte er diesem Gendarmen auch erklären, daß er nachts manchmal aufwachte und die Stimme seiner Schwester hören konnte, wie sie sagte, daß sie ihn gern habe und er sich keine Sorgen machen müsse. Der Gendarm hätte dann herumgeredet, die Maginots wären allesamt grenzdebil, oder wie das Wort hieß. Immerhin, Gustave war sich seiner Sache ziemlich sicher. Als der alte Maginot im Sterben lag, sagten alle im Dorfe Orbey, er habe sich zu Tode gesoffen und ein neuer Totengräber müsse nun her, einer, der auch manchmal nüchtern wäre. Den Gustave scherte das wenig. Er machte die Arbeit seines Vaters, auch die Totengräberei, aber es starben ja wenig Leute in Orbey, einer oder zwei im Monat, keine Hetze also. Gustave wollte den Totengräberposten ohnehin nicht. Er war so gut wie verlobt mit Madeleine, die mit ihrer Familie vor sechs Monaten nach Pittsburg, USA, ausgewandert war und ihm wöchentlich Briefe schrieb, er solle bald nachkommen. Die anderen Brüder gingen alle ihre eigenen Wege und es war ausgemacht, daß der Hof nach dem Tod des Alten verkauft und der Erlös dann aufgeteilt werden sollte. Durch vier, denn Christin war immer noch vermißt. Dann starb der alte Maginot tatsächlich und Gustave hob die Grube aus am Friedhof und für Freitag war das Begräbnis angesetzt. Niemand dachte damals an Christin. Mit Ausnahme von Gustave, der im Schlaf manchmal die Stimme seiner Schwester hörte. Sie sagte, sie wäre rechtzeitig beim Begräbnis. Die Kirchenglocken läuteten an diesem Freitag und das halbe Dorf stand um das offene Grab. Der neue Pfarrer war ein älterer Herr und hielt die Grabrede, als plötzlich Christin da war, neben ihren Brüdern stand. Sie war ganz in Schwarz und so schön, daß einem die Luft wegblieb. Alle wunderten sich sehr, bis auf Gustave vielleicht, und der Erlös des Hofes wurde dann durch fünf geteilt. Der Dorfgendarm fluchte, weil er wieder eine Menge zu schreiben hatte. Christin war damals knapp achtzehn Jahre alt.
Zwei Wochen lang blieb Christin im Dorfe Orbey. Sie war fast immer mit Gustave zusammen, die anderen Brüder nahmen weniger Anteil an ihrer so plötzlichen Wiederkehr. Eine Menge Dinge waren zu erledigen, beim Grundbuch und beim Notar und so, weil doch der Hof verkauft wurde. Und Gustave war nervös und auch wohl ein wenig ängstlich, er wollte doch auswandern nach Pittsburg, USA, und zu Madeleine, seiner Verlobten, und das ist eine ziemlich schwierige Sache für jemanden, der noch kaum aus seinem Dorf herausgekommen war.
Christin war ihm eine große Hilfe. Sie fuhren nach Paris, mit der Eisenbahn, im Handumdrehen hatte Christin dort eine Garçonnière gemietet, wo auch Gustave Unterkommen konnte, bis zu seinem Abflug.
Das Einreisevisum für die USA als Auswanderer schien für Gustave eine fast unüberwindliche Hürde, aber Christin führte ihn in die Botschaft und dort von einem Büro in das andere und alles ging wie geschmiert, und als ein Beamter dort kein Französisch verstehen konnte, plauderte Christin fließend in Englisch mit ihm, tatsächlich, dem Gustave blieb der Mund offen und zuerst einmal wurde ihm seine Schwester unheimlich. Sie habe es gelernt, von Freunden, erklärte sie ihm. Und auch noch andere Sprachen. Reden und Verstehen wäre recht einfach, nur Schreiben sehr schwer. Da wurde Gustave irgendwie stolz auf seine Schwester.
Als er abflog zu seiner Madeleine, an diesem Tag trafen sie auf dem Flughafen einen jungen Kriminalbeamten, der bei der Paßabfertigung sehr freundlich war und es Christin erlaubte, durch die Sperre zu gehen und bis zum Abflug bei ihrem Bruder zu bleiben. Es war noch eine Stunde Zeit bis zum Start und der Kriminalbeamte wurde vorher abgelöst, er kam in die Abflughalle und wünschte Gustave noch alles Gute für den Flug. Überhaupt hatte Gustave den Eindruck, daß alle Männer überaus freundlich zu ihm waren, wenn Christin dabei war. Der freundliche Kriminalbeamte stellte sich sogar vor: »Inspektor Pierre Cousteau«, sagte er. »Sehr angenehm.«
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