»Ja, Chef«, sagte Pierre und »aha«. Er kam sich im Moment nicht sehr gescheit vor.
»Ich versteh auch nicht, warum er flüstert«, brummte Trud.
»Verstehst du das?«
»Er flüstert?«
»Ja, er flüstert einer Geisel vor ihm ins Ohr und der schreit dann seine Anordnungen laut. Der arme Kerl ist schon ganz hysterisch. Warum schreit die Rote Armee nicht selber, Pierre?«
Pierre wußte es auch nicht. »Vielleicht ist er heiser«, sagte er dann, aber niemand lachte.
»Ich muß telefonieren«, sagte der Chefinspektor plötzlich und zur allgemeinen Verwunderung. »Brune, ruf das Präsidium an und hol mir den alten François vom E-Referat an den Hörer. Sie gestatten doch, Präsident?« Der Vizepräsident nickte. Brune stieg in den Wagen und schnappte nach dem Telefonhörer.
Pierre verstand überhaupt nichts mehr. Chefinspektor François war Leiter der Einbruchsgruppe und der Spezialist für Kassenschränker. Er war überdies derselbe Jahrgang wie Trudeau und irgendwie war’s komisch, wenn Trudeau vom »alten François« sprach. Wofür nun ein Spezialist für Kassenschränke in dieser Situation gut sein sollte, wußten höchstens der liebe Gott und Papa Trud. Pierre jedenfalls wußte es ganz sicher nicht.
Petit war plötzlich wieder da, ein wenig atemlos. Das war aber schnell gegangen. »Nichts Besonderes, Chef«, berichtete er. »Die Alte ist eine Bankkundin. Sie war eine der ersten heute morgen und war schon beim Schalter. Schalter sieben, wurde gerade bedient. Sie hörte drei oder vier Schüsse und sah, wie der Schwarzmaskierte die Alarmkameras runterschoß. Dann trieb er sie alle zusammen nach hinten. Er sprach kein Wort dabei, nur durch Gesten jagte er sie wie eine Schafherde. Hat eine MP und eine Pistole, großes Format, sagte die Alte.«
So alt war die Frau doch gar nicht, mußte Pierre denken. »Die Männer knien vor ihm, die Weiber sitzen auf Sesseln. Der Maskierte flüstert dem Prokuristen was ins Ohr und der schreit dann seine Befehle laut. Leblanc heißt der Prokurist, die Alte kennt ihn, sie ist Stammkundin. Nachdem Sie drinnen waren, Chef, zog der Maskierte ein Papier aus der Tasche. Er gab es diesem Leblanc und flüsterte. Leblanc rief dann die Alte und schrie, das wäre ein Aufruf der Roten Armee und sie solle das Zeug rausbringen. Sie lief dann mit dem Papier raus. Das ist alles, Chef.«
»Bleib in der Nähe, Petit«, sagte Trudeau. Brune kletterte aus dem Präsidentenwagen. »François ist dran, Chef«, sagte er. Trudeau kroch in das Fahrzeug und Brune zündete eine Zigarette an.
»Wieso ist eigentlich der Vizepräsident da und nicht der Präsident? »fragte Pierre und Brune antwortete prompt: »Der Präsident ist auf einer Interpol-Tagung in Brüssel, du Trottel, liest du keine Zeitungen?« Tatsächlich, Pierre hatte es gelesen, gestern im France Soire , aber glatt vergessen. Er wollte Brune was Böses sagen, aber der ging zu Petit, und dort stand der Vizepräsident. Morgen nenn ich ihn auch einen Trottel, gleich in der Früh in der Kantine, dachte Pierre. Morgen krieg ich dich, Brune, für den Trottel, fluchte er.
Wenn es ein Morgen gab.
Es dauerte fast zehn Minuten, bis Trudeau wieder aus dem Wagen herauskam.
»Okay«, sagte er dann. »Robert und Petit, ihr geht bis zu dem Citroën dort. Hüpft ein wenig herum, daß er euch sehen kann. Macht so, als ob ihr hinter dem Wagen in Stellung gehen wollt. Er kann euch dort sehen aber kaum treffen, wenn ihr flink seid.« Die beiden trabten zu dem Citroën. »Du zieh die Schuhe aus, Pierre«, sagte Trudeau. »Was ist«, meinte er dann, »hast du Löcher in den Sokken?«
Pierre hatte keine Löcher in den Socken, soweit er wußte. Aber warum er jetzt …
»Monsieur Président«, hörte er den Chefinspektor. »Ich geh jetzt wieder rein und versuche, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Obwohl ich glaube, daß er erst abends ausbrechen will, müssen wir jetzt schon vorbereitet sein. Dieser junge Inspektor« – Trudeau deutete auf Pierre – »wird mit mir kommen. Es gibt da einen Platz vor der Ecke im Schalterraum, wo en in Stellung gehen kann. Wenn er geschickt ist. Während ich vorausgehe und dann mit dem Gangster verhandle, werden alle auf mich schauen. Er kann sich dann unbemerkt zu dieser Stelle schleichen.« Pierre schlüpfte nun aus den Schuhen. Das war es also. Er fühlte den Arm Trudeaus um seine Schultern und sie gingen zum Bankeingang. Daß jedes Blutvergießen tunlichst zu vermeiden sei, hörte Pierre den Vizepräsidenten noch sagen. Tunlichst!
»Du bist das Trumpfas im Spiel, Pierre«, sagte der alte Trud, langsam und bedächtig, »das Trumpfas. Fragt sich nur, ob du zum Stechen kommst. Die Chance ist, daß du so nahe dran bist, an dich denkt keiner, verstehst du? Sie gehen zum Ausgang und erwarten die Konfrontation bei der Tür. Bevor sie dorthin kommen, müssen sie an dir vorbei. Das ist unsere Chance. Schieß nur, wenn du ganz sicher bist, keine Geisel zu treffen. Und ziel auf den Kopf! Vergiß die Waffengebrauchsvorschriften. Das biegen wir alles hinterher. Schieß ihm in den Schädel und triff ordentlich, dann ist alles okay, aber schieß in den richtigen Schädel, um Gottes willen. Verstehst du?«
Pierre verstand. War ja nicht schwer, Papa Trud zu verstehen, wenn er so redete.
»Ich bin es wieder, Herr Rote Armee, Inspektor Trudeau. Wir haben Ihren Aufruf erhalten. Der Inhalt wird jetzt geprüft im Ministerium. Sie verstehen …« Der Chefinspektor ging wieder langsam tiefer in die Schalterhalle. Bei Schalter vier hatte er zu sprechen begonnen.
Pierre kauerte bei Schalter zwei.
»Ich muß Sie allerdings darauf aufmerksam machen, daß wir mit Ihnen nur verhandeln, solange …«
Pierre schwang sich über das Schalterpult und ließ sich zu Boden fallen. Es hatte fast keinen Lärm verursacht.
»… solange keiner der Geiseln irgend etwas geschieht. Wenn Sie auf diese unschuldigen Menschen schießen, Rote Armee, wird die Polizei die Bank stürmen, verstehen Sie?«
Pierre kroch auf allen vieren vorwärts, er gewann ordentlich an Boden.
»Wir müssen Sie auf die Folgen aufmerksam machen, Sie haben dann keine Chance. Seien Sie deshalb vernünftig. Können Sie mich hören? Verstehen Sie, was ich sage?« Trudeau sprach laut, aber doch irgendwie beruhigend im Ton. Pierre zwängte sich unter ein Tischchen weiter nach vorn. Er hatte noch circa zehn Meter zu kriechen, dann war er dort, wo ihn Trud haben wollte.
»Wenn Sie schießen, wird gestürmt!«
Es war die plötzliche Schärfe im Ton, die Pierre zusammenzucken ließ. Da schrien auch schon ein paar Weiber gellend, es war schaurig anzuhören. »Zurück, sind Sie wahnsinnig«, schrien sie. »Wollen Sie, daß wir alle umkommen. Zurück!« Trudeau war stehengeblieben, dort, wo das Megaphon noch auf dem Pult lag.
Pierre hatte den Lärm ausgenützt, er lag jetzt genau dort, wo er sollte. Der alte Trud ist wirklich wahnsinnig, dachte er. Wenn das nur gutgeht.
Nun schrien auch ein paar Männerstimmen. »Verschwinden Sie sofort, Sie Polizeischwein«, hörte Pierre. »Sie riskieren unser Leben. Hau endlich ab, Idiot, wahnsinniger.«
»Ich geh schon, ich geh ja schon.« Das war wieder Trudeau. »Aber das mußte gesagt werden. Sie müssen verstehen.« Er sprach wieder ruhig und fast gemütlich und Pierre spürte, wie sich in seiner Brust irgendein Krampf löste. Er hörte noch, wie Trudeau zurückging, redend und brummend, irgendwelches Zeug, das beruhigend klingen sollte. Dann hörte er die Eingangstür und es wurde ganz ruhig. Pierre merkte, daß sein Atem stoßweise ging und sein Herz klopfte.
Flach auf dem Boden, so wie er jetzt lag, konnten sie ihn nicht sehen, solange sie auf den Bürosesseln kauerten. Kritisch wurde es, wenn eine der Geiseln aufstehen sollte, aus irgendeinem Grund. Pierre war nicht sicher, aber es stand zu befürchten, daß man stehend auf Höhe der Mauerecke seine Beine sehen konnte. Wenn eine Geisel dann wieder die Nerven verlor und hysterisch zu schreien begann, konnte alles mögliche passieren. Pierre hatte kein Schußfeld zu dem Mauervorsprung von dort, wo er lag. Der Gangster könnte ihm von der Ecke aus eine Salve in die Beine schießen, ohne daß Pierre irgendeine Chance hatte.
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