„Das ist komisch“, sagte ich leise. „Suzy, ich werde den Anruf annehmen. Bin gleich wieder zurück.“
Ich bog um die Ecke und nahm den Anruf entgegen.
„Hey Mom, was gibt’s?”
„Schatz, du musst ins Krankenhaus kommen. Dein Bruder ist bei seinem Footballspiel zusammengebrochen und sie haben ihn in die Notaufnahme gebracht. Wir sind jetzt hier und ich… ich weiß nicht, was sie machen werden…“
„Was?! Mom, ich bin gleich da. Ist Dad bei dir?“
„Er ist gerade mit Josh im Zimmer. Dein Bruder ist wieder bei Bewusstsein, aber sie werden ihn nochmal für einige Tests holen. Alles hängt gerade in der Schwebe und wir wollen ihn nicht allein lassen. Wenn du dir freinehmen könntest, denke ich, wäre es am besten, wenn du hierherkommen könntest… bald, Schatz.“
Ich beendete den Anruf und ging zurück zur Bar. Meine Emotionen mussten auf meinem Gesicht zu sehen sein, denn Suzy bemerkte sofort, dass irgendetwas ganz und gar nicht stimmte.
„Was ist passiert? Musst du gehen?“, fragte sie mit besorgter Stimme.
„Yeah“, meine Stimme klang erstickt und brüchig. Ich nickte mit dem Kopf. „Ja, ich muss gehen. Es geht um meinen Bruder. Ich weiß nicht, was los ist, aber er ist beim Footballspiel zusammengebrochen und jetzt ist er in der Notaufnahme. Meine Mom… meine Mom scheint zu denken, dass ich dort sein muss, also…“
„Geh, verschwinde sofort von hier. Hol deine Tasche und geh.“
Wie betäubt taumelte ich durch den Flur zum Umkleideraum und schnappte mir meine Sachen aus meinem Schließfach, bevor ich aus dem Club hastete und zu meinem Auto.
Ab dem Moment geschah alles furchtbar schnell. Ich hatte keinerlei Erinnerung an die Route, die ich zum Krankenhaus wählte. Alles lief ganz automatisch und unterbewusst ab, da sich mein Gehirn noch an die Zeit erinnerte, als ich die Strecke jeden Tag gefahren war, um meinen Opa zu besuchen. Auf dem gesamten Weg zum Krankenhaus konnte ich nur daran denken, wie sehr ich meinen Bruder liebte und dass ich alles tun würde, damit es ihm gut ging. Er war so ein starker, witziger Kerl. Immer mittendrin im Geschehen, immer dabei, die Leute zum Lachen zu bringen. Die Leute kamen einfach nicht umhin zu lächeln, wenn Josh in der Nähe war, und jeder liebte ihn.
Der Gedanke, dass er dort in einem Krankenhausbett lag, langgestreckt und mit Schläuchen und Drähten, lähmte mich beinahe vor Angst. Er war mein kleiner Bruder, obwohl zwischen uns nur ein geringer Altersabstand bestand. Natürlich hatten wir uns als Kinder wie Hund und Katze gestritten, aber die Wahrheit war, dass er mir von allen Familienmitgliedern am nächsten stand. Es gab nichts, das ich nicht tun würde, um zu versuchen, ihm das Leben zu erleichtern.
Tommys Worte fielen mir wieder ein und mir lief es eiskalt über den Rücken. Es war einfach zu gruselig, erst dieses Gespräch zu führen und kurz darauf mit einer potenziellen Tragödie konfrontiert zu werden.
„Bitte, mach, dass es ihm gut geht“, sprach ich laut in die Luft, während ich über die Straße zum Krankenhaus raste.
Ich kam an, wobei ich kaum wusste, wie ich überhaupt hierhergekommen war, und parkte auf dem Parkplatz für die Notaufnahme. Wie der Blitz rannte ich zu den automatischen Türen und wartete dann, bis sie sich langsam öffneten. Fluchend stürzte ich in den Wartebereich der Notaufnahme.
Keiner meiner Eltern war zu sehen, weshalb ich zur Rezeption lief.
„Josh… Tanza“, sagte ich und bemerkte erst da, dass mir die Puste ausgegangen war.
Die Krankenschwester sah von ihrem Computer hoch. „Hol erst mal tief Luft, Herzchen. Geht’s dir gut? Brauchst du einen Arzt?“
Ich schüttelte verzweifelt den Kopf, während ich darum rang, die Worte zu finden, die ich in diesem Moment brauchte. Es war einfach alles zu viel und ich war überwältigt, weil ich nicht wusste, wo meine Eltern waren oder wie es Josh ging.
„Mein Bruder. Ein Krankenwagen hat meinen Bruder hergebracht.“ Ich holte nochmal tief Luft. „Er ist bei seinem Footballspiel zusammengebrochen.“
Das schien ihr etwas zu sagen, denn sie nickte und deutete zu einem Flur. „Footballspieler, das stimmt. Vorhang drei. Es sollte in Ordnung sein, wenn du jetzt dort reingehst.“
Ich eilte durch den Flur und las die Zahlen, die über den verschiedenen von Vorhängen verdeckten Bereichen der Notaufnahme klebten. Ich erreichte Vorhang drei und zu meiner Überraschung war der Raum dahinter leer und frische Bettwäsche auf dem Bett. Ich wirbelte herum, schockiert und verängstigt, was das zu bedeuten hatte, aber zum Glück erfasste eine Krankenschwester, die in der Nähe stand, die Situation und eilte zu mir.
„Suchst du nach dem Footballspieler?“
Ich nickte bestätigend.
„Alles ist in Ordnung, sie haben ihn bloß hoch in den dritten Stock verlegt. Wenn du einfach dort vorne hochgehst und dann in der Schwesternstation nachfragst, werden sie dich zu ihm schicken.“
Ich hatte das Gefühl, als würde das alles viel zu lang dauern. Ich wollte einfach nur an Joshs Seite eilen und mich vergewissern, dass alles in Ordnung kommen würde. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keinen blassen Schimmer, was überhaupt los war, was wirklich passiert war oder ob er sich in Lebensgefahr befand. Dass er auf ein richtiges Zimmer verlegt worden war, schenkte mir keinen Trost und ich fragte mich, was hier um Himmels willen vor sich ging, während ich erneut durch den Flur sprintete und in einen der Aufzüge.
Im dritten Stock ging es zu wie in einem Bienenstock und ich wurde direkt vor der Schwesternstation ausgespuckt.
„Entschuldigen Sie, mein Bruder ist Josh Tanza. Mir wurde gesagt, dass er hier oben ist.“ Ich schaute zu dem Krankenhauspersonal hinter dem Tresen und wartete darauf, dass jemand Erbarmen mit mir hatte.
Einer der Krankenpfleger nickte. „Ja, der Footballspieler. Er ist in 308.“
Jetzt, da ich wusste, wo mein Bruder war, war ich nicht mehr ganz so in Eile, weil ich mir nicht sicher war, was mich erwartete. Meine Mom hatte nicht die Zeit gehabt, um mir am Handy alles zu erklären und jetzt musste ich mich der Tatsache stellen, dass Josh wirklich, wahrhaftig krank war.
Die Tür stand offen und ein Arzt verließ gerade das Zimmer, als ich mich näherte. Meine Eltern standen zu beiden Seiten von Joshs Bett und mein Bruder lag darin, an mehrere verschiedene Monitore angeschlossen. Er sah so bleich aus, dass man meinen könnte, er hätte entweder ein Gespenst gesehen oder sich irgendwie selbst in eine Casper-ähnliche Version seiner selbst verwandelt.
„Oh mein Gott, Josh.“ Ich eilte an die Seite meiner Mutter, aber zögerte, mich nach vorne zu beugen und meinen Bruder zu umarmen. Stattdessen entschied ich mich dafür, seine Hand zu drücken. Er ballte sie zu einer kräftigen Faust, aber nicht annähernd so kräftig, wie er es eigentlich konnte, und das machte mir Sorgen.
„Schatz, ich bin so froh, dass du hier bist“, sagte meine Mom, als sie mich umarmte. Mein Dad lief um das Bett, um uns beide fest in seine Arme zu ziehen, während Josh mit einem leichten Grinsen im Gesicht von seinem Krankenhausbett aufsah.
„Habt ihr Spaß?“, fragte er.
Ich verdrehte die Augen über ihn. „Hey Alter, sei nett. Du hast uns allen einen Riesenschreck eingejagt. Was ist los mit dir?“ Ich stellte meine Frage genauso sehr an Mom und Dad wie an Josh.
„Wir warten immer noch auf ein paar Ergebnisse des Arztes“, erklärte mein Dad ruhig. Er wirkte erschöpft, als hätte das, was auch immer meinem Bruder auf dem Footballfeld passiert war und er mitansehen hatte müssen, ihm Jahre seines Lebens geraubt. So weit ich wusste, konnte das durchaus sein.
Josh sah nicht gut aus. Er war blass und seine Haut klamm und obwohl ich wusste, dass er es hasste, überprüfte ich immer wieder seine Temperatur mit meinem Handrücken.
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