Seit der Begegnung mit dem Schneeleoparden war Palu vorsichtiger geworden. Jetzt achtete er darauf, daß der Abstand zu seiner Mutter nie zu groß wurde. Zwar waren die meisten Tiere im Pandarevier harmlos, aber eben nicht alle. Und hier in den tieferen Regionen des mächtigen Bergmassivs, in die sich im Winter viele Tiere zurückzogen, gab es neben Schneeleoparden auch Schakale und Wölfe. Und im Frühling beendeten auch die Braunbären ihren Winterschlaf und gingen ausgehungert auf Futtersuche. Das alles mußte Palu erst lernen.
Aber seine Mutter achtete sorgsam auf verdächtige Geräusche. Sie kannte die Stimmen, kannte die Gerüche, die Markierungen gefährlicher Tiere. Und sie wußte auch die Warnsignale anderer Tiere zu deuten.
Im Augenblick drohte keine Gefahr. Nur ein paar Meisen flatterten aus dem Geäst eines Ahornbaumes, als sich ein Eichhörnchen mit flinken Sprüngen näherte. Irgendwo im Mischwald am Hang jenseits des Bergbaches hämmerte ein Specht auf morsches Holz. Und das Rauschen des Wasserfalls dröhnte heute lauter als sonst, angeschwollen vom Tauwasser.
Doch die Bärin lief erst in Richtung Bambuswald, Palu dicht hinter ihr. Mit einem Mal zögerte sie, schnupperte an zertretenen Spuren im matschigen Schnee und hob lauschend ihren Kopf. Aus dem Bambuswald drang ein Grunzen herüber, ein dumpfes Grunzen, vermischt mit hellstimmigem Quieken. Und irgend etwas trampelte lautstark zwischen dem Bambus herum.
Auch Palu war erschrocken stehengeblieben, beruhigte sich aber gleich wieder. Seine Mutter schienen die seltsamen Geräusche nicht zu stören. Gemächlich stapfte sie weiter, drang unbeeindruckt in das Bambusdickicht.
Plötzlich raschelte es zwischen Blattwerk und verholzten Stämmen. Eine massige Gestalt mit graubraun-borstigem Fell hob ihre langgestreckte Schnauze und blickte die beiden Pandas aus dunklen Augen prüfend an. Und hinter ihr hoben zwei etwa einjährige Jungtiere ihre kleinen Rüssel vom Boden und schnüffelten. Es waren Wildschweine, eine Mutterbache mit ihren vorjährigen Frischlingen, die als Allesfresser im tauenden Schnee ihren Hunger mit Bambus stillten. Palu stutzte. Die beiden Kleinen mit ihren neugierig zu ihm herüberschnüffelnden Rüsseln interessierten ihn. Und ihr Quieken klang ihm vertraut. Doch näher wagte er sich nicht. Im Gegensatz zu den geselligen Wildschweinen sind Pandas ausgesprochene Einzelgänger. Seine natürliche Scheu hielt Palu davon ab.
Einige Sekunden lang kreuzten sich die Blicke der beiden Muttertiere, dann hatten sie sich verständigt. Beide Mütter wollten nur ihre Jungen vor Gefahren bewahren. Aber hier gab es keine Gefahr. Pandabären sind friedliche Wesen; das wußten die Wildschweine. Und Wildschweine zählten nicht zu den Gegnern der Pandas. Der Bambus hier reichte für alle.
Leise grunzend senkte die Mutterbache ihren Rüssel und begann im Wurzelwerk zu wühlen, suchte nach Würmern und Käfern.
Auch die Kleinen futterten weiter, kümmerten sich im Schutz ihrer Mutter nicht mehr weiter um die beiden Pandas.
Palus Mutter stapfte gemächlich tiefer ins Dickicht. Erst ein ganzes Stück entfernt setzte sie sich außer Sichtweite bequem auf ihr Hinterteil, griff sich ein paar Stengel und mampfte Unmengen von Bambusblättern. Und Palu trottete folgsam hinter ihr her.
Nur für Palu waren die älteren Blätter und Stengel vom Vorjahr noch viel zu hart. Aber er sah aufmerksam zu, wie seine Mutter mit ihren beweglichen Vordertatzen die Bambusstengel geschickt wie mit einer Zange faßte.
Spielerisch versuchte er das auch, lernte wie alle Tiere im Spiel. Doch so ganz gelang ihm das noch nicht. Dazu war er noch zu tolpatschig. Und außerdem mochte er noch immer lieber Milch.
Das änderte sich erst mit dem beginnenden Frühling. Zwar überzog mitunter noch Nachtfrost die Zweige mit pelzigem Rauhreif, doch die warmen Südwinde ließen die Schneedecke von Tag zu Tag mehr zusammenschmelzen. Der verharrschte Schnee wurde dünn und pappig. Selbst unter den letzten Schneeinseln zeigten sich schon junge Grasspitzen. An den Talhängen wurde es wieder grün. Nur oben auf den hochragenden Berggipfeln jenseits der Baumgrenze blieb der Schnee.
Neugierig blickte Palu auf die veränderte Landschaft. Und wenn die Morgennebel der wärmenden Sonne wichen, tobte er verspielt durch die hellen Lichtstrahlen.
Nur lief es sich in dem vom Tauwasser aufgeweichten Erdreich auch nicht leichter als im pappigen Schnee. Mit seinen kurzen Beinen landete Palu trotz seiner scharfen Krallen mitunter in einem glitschigen Loch. Schlamm spritzte hoch. Und sein weißer Pelz bekam schmutzige Flecken.
Doch das kümmerte ihn nicht. Übermütig rannte er vor seiner Mutter her zum Bambuswald. Diesen täglichen Weg kannte er. Und er kannte ihre Gewohnheiten, ihre bedächtige Auswahl der Bambusblätter.
An einem sonnigen Frühlingstag aber verhielt sie sich im Bambusdickicht anders als gewohnt. Die verzweigten Spitzen an den stammartigen Stengeln, die sie sonst immer nahm, interessierten sie offenbar nicht. Unentwegt suchte sie zwischen dem dichten Bambusgewirr und bog die Halme auseinander. Sie suchte etwas anderes. Und sie brauchte eine ganze Weile, bis sie es fand.
Geduldig stapfte Palu durch den Bambushain hinter ihr her. Endlich setzte die Bärin sich hin, griff nach etwas direkt vor ihr.
Es war auch Bambus, aber ganz frischer, ein gerade aus dem Boden gewachsener junger Bambusschößling. Geschickt faßte sie den Schößling mir ihren Vordertatzen und brach ihn ab. Dabei streifte sie die papierähnliche Hülle am Knoten mit den Zähnen herunter wie eine Bananenschale. Und genießerisch schmatzend verspeiste sie den saftigen Jungtrieb.
Das machte Palu neugierig. Was seine Mutter da futterte, war offensichtlich sehr schmackhaft. Und Hunger hatte Palu eigentlich immer. Aufmerksam beobachtete er seine Mutter, wie sie weitersuchte. Und eifrig begann auch er im Bambusgewirr herumzuwühlen.
Doch so einfach war das gar nicht. Selbst für seine Mutter schien es nicht leicht, im dichten Bambusgebüsch die zarten Schößlinge zu entdecken. Und Palu war noch völlig unerfahren. Er mußte lange suchen. Oft erwischte er nur einen abgebrochenen Halmstrunk vom Vorjahr. Aber der war ungenießbar und holzig. Und es war mehr ein Zufall, als er schließlich auf einen Schößling stieß.
Noch ziemlich unbeholfen packte er den schmalen Trieb mit seinen kleinen Pfoten, wie er es bei seiner Mutter gesehen hatte. Hungrig knabberte er daran herum. Zwar bekam er erst die papierartige Hülle zwischen die Zähne, spürte dann aber den fleischigen Innenteil. Und der schmeckte ihm, schmeckte ihm fast so gut wie Milch: zart und saftig.
Palu mampfte und schmatzte. Er war auf den Geschmack gekommen. Und von diesem Geschmack konnte er gar nicht genug kriegen.
Manchmal warf die Bärin ihm einen Blick zu. Sie wußte, daß Palu sich neben der Milch jetzt an feste Nahrung gewöhnen mußte, um selbständig zu werden. Und er brauchte kräftiges Futter, reich an Nährstoffen und Kohlehydraten. Dazu gab es kaum Besseres als junge Bambusschößlinge. Und sie war zufrieden, daß Palu endlich seine Zähne benutzte. Alt genug war er dafür.
Stundenlang blieben die beiden im Bambuswald, suchten und futterten. Zwischendurch dösten sie ein bißchen eng aneinandergeschmiegt im Dickicht, standen auf und futterten an einer anderen Stelle weiter.
Palu lernte ziemlich schnell. Es machte ihm offensichtlich Spaß. Und er wurde satt dabei.
Nur einmal scheuchte er zwischen den Wurzeln eine Bambusratte auf und ließ vor Schreck einen gerade entdeckten frischen Schößling fallen. Doch als sie quiekend flüchtete, nahm er seinen Schößling wieder auf.
Inzwischen war es spät geworden. Allmählich hatten die beiden ihren Hunger gestillt, knabberten nur manchmal noch einen jungen Trieb. Und gemächlich trotteten sie hinaus zum offenen Hang.
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