»Daß du dich daran noch erinnerst! Du hast ein tolles Gedächtnis, Hut ab vor dir«, bewunderte Tim. »Also wohl oder übel zurück. Na, der wird angeben.«
Sie ließen die Pferde am langen Zügel gehen. Die dampften, es war kalt, jetzt erst merkte man es. Tim hauchte sich in die Hände.
»Da haste meine – ich frier nicht« – Angeli warf ihm ein ineinandergestecktes Handschuhpaar zu. Tim fing es auf. Es tat wohl, die klammen Finger darin auszustrecken.
Angeli war von einer angenehm unmütterlichen, vernünftigen Kameradschaft, ›beinah wie ein Junge‹, dachte Tim; sie erinnerte ihn an seine jüngste Schwester. Mit der hatte er sich oft geprügelt – um ein Pferd, um ein Hindernis, um ein Nichts. Die war nun schon zwei Jahre verheiratet, ›in die Zucht gegangen‹, wie man unter Reitern sagt, und erwartete den zweiten Olympia-Anwärter von übermorgen. Der erste war glücklicherweise ein Sohn geworden und nach ihm, Tim, benannt. Er hatte ihn nach der Taufe aus der Kirche tragen müssen, angefaßt wie einen Sattel, demonstrierten die Geschwister hinterher, und die Straßenpassanten sahen ihn scheel von der Seite an: ›So ein junger Vater, na, die Jugend von heute kann es doch nicht abwarten!‹
»Gleich fliegt er in den Graben!« hatte Tim geknirscht, und die holdselige junge Mutter konnte gerade noch hindernd dazwischenspringen. Tim schilderte das Angeli, während sie zurückritten, und die lachte.
»Seid ihr alle so roßnärrisch?« fragte sie.
»Dachtest du nicht?« fragte Tim. »Ein Wunder, daß wir nicht alle mit vier Beinen zur Welt kamen. Meine Schwester jedenfalls antwortete, als man sie fragte, ob sie sich nun eine Tochter wünschte, mit: ›Wenn’s nur gesund ist und vier Beine hat.‹ So ist nun mal meine liebe Familie. Und ihr?«
»Bei uns reitet nur Mutter. Vater und mein kleiner Bruder haben es mit Autos.«
»Na, da kennst du ja den Schmerz. Unsere Mutter ist mal mit mir im selben Turnier gestartet. A-Springen, also keine große Sache. Trotzdem. Ich war damals zwölf und sie also noch nicht – na, halt so alt wie jetzt. Sehr angenehm ist so was ja nicht. Und prompt brach sie sich auch acht Tage vorher das Bein. Ich atmete auf. Aber was macht sie? Sie läßt sich – unser Arzt reitet auch – das Bein krumm gipsen. Jedenfalls den Fuß. Damit sie reiten konnte. Probiert hat sie es natürlich zu zeitig, ehe der Gips fest war: Bruch, kaputt. Ich atmete auf –«
»Und?«
»Und sie ließ es nochmal gipsen und nagelte sich rechts und links Holz dagegen. Das heißt, ich mußte es machen. Ich hab’ es auch getan, sonst hätte sie vermutlich eine Annonce in die Zeitung gesetzt: Leicht lädierte Reiterin sucht Nagler, der ihr das Bein verschalt. Oder so ähnlich. Und dann ist sie geritten.«
»Und hat ...?«
»Nicht den ersten gemacht, nein. Aber den dritten. Sie war sehr stolz. Ich hab’ es ihr gegönnt.«
»Dazu wäre meine Altvordere auch fähig. Aber du, solche Mütter sind gar nicht die schlimmsten«, sagte Angeli, und es klang, als habe sie soeben die Formel für den Stein der Weisen entdeckt. Selbst erstaunt, aber überzeugt, fuhr sie fort: »Weißt du, bis jetzt dachte ich immer, man sei geschlagen mit so einer Alten. Aber wenn du dir’s überlegst: Mütter, die auf Kaffeeklätschen sitzen und dicker und dicker werden – auch innerlich verfetten, verstehst du –, die sind vielleicht viel schlimmer.«
»Die gibt’s doch gar nicht mehr«, sagte Tim, »alle hungern sie und saufen Karottensaft.«
»Hast du ’ne Ahnung! – Sieh mal, dort drüben – du, ich glaub’, diesmal sind das keine Rinder! Wollen wir?«
Sie galoppierten an. Es waren wirklich keine Kühe. Der Leuchtturm samt Lokführer waren schon am Ball. Letzterer machte wilde Zeichen, daß Tim und Angeli auf der anderen Seite bleiben sollten. Diese Zeichen waren zu wild, die Einjährigen hatte ja auch Augen. Zwei von ihnen, die sowieso vorn und anscheinend am aufgeregtesten waren, warfen die Köpfe und gingen ohne Übergang in Renngalopp über. Tempo steckt an. Im Nu war die ganze Herde ein flaches, sausendes, schweifefliegendes Feld – hoho, ein Wunschtraum für zwei berittene Nichtsnutze wie Tim und Angeli. Tim sah den Schriftgelehrten, der zu seiner Überraschung auch dabei war – er mußte den Leuchtturm und seine Begleiter eingeholt haben, während er und Angeli die Kuhherde jagten –, einen bildschönen Salto nach rückwärts schlagen: er war auf ein so plötzliches Anspringen seines Pferdes nicht gefaßt gewesen. Auch der Leuchtturm sah es und fluchte berserkerhaft, aber das half dem Philologen nicht wieder aufs Roß. Das ging hinter den Fohlen her, seine Bügel wehten, der Zügel hing ungleichmäßig lang durch, ein ekelhafter Anblick für jeden Reiter. Jetzt trat der eine Vorderhuf hinein – gottlob, das Leder zerfetzte, nun konnte dem Pferd nicht mehr viel passieren.
Der Leuchtturm und der Lokführer ritten rechts der Herde, Angeli und Tim links. Sie versuchten, die Flüchtenden langsam, aber stetig in die Richtung zu schieben, die der Leuchtturm angegeben hatte.
Es war hell geworden. Die Sonne, herbstlich blaß, schien den Reitern und Pferden genau waagerecht in die Augen. Tim und Angeli zogen die Kappen tiefer. Sie verständigten sich mit halblauten Rufen. Von drüben, vom Reitlehrer her, konnte man nichts hören, dazwischen war das Trommeln der Hufe. »Bis übermorgen so weiter!« juchzte Angeli einmal, und Tim fand, daß er soeben dasselbe gedacht hatte. Jetzt näherten sie sich Gebäuden, die einsam lagen. Tim versuchte, gegen die Sonne zu erkennen, wo das Tor war – die ganze ungezogene Jugend mußte ja durch irgendeine Öffnung in die freie Wildbahn gelangt sein.
Dort! Eine Koppel mit heruntergeworfenen Schiebebäumen am Tor! Dorthin mußte die Bande; sie schien es selbst zu wissen. Der erste, ein lohfarbener Junghengst, galoppierte darauf zu, Tim schob die Mütze aus der Stirn und wollte soeben durchparieren. Da fiel dem jungen Vierbeiner vor der Koppel offenbar ein, daß es noch Zeit habe mit der Heimkehr, er drehte halb ab, nach der andern Seite zu. Tim spähte gespannt, wie sich das Rennen entwickeln würde. Kam der Reitlehrer eher an, dann schnitt er dem Frechdachs den Weg ab, und der mußte nach links, die Herde mit ihm. Überspurtete er aber den Reiter ...
Er schaffte es. In fliegendem Galopp zog er zwei Meter vor seinem Verfolger diesem vor der Nase vorbei, die andern hinterher. Nun gab es kein Halten mehr.
»Wunderbar!« rief Tim halblaut und warf sich nach vorn. Angeli neben sich mehr ahnend als wahrnehmend, jagte er der Herde nach. Nun konnte das noch ein paar Stunden so weitergehen, ihm war es recht. Julfreund hatte eine ungemein kräftige Lunge.
Und es ging weiter. Einen unvergeßlichen Vormittag lang jagten sie, bald näher, bald weiter hinter der Herde über die Alb, so richtig was fürs Herz. Als die Jungherde endlich auf Nummer Sicher war, hatten Reiter und Pferde keinen trokkenen Faden mehr am Leibe, trotz der Herbstkühle, und Tim vertraute Angeli an, er habe sich das erstemal im Leben einen Wolf geritten.
»Bis auf den rohen Schinken durch«, versicherte er, und es klang außerordentlich befriedigt. »Künftige Reitlehrer müssen alles kennenlernen. Kannst ihn besichtigen.«
Angeli dankte.
An diesem Tag fiel der Unterricht aus. Das Putzen und Stallrichten natürlich nicht – gefüttert hatten die Daheimgebliebenen –, aber auf die Theorie mußte man verzichten. Der Leuchtturm hatte sich leise grollend zurückgezogen. Natürlich ahnte er, wie von Herzen junge Reiter solch eine Panne genießen, das wäre ein Grund zu lautem Groll gewesen. Aber drei seiner Schüler hatten sich doch wahrhaftig wacker gehalten und mitgeholfen, die Panne zu beseitigen. Der dritte ...
Der Schriftgelehrte! Richtig, um den mußte man sich ja auch noch kümmern! Der Reitlehrer machte aus der Ecke kehrt, wie es bei der Hufschlagfigur heißt, und begab sich, statt in sein Zimmer, zurück ins Leben. O diese Lehranwärter! Aber warte, wenn ihr erst soweit seid!
Читать дальше