Palu quiekte verdutzt. Aber es war nur vor Schreck, er war ja weich gefallen. Von seiner schwarzweißen Fellfärbung war kaum noch etwas zu erkennen. Fast völlig mit Schnee gepudert, wirkte er so weiß wie ein junger Eisbär. Und mit seiner kleinen Pfote wischte er sich unwirsch den feuchten Schnee von Augen und Nase.
Jetzt sah er wieder etwas besser. Und was er sah, interessierte ihn. Neugierig beobachtete er seine Mutter, wie sie bequem im Schnee sitzend einen Bambuszweig nach dem anderen zu sich herunterzog, die frischen Blätter abstreifte und geruhsam kaute.
Allmählich aber wurde es Palu zu langweilig. Auf Bambus hatte er noch keinen Appetit. Und der pulvrige Schnee begann ihm Spaß zu machen. Verspielt rollte er sich darin herum, schlug einen Purzelbaum und noch einen zweiten. Und dabei landete er auf einem vom Schnee verdeckten harten Gegenstand. Eifrig wühlte er das Ding aus dem Schnee, daß es nur so staubte, bekam etwas Hölzernes zwischen die Pfoten. Es war ein abgebrochener trockener Bambusstengel vom Vorjahr. Und eine Weile spielte er damit.
Inzwischen hatte seine Mutter allen Bambus in erreichbarer Nähe ihres Sitzplatzes aufgefuttert. Gemächlich stand sie auf, leckte sich die Schnauze und die Pfoten sauber und trottete weiter. Nur lief sie nicht zurück zur Baumhöhle, sie lief in entgegengesetzter Richtung.
Ein leichter Wind strich durch die Stengel, wehte Palu Schnee ins Gesicht. Palu zögerte. Weiterlaufen gefiel ihm gar nicht. Seine kleinen Pfoten wurden allmählich kalt. Er hatte jetzt genug vom Schnee. Doch wohl oder übel stapfte er hinter seiner Mutter her. Dabei versuchte er, in ihre breit ausgeformten Spuren zu treten. Aber das schaffte er nicht. Dazu war er noch zu klein.
Mit einem Mal lichtete sich das Bambusdickicht. Die Wintersonne schien grell auf die flimmernde Schneedecke. Und nahe dem Felshang flimmerte noch etwas anderes, bewegte sich rasch in kleinen Wellen. Das Rauschen, das Palu schon in der Baumhöhle gehört hatte, wurde immer lauter. Und genau darauf lief seine Mutter zu.
Palu schnaufte verwirrt. Das Geräusch ängstigte ihn, doch es reizte auch seine Neugier. Und die Gegenwart seiner Mutter nahm ihm etwas von seiner Angst. Mit hastig tapsigen Schritten suchte er ihre Nähe.
Er war nur noch ein kurzes Stück von ihr entfernt, da blieb sie stehen, dicht am Ufer des Bergbaches, nur wenige Meter unterhalb des donnernd herabstürzenden Wasserfalls. Sprühender Wasserstaub glitzerte im Sonnenlicht, wölbte sich zu einem bunt schillernden Regenbogen. Darunter schimmerte schwarz vor Nässe das dunkle Gestein der Felsklippe.
Durstig trat die Bärin über den Rand des Ufers. Und ohne sich um den furchtsam herantappenden Palu zu kümmern, trank sie von dem eisigen Wasser.
Palu verharrte wie angewurzelt. Wasser hatte er noch nie gesehen in seinem Leben: so viel Wasser, so viel lärmendes Wasser. Und seine Mutter stand mitten in dem Lärm und Geplätscher und schmatzte behaglich.
Das reizte Palu. Neugierig näherte er sich dem Bachufer, hob seine kleine Pfote und patschte in die glitzernde Flüssigkeit. Aber nur einmal. Ein paar Spritzer trafen seine Nase, naß und sehr kalt.
Erschrocken zog Palu seine Pfote zurück. Doch auf den eisüberzogenen Ufersteinen war es glatt. Taumelnd verlor Palu das Gleichgewicht, rutschte nach vorn, immer weiter nach vorn. Und mit allen vier Pfoten hilflos durch die Luft fuchtelnd klatschte er ins Wasser.
Einen Augenblick später war seine Mutter schon über ihm, packte ihn mit den Zähnen vorsichtig am Nackenfell und setzte ihn in den Schnee. Palu schnappte nach Luft, schüttelte sich spritzend das Wasser aus seinem Pelz. Baden behagte ihm gar nicht.
Das schien auch seine Mutter zu wissen. Eilig scheuchte sie ihn zur Wurfhöhle, umschloß ihn fürsorglich mit ihren pelzigen Armen. An ihrem weichen Bauch wurde ihm allmählich wieder warm. Und müde schloß er die Augen.
Dämmerung umhüllte die schlafenden Pandas in der schützenden Baumhöhle. Und weit unten im Tal erklang von fern das Geheul der Wölfe.
Schneeflocken wirbelten aus grauen Wolken, verhüllten die Landschaft. Berge und Täler versanken unter einer dicken weißen Decke. Seit Tagen schon blieb die Sonne verborgen. Und selbst gegen Mittag drang nur ein trübes Dämmerlicht bis in die Höhlung des Baumstumpfs.
Palu gähnte schläfrig, wollte weiter dösen im warmen Dunst. Doch etwas störte ihn: ein bohrendes Hungergefühl. Sein kleiner Magen knurrte vernehmlich. Noch träge vom Schlaf wälzte er sich herum und suchte zwischen dem dichten Fell seiner Mutter nach Milch. Und er trank gierig.
Er brauchte lange, bis er satt wurde, brauchte jeden Tag mehr. Und seine Mutter hielt geduldig still. Kaum aber rollte er sich zufrieden zur Seite, um in ihren Armen weiterzuschlafen, schob sie ihn behutsam von sich weg und stand auf. Auch sie hatte Hunger, Und schmackhaftes Futter fand sie nur im nahen Bambusdickicht.
Unwirsch blinzelte Palu in den trüben Tag. Allein bleiben wollte er nicht. Mißmutig rappelte er sich auf und folgte seiner Mutter, tappte mühsam durch den tiefen Schnee. Diesen Weg kannte er schon.
Nur sah das Bambusdickicht heute ganz anders aus. Die Schneelast hatte den oberen Teil der Stengel niedergedrückt. So waren dschungelartige Gänge entstanden, dick überzogen mit verharschtem Schnee. Und ehe Palu herankam, verschwand die Pandabärin in einem der verschneiten Gänge.
Palu schnaufte. Bevor seine Mutter nicht satt war, würde sie nicht wieder herauskommen. Das wußte er inzwischen.
Sie futterte immer ungeheure Mengen. Und erkennen konnte er sie nicht. Ihr schwarzweißes Fell war eine gute Tarnung im Dämmerschatten zwischen Schnee und Bambus.
Schnuppernd senkte Palu seine Nase. Gerade wollte er den tief eingedrückten Spuren folgen, da hörte er ein eigenartiges Geräusch. Ein Stück entfernt am Rand des Bambusdickichts bewegte sich etwas, kaum erkennbar im Schneetreiben. Es war ein Schneehuhn, das hastig aufflatterte.
Neugierig beobachtete Palu den abstreichenden Vogel. Und unweit darunter im hohen Schnee entdeckte Palu noch etwas anderes, viel größeres. Und das sah bedrohlich aus.
Mit seinem plumpen, mit gelblichen langen Haaren dicht bewachsenen Körper und seinen kurzen Beinen wirte das massige Tier von hinten wie ein gewaltiger Bär. Aber es war kein Braunbär; die hielten Winterschlaf. Und als das fremdartige Tier seinen großen Kopf mit der Ramsnase ihm plötzlich zuwandte, erkannte Palu die beiden spitzen Hörner.
Es war ein Takin, ein alter, einzelgängerischer Takinbulle. Auch der Takin hatte den jungen Panda entdeckt.
Palu bekam einen mächtigen Schreck. Ein so riesiges Tier war ihm noch nie begegnet. Und er hatte keine Ahnung, daß der Takin sich auch nur für Bambus interessierte. So schnell Palu mit seinen kleinen Beinen in dem hohen Schnee laufen konnte, rannte er in das Bambusdickicht. Und erst als er seine Mutter gemächlich futternd zwischen dem Bambus sitzen sah, stoppte er seinen Lauf.
Schwer atmend setzte Palu sich neben sie, schmiegte sich an ihren weichen Pelz. Bei ihr fühlte er sich sicher. Immer wieder aber blickte er ängstlich zurück. Aber es war nichts zu erkennen. Und es war auch nichts zu hören. Das verschneite Bambusdickicht verschluckte jedes Geräusch von draußen. Und das behagliche Schmatzen seiner Mutter wirkte beruhigend.
Endlich schien die Bärin genug zu haben. Ohne große Eile erhob sie sich von ihrem Sitzplatz im Schnee, leckte sich sauber und danach Palu zärtlich über die Nase und stapfte auf ihrer Fährte zurück. Und Palu blieb dicht hinter ihr, suchte ihren Schutz. Er hatte immer noch Angst vor dem großen fremden Tier.
Als sie das Bambusdickicht verließen, blickte Palu furchtsam in die Richtung, wo er das mächtige gehörnte Wesen vorhin gesehen hatte. Doch der Takin war inzwischen ein Stück weiter gewandert; er stand halb verdeckt hinter einer kleinen, kahlen Birkengruppe nahe dem Bachufer. Und die Bärin lief wie üblich hinunter zum Bach.
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