»Bitte nenn mich nicht so«, sagte ich, als ich mich anschnallte. »Finn ist in Ordnung.«
Ben nickte und beschleunigte langsam. Im Radio lief ein R'n'B-Song, den ich nicht kannte, und die Klimaanlage pustete mir kühle Luft ins Gesicht, sodass ich mich unwohl fühlte. Ich beugte mich vor und drehte die Öffnung des Luftgitters von mir weg.
»Wohin?«, fragte Ben, während er mit einer Hand in den nächsten Gang schaltete. Scheiße, aber ich fand diese kleine Geste sexy. Seine langen Finger umschlossen den schwarzen Hebel und bewegten ihn so mühelos, dass sich mein Magen zusammenzog.
»Lass mich einfach irgendwo in der Nähe des Stadtzentrums raus. Was auch immer auf deinem Weg liegt.«
Ben nickte erneut und eine Weile fuhren wir schweigend. Ich hatte recht gehabt – das Stadtzentrum war weniger als fünf Minuten Fahrt entfernt, also hätte ich zu Fuß nicht länger als eine halbe Stunde gebraucht. Eine seltsame Befriedigung breitete sich in mir aus. Immerhin war ich kein vollständiger Idiot.
»Ich rate dir, diese Straße niemals wieder zu Fuß zu laufen«, sagte Ben, als hätte er meine Gedanken gelesen. »Allein in den letzten sechs Monaten hat es hier sechs tödliche Unfälle gegeben und bei den meisten waren Fahrradfahrer oder Leute, die mit ihren Hunden spazieren waren, beteiligt.« Er hielt inne, um mich einen Moment lang anzusehen, ehe er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Straße richtete. An seinem Kiefer zuckte ein Muskel und ich konnte meinen Blick nicht von der Stelle lösen. »Ich sage dem Stadtrat schon seit Jahren, dass sie an dieser Strecke einen Blitzer aufstellen sollen.«
Ich seufzte. »Gefährliche Zeiten…«, sagte ich und winkte ab, anstatt meinen Gedanken zu Ende zu bringen.
Ben fuhr kommentarlos auf den Parkplatz vor dem Kaufhaus.
»Danke«, sagte ich und schnallte mich ab. »Du hättest dir nicht die Mühe machen müssen, mich hier abzusetzen.« Aus irgendeinem Grund wurde ich immer verlegener und mied den Blickkontakt. Ich spürte, wie meine Angst größer wurde und wollte nichts mehr, als aus diesem Auto auszusteigen.
Als ich die Hand schon am Türgriff hatte, wagte ich einen Blick auf Ben. Er beobachtete mich eindringlich mit einer kleinen Falte zwischen den Brauen, als würde er angestrengt versuchen, mich zu verstehen, aber kläglich scheitern.
»Alles klar, danke noch mal«, sagte ich, öffnete die Tür und stieg aus. »Bitte ruf mich an, sobald du weißt, was mit meinem Auto nicht stimmt, ja?« Ich sah ihn nicken, ehe ich die Tür etwas zu heftig zuschlug.
Meine Beine zitterten, als ich das Kaufhaus betrat, ohne mich umzudrehen, war mir aber sehr bewusst, dass Ben wegfuhr.
Niedriger Blutzucker, dachte ich, als ich mich daran erinnerte, dass ich seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte, und auch das hatte nur aus einem Joghurt und einer Banane bestanden.
Richtig. Zuerst essen, dann Selbstmitleid.
Als die Sonne an diesem Abend unterging, war ich vollkommen erschöpft. Dieser Tag fühlte sich an, als hätte er sich eine Woche lang hingezogen. Das Positive war, dass alle Wände im Wohn- und Esszimmer und der Küche frisch gestrichen waren und ich mich endlich mit einem kalten Drink setzen und entspannen konnte. Ein kalter, alkoholfreier Drink.
Ich nahm eine Flasche Cola aus dem Kühlschrank und nahm sie mit raus in den Garten, wo ich mich setzte und den Verschluss mit einem befriedigenden Zischen aufschraubte. Nachdem ich ein paar große Schlucke getrunken hatte, knurrte mein Magen laut. Seufzend ließ ich den Kopf nach hinten an die Stuhllehne sinken.
Die Sonne war fast vollständig hinter den Bäumen in der Ferne versunken und hüllte den Himmel in einen orangefarbenen Schein. Es war faszinierend zu beobachten, wie die letzten Strahlen verschwanden. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal einen Sonnenuntergang betrachtet hatte, wenn überhaupt. Wann hatte ich das letzte Mal nach einem schrecklichen Tag draußen gesessen und mir erlaubt, einfach zu sein?
Manchmal sind die kleinen Dinge die wirklich wichtigen, Finney.
Aidens wahre Worte gingen mir durch den Kopf, als ich zusah, wie sich die umwerfenden Farben auf dem Himmel ausbreiteten und die fluffigen Wolken orange, gelb, rot und sogar pink anmalten.
Mein Magen knurrte erneut und erinnerte mich daran, dass ich jede Sekunde hungriger wurde, sosehr ich auch hier sitzen bleiben und mich die nächsten fünf Jahre nicht bewegen wollte. Aber der Kühlschrank war noch genauso leer, wie ich ihn heute Nachmittag hinterlassen hatte. Alles, was ich geschafft hatte, nachdem Ben mich abgesetzt hatte, war ein schnelles Mittagessen, eine Powerbank zu besorgen, ein paar Eimer Farbe im Heimwerkerbedarf zu kaufen und mir ein Taxi zu bestellen.
Ich zog mein frisch aufgeladenes Handy aus der Tasche und suchte nach Lieferservices in der Gegend. Mir wurden einige Restaurants angezeigt und ich bestellte viel zu viel chinesisches Essen, aber ich war einfach zu erschöpft, um mir darüber Gedanken zu machen. Nachdem das erledigt war, lehnte ich mich zurück und beobachtete den dunkler werdenden Himmel, zufrieden damit, nicht weiter denken zu müssen als an meine Essenslieferung.
Keine fünf Minuten später erschreckte mich das Geräusch der Türklingel. Ich stand auf und sah auf meinem Handy auf die Uhr, um sicherzugehen, dass ich nicht für eine halbe Stunde eingenickt war, aber nein, es war genau sechs Minuten her, seit ich das Essen bestellt hatte. Stirnrunzelnd ging ich zur Tür, bereit, wen auch immer ohne irgendwelche Höflichkeiten wieder wegzuschicken.
»Hi«, sagte Ben lächelnd, als ich hastig die Tür öffnete.
»Hi?« Erneut überraschten mich sein aufrichtiges Lächeln und sein aufgeschlossener Gesichtsausdruck.
»Entschuldige, dass ich so spät störe, aber ich dachte, du willst sie vielleicht so schnell wie möglich zurück«, sagte er und streckte die Hand aus. An einem seiner langen Finger baumelten meine Autoschlüssel. Ich war so von Bens Anwesenheit eingenommen gewesen, dass ich mein Auto ganz übersehen hatte, das hinter ihm in der Einfahrt stand.
»Du konntest sie reparieren?«, fragte ich, nahm ihm die Schlüssel ab und ging an ihm vorbei zum Auto.
»Eigentlich gab es nichts zu reparieren«, sagte er direkt hinter mir. Überrascht sah ich ihn an und er fuhr fort. »Ich hab das Auto an den Computer angeschlossen und es wurde kein Fehler angezeigt. Also hab ich es angelassen und eine Testfahrt gemacht. Alles hat wunderbar funktioniert. Ich vermute, dass vielleicht ein Steinchen auf den Sensor getroffen ist und sich dort verkeilt hat, sodass das System gestört war. Aber als das Auto zur Werkstatt geschleppt wurde, hat es sich wahrscheinlich gelöst.« Er zuckte mit den Schultern und ich runzelte die Stirn. »Ich weiß, dass es lächerlich klingt, aber ich hab das schon gesehen. Dieses Auto ist nicht für unebene, verdreckte Landstraßen gemacht, Finn.«
Mit unmenschlicher Kraft gelang es mir, beim Klang meines Namens aus seinem Mund nicht die Augen zu schließen. Behutsam trat ich einen Schritt zurück, drehte mich zum Auto und strich mit den Fingern übers Dach.
»Aber ich liebe sie«, sagte ich und klang dabei wie ein bockiges Kind. Ich wollte nicht die eine Sache verkaufen, die mich an mein altes Leben erinnerte. Die eine Sache, die mir ein bisschen Luxus und das Gefühl gab, ein wenig ich selbst zu sein, wenn ich sie fuhr.
Ben grinste. »Natürlich tust du das. Ich sage nicht, dass du sie loswerden sollst, aber ich fürchte, dass wir uns vielleicht oft sehen werden.« Mein Blick huschte zu ihm. Was für eine Qual, wie soll ich das nur ertragen, dachte ich.
Er deutete mit dem Kinn auf das Auto. »Sie hat sich noch nicht an das Landleben gewöhnt.«
Ich biss mir von innen auf die Wange, um nicht zu lächeln, und sagte: »Wie viel schulde ich dir?«
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