Hauptattraktionen für Besucher aus aller Welt sind natürlich jene Zyklopen, Sirenen, Janusköpfe, Kopflose und in ihren Nabelschnüren strangulierte Föten, wie sie sich keine Monstrenwerkstatt von Neapel je ausdenken könnte. Aber ein Monstrencabinet ist das hier nicht. Meckels Cabinet besteht vielmehr aus lauter sich gegenseitig verdeutlichenden Sichtfenstern in die Gesetze und Daseinsweisen des Lebens. Somit ist es auch kein Friedhof. Deshalb müsste über der Eingangstür dieser Sammlung stehen: mors porta vitae – Der Tod ist die Pforte zum Leben.
Das nicht zu leugnende Unheimliche aber, das von solchen Sammlungen ausgeht, liegt in etwas anderem. Derartige Föten sind schon von einer Wesensart, wie sie Meckel Friederike gegenüber im ersten Stadium ihrer wachsenden Liebe noch charmös beschrieben hat: Wesen der Ewigkeit, einer negativen Ewigkeit quasi, nämlich Leichen, aber von einer ungeheuerlichen Art. Es sind Leichen in Gläsern und in filigransten Mensuren, die nie geboren und die nie gestorben sind.
Der oberste Kriegsgott Europas hatte sich also hierher zu Gast geladen. Meckel hasste den Krieg, weil der nicht sorgsam mit Gläsern und Mensuren umzugehen pflegte. »Ich bin nur ein Fabriquebesitzer«, sagte Meckel, »da ich eine fabrica aliena in Konkurrenz zu denen in London und in Paris aufgebaut habe. Aber ich will meine Konkurrenten nicht zerstören. Ich will sie nur in der Qualität und auch im Umfange meiner Waaren übertreffen.«
Dann kamen die Tage, wo kaum mehr etwas, das zum preußischen Tross gehören konnte, das Klaustor Richtung Süden passierte. Nun war ein Andrang nach Norden, nach Berlin, nach Magdeburg, und nach Westen, nach Braunschweig, nach Hamburg entstanden. Die meisten Gefährte langten von Leipzig zur Weiterfahrt ein. Man sah etwa eine englische, ganz fashionable, aber schlecht geschlossene Equipage mit sechs Pagen darauf gepfercht; in der dieser folgenden soll die nachmalige Gattin des Königlich-Westphälischen Oberhofmeisters, Frau von Waldburg-Capustigall, mit ihren beiden Wachtelhündchen Blanchette und Mimi gefahren sein. Man sah allerlei Rumpelwagen, überdachte Landauer, hochrädrige, ungefederte Kaleschen mit Einschnallstühlen, nur hinten gefederte Chaisen mit Leinwandverdeck, abstrapazierte Ungetüme älterer Modelle, alle mit schwankenden Schachteln bepackt. Pakete hingen an den Seiten, sogar offene Anzüge, Uniformen – und in seinem eigenen Kabriolett verließ der Universitätstanzmeister Schallenwein die Stadt, angeblich um zu Hamburg an einem wichtigen Treffen verschiedenster Ballett- und Tanzmeister teilzunehmen. Alle abgehenden und durchfahrenden Diligencen waren hoffnungslos überfüllt.
Lediglich die dottergelben Leberecht’sehen Kutschen zwischen Halle und Leipzig verkehrten wie immer pünktlich. Nur während der Eroberung von Halle soll eine davon ausgefallen sein.
Henrik Steffens, Professor der Naturgeschichte und Mineralkunde in Halle, war gegen Mittag des 14. October aus dem Klaustor geritten, gut fünf preußische Meilen bis nach Delitz am Berge im Königreich Sachsen, und hatte, das Ohr am Boden, am heiligen römischen Erdreich deutscher Nation gehorcht. Er hatte als Norweger und preußischer Major in spe beschlossen, etwas zu tun. Es bebte. Die deutschen Kauplatten knirschten und zerrieben alle noch verbliebenen Zahnstummel.
Ich traf Steffens so an, weil mich Meckel ebenfalls hierher nach Delitz am Berge geschickt hatte, um die Erde abzuhorchen. Wir hatten in unserem Laboratoriumsturm an einem Crocodil gearbeitet und auch einige Integumente zum Trocknen aus den Turmfenstern gehängt. »Diese Objekte können eigentlich in ihrem wesentlichen Wert gar nicht beschädigt werden, falls Kugeln hindurchgehen sollten«, hatte Meckel gesagt.
»Er soll ja auch Doktor der Ballistik sein«, plapperte ich. »Aber wie das schon klingen würde: Doktor Napoleon, Kaiser der Franzosen! Ein Doktor Napoleon hätte in Austerlitz niemals gewonnen.«
Da hatte mir Meckel mit zugleich wütenden und belustigten Seitenblicken den Befehl zum Ausritt nach Delitz am Berge erteilt.
»Die Meckelen träumen in der Gegend herum und lachen sich auch noch eins!«, rief da der stadtbekannte Henrik Steffens, der norwegische Naturkundeprofessor in Halle. »Aber ihr Meckelen solltet am besten nachher schon den Kaiser-Thee und eine ernstere Miene als du aufsetzen. Wird denn auch das weltberüchtigte Geripp im Empfangs-Comite antreten?« Der an sich eher wortkarge Steffens hatte es in Halle zum Oberhaupt der Beredsamen und zum Universitätsfechtmeister mit mehr oder weniger deutschen Worten gebracht.
»Die Toten gehen nirgendwo mehr hin«, sagte ich bloß. »Sie blicken so grundanständig unter Ihrem Pferdebauch hervor, Herr Professor Steffens, Sie führen heute bestimmt nichts Gutes im Schilde?«
»Wie sollte ich das auch an so einem Tag!« Professor Steffens sah glühend auf zu mir. »Noch haben wir Zeit bekommen für solche tête-à-têtes!«, formulierte er mit einem Brustgrollen norwegischer Herkunft. »Eure Patrioten sterben aber wohl gerade aus. Aber gab es eigentlich überhaupt welche bei euch? Wieso sind denn nur wir beide jetzt hier am Berge zu Delitz?«
»Ich bin vielleicht gar nicht hier. Meckel wollte, dass ich mal die Hölle abhorche.«
»Man muss sie nicht mehr abhorchen«, sagte Steffens. »Man hört sie jetzt auch so schon deutlich genug bis nach Halle. Vielleicht kann Meckel den Studiosus Meckel gerade nicht gebrauchen? Will er dann vielleicht ein Patriot werden und das Deutschland retten?«
»Und wer schickte eigentlich den ebenfalls überflüssigen Professor Steffens hierher?«
»Irgendwann, hoffentlich bald«, tremolierte Steffens aufrichtig, »werden wir beide uns in die erste Liste von Deutschlands Befreiern und Gründern eintragen!«
»Ist dieses denn besetzt?«, frug ich den Norweger. »Und wie wäre es überhaupt zuerst mit Unterschriften zur Befreiung Norwegens von Schweden?«
»Eure unerträglich rolfinckenden Scherze!«, rief Steffens wiederholt auf dem verregneten Rückzug von Delitz am Berge. »Ich gehe wohl schnurstracks nach der Aufwiegelung der Studentenschaft Halles ab nach Breslau! Denn ich lehre keinesfalls unter dem Kaiser Cuviers!«
»Nur zu!«, rief ich auf der Klausbrücke. »Übrigens, Herr Professor – wo liegt es denn, das Deutschland?«
»Das wird sich finden!«, orakelte der glutvolle Steffens. »Jedenfalls liegt es nicht in Frankreich.«
»Und?«, rief Meckel von der Galerie.
»Ja«, rief ich zurück, »Preußen wird gerade aufgefressen. Ein verdammt saftloser Braten! Du kannst für deinen Herrn Bonaparte schon mal eindecken lassen!«
»Albrecht«, sagte da Meckel, »ich zeig dem Schwein meine Sammlung nicht – schon gar nicht zeig ich dem unsern armen Vater! Ich hab alles verschlossen und versiegelt, ich nehme die gelbe Leberecht’sche Kutsche nach Leipzig zum Kollegen Rosenmüller. Komm her!«
Ich sah in die ruhigsten und lavendelblausten Augen der Welt. »Deshalb musste ich also nach Delitz am Berge? Dass ich dir nicht im Wege stehe bei deinen Vorbereitungen zur Flucht?«
»Ihr müsst noch den Saju abbalgen«, sagte Meckel, »und das Wasserschwein sofort matzerieren, eh es am Ende, wie es grad heftig tut, noch derartig fault, dass seine Knochensubstanz Schaden nimmt.«
»Es ist Krieg, Herr Bruder«, sagte ich.
»Es ist auch sonst immer was los«, sagte Meckel. »Nur die Kadavres wissen nichts davon. Sie müssen aber rechtzeitig durchsucht und bearbeitet werden.«
»Es ist Krieg – mon frère Frederic!«, sagte ich ein wenig zu pathetisch.
»So?«, sagte Meckel. »Und wir gewinnen eine Schlacht der Wissenschaft nach der andren. Wie findest du das?«
»Großartig«, sagte ich, »Professor Steffens hat mich allerdings auch schon für Ruhm und Ehre rekrutiert.«
»Der schon wieder! Nichts unter der Hand, aber umso mehr davon reden! Glaubst du etwa, ich flüchte? Und dann auch noch zu Rosenmüller?«, fragte Meckel.
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