Sobald Jack hinuntergegangen war, folgte ihm Jolliffe, der den ganzen Streit mitangehört hatte, und sagte: „Mein lieber junger Mann, ich bedauere diesen ganzen Vorfall; Sie hätten auf die Mastspitze gehen sollen.“
„Ich möchte diesen Punkt ein wenig beleuchten“, antwortete Jack.
„Ja, das möchte wohl mitunter ein jeder; aber, wenn das erlaubt wäre, so müsste der Dienst in Stillstand geraten — das geht nicht an — Sie müssen einem Befehle gehorchen und können sich nachher erst beklagen, wenn er ungerecht ist. Überdies merken Sie sich, dass im Dienste das Herkommen so viel gilt, als das Gesetz.“
„Das lässt eine kleine Beleuchtung zu“, antwortete Jack.
„Aber der Dienst lässt keine zu, mein lieber junger Mann. Bedenken Sie doch, dass wir selbst am Lande zweierlei Gesetze haben, das eine das geschriebene und das andere das Herkommen. So haben wir’s auch im Dienste; in den Kriegsartikeln kann nicht alles vorgesehen sein.“
„Aber es wird doch für alles ein Kriegsgericht bestimmt“, erwiderte Jack.
„Allerdings, das entweder die Todesstrafe oder die Entlassung aus dem Dienste ausspricht, und keines von beiden könnte sehr angenehm sein. Sie haben sich in eine böse Klemme gebracht, und obgleich der Kapitän augenscheinlich Ihr Freund ist, so kann er Ihnen diesmal doch nicht durch die Finger sehen. Glücklicherweise betrifft es den Steuermann, bei dem es weniger zu sagen hat, als bei den anderen Offizieren; doch werden Sie jedenfalls eine Strafe erdulden müssen, denn ganz vertuschen kann es der Kapitän nicht.“
„Das stände im Widerspruch mit allen Regeln der Gerechtigkeit.“
„Aber in Übereinstimmung mit allen Regeln des Dienstes.“
„Ich glaube, dass ich ein grosser Narr bin“, sagte Jack nach einigem Bedenken. „Was glauben Sie wohl, was mich bestimmte, zur See zu gehen, Jolliffe?“
„Einzig der Umstand, dass Sie nicht wussten, wie gut Sie es hatten“, antwortete der Gefragte trocken.
„Das ist allerdings ganz richtig, aber mein Grund war der, dass ich hier jene Gleichheit zu finden glaubte, die ich am Lande nicht treffen konnte.“
Jolliffe machte grosse Augen.
„Mein lieber junger Mann, ich hörte Sie sagen, Sie hätten diese Ansichten von Ihrem Vater empfangen; ich habe nun keineswegs im Sinn, Ihren Herrn Vater herabzusetzen, aber er muss närrisch sein, wenn er in seinem langen Leben noch nicht gefunden hat, dass so etwas in der Wirklichkeit gar nicht vorhanden ist.“
„Ich fange an, dasselbe zu glauben“, entgegnete Jack; „aber das beweist noch nicht, dass es so sein sollte.“
„Ich bitte um Verzeihung, gerade das Nichtvorhandensein der allgemeinen Gleichheit beweist, dass dieselbe nicht möglich ist. Sie könnten ebenso gut erwarten, völlige Glückseligkeit oder Vollkommenheit bei einem Menschen zu treffen.“
„Dann wäre es doch wohl das beste, dass ich wieder nach Hause ginge?“
„Nicht doch, mein lieber Mr. Freimut; das beste, was Sie thun können, ist, im Dienste zu bleiben, denn er wird bald allen solchen Ideen ein Ende setzen und Sie zu einem einsichtsvollen, brauchbaren Menschen machen. Der Dienst ist eine rauhe, aber gute Schule, wo jeder seine gehörige Stellung erhält — nicht die der Gleichheit, sondern die Stellung, auf welche ihn seine natürlichen Fähigkeiten und Kenntnisse steigen oder fallen lassen. Es ist ein edler Dienst, wenn er gleich, wie dies bei allem in der Welt der Fall sein muss, seine Unvollkommenheit hat. Was mich selbst anbelangt, so habe ich wenig Ursache, zu seinen gunsten zu sprechen, denn er hat mir ein hartes Brot geboten, aber es schmeckte doch, zumal ich das Gefühl habe, dass ich jederzeit gewissenhaft meine Pflicht erfüllte. Denken Sie nicht daran, den Dienst zu verlassen, bis Sie ihn gehörig geprüft haben. Ich weiss zwar wohl, Ihr Vater ist ein reicher Mann, Sie sind sein einziger Sohn und somit nach der gewöhnlichen Redeweise der Welt unabhängig; aber glauben Sie mir, kein Mensch, wie reich er auch sein mag, ist unabhängig, wenn er nicht einen Beruf hat, und Sie werden keinen besseren finden, als diesen ungeachtet —“
„Was?“
„Sie morgen unfehlbar auf die Mastspitze geschickt werden.“
„Diesen Punkt wollen wir noch beleuchten“, antwortete Jack; „auf jeden Fall will ich aber erst die Nacht ausschlafen.“
Sechstes Kapitel.
Ein Kreuzzug und seine Folgen.
Welcher Art auch die Gedanken Jacks gewesen sein mögen, so raubten sie ihm doch jedenfalls seine Ruhe nicht. Jolliffes Beweisgründe, so vernünftig sie auch waren, machten nur sehr wenig Eindruck auf ihn. „Nun ja“, dachte Jack, „wenn ich auf die Mastspitze gehen muss, so muss ich eben, das ist alles; aber es beweist noch nicht, dass meine Beweisgründe nicht richtig sind, sondern nur, dass man sie nicht hören will.“ Und damit schloss er seine Augen und fiel in wenigen Minuten in tiefen Schlaf.
Der Steuermann meldete dem ersten Leutnant und der erste Leutnant dem Kapitän, als dieser am anderen Morgen an Bord kam, das Benehmen des Herrn Freimut, der hierauf in die Kajütte gerufen wurde, um zu hören, ob er irgend etwas zur Entschuldigung seines Vergehens vorzubringen habe. Jack hielt eine Rede, die wenigstens eine halbe Stunde währte und in der er alle Beweisgründe vollständig ausführte. Hierauf wurde Jolliffe verhört und auch Herr Smallsole befragt: dann blieben der Kapitän und der erste Leutnant allein bei einander.
„Sawbridge“, sagte Kapitän Wilson, „wie wahr ist es doch, dass auch die kleinste Abweichung vom Rechte uns unfehlbar in Verlegenheiten bringt. Ich habe unrecht gethan, weil ich wünschte, den jungen Mann seines Vaters Händen zu entziehen, und weil ich befürchtete, er möchte sonst nicht aufs Schiff kommen; auch hielt ich ihn durchaus nicht für den schlauen Burschen, der er in der That ist, und stellte ihm deshalb den Dienst in viel günstigerem Lichte vor, als ich hätte thun sollen. Alles, was er von mir gehört zu haben vorgibt, habe ich ihm gesagt, und ich bin es also, der den jungen Mann in Irrtum versetzt hat. Herr Smallsole handelte tyrannisch und ungerecht; er strafte den Jungen, ohne dass dieser ein Verbrechen begangen hatte, so dass ich nun, was den Steuermann und mich betrifft, in peinlicher Verlegenheit bin. Wenn ich den Jungen strafe, so geschieht es mit dem Gefühle, dass ich ihn mehr für meine eigenen Fehler und für die Fehler anderer strafe, als für die seinigen. Wenn ich ihn aber nicht strafe, so lasse ich eine offenbare und unbestrittene Verletzung der Manneszucht ungerügt hingehen, was für den Dienst höchst nachteilig sein würde.“
„Er muss gestraft werden, Sir“, antwortete Sawbridge.
„Lassen Sie ihn rufen“, sagte der Kapitän.
Jack erschien mit einer sehr höflichen Verbeugung.
„Mr. Freimut, da Sie voraussetzten, die Kriegsartikel enthalten alle Regeln und Bestimmungen des Dienstes, so will ich annehmen, dass Sie aus Unwissenheit entsprungen ist, aber bedenken Sie, dass, wenn auch Ihr Fehler aus Unwissenheit entsprungen ist, eine solche Verletzung der Manneszucht, wenn sie ungestraft gelassen würde, eine höchst nachteilige Wirkung auf die Mannschaft üben müsste, der durch das Beispiel, welches die Offiziere geben, der Gehorsam eingeschärft werden muss. Ich fühle mich so lebhaft überzeugt von Ihrem Eifer, dass ich wohl glauben darf, Sie werden darin nur meine Gerechtigkeit erkennen, wenn ich den Leuten durch Ihre Bestrafung beweise, wie nötig die Manneszucht ist. Ich werde Sie deshalb anfs Hinterdeck berufen und Sie da im Beisein der ganzen Schiffsmannschaft auf die Mastspitze hinaufschicken, da Sie ja auch in deren Beisein die Weigerung sich zu Schulden kommen liessen.“
„Mit dem grössten Vergnügen, Kapitän Wilson“, erwiderte Jack.
„Und für die Zukunft, Mr. Freimut, merken Sie sich’s, dass, wenn irgend ein Offizier Sie straft und Sie ungerecht behandelt zu sein glauben, Sie Ihre Strafe zuvörderst zu erdulden haben und hernach erst Ihre Beschwerde bei mir anbringen können.“
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