Padda kam angeschwommen und setzte sich auf sein Gesicht. Das brachte ihn wieder zu sich. Der Kröter hatte recht – Yuriko hatte keine Zeit, sich drei Wochen lang auf den Grund seines Teichs zurückzuziehen. Aber da war noch etwas. Eine Anmutung von Dringlichkeit.
Yuriko stieß sich vom Grund ab und tauchte auf. Er nahm sich Padda vom Gesicht und setzte ihn auf den Steg, wo dieser sich auf seinen dünnen Krötenbeinen nach oben stelzte, als wolle er eine Grasnatter in die Flucht schlagen. Yuriko füllte seine Lungen mit Luft. Der erste Atemzug war immer der unangenehmste. Er nahm sich die Zeit, einen kleinen Molch zu befreien, der sich in der wilden Masse seiner Haare verfangen hatte. Dann stemmte er sich auf den Steg und stieg aus dem Wasser, überwand das Gefühl der Schwere und folgte Padda, der schon auf dem Weg zurück ins Haus war.
Leises Schaben und Rumoren drang zu ihm. Es kam aus dem dunklen Winkel unter der Treppe. Laub hatte sich dort angesammelt, Fetzen von Sackleinen, eine schmutzige Pferdedecke, unter der sich jetzt plötzlich etwas bewegte. Padda ging rückwärts. Yuriko zog sich eine Flammenkugel auf die Hand und ging vorwärts.
Was immer da rumorte, war zu groß, um eine Streunerkatze zu sein.
»Komm raus da, Eindringling!«, donnerte er.
Ein Gesicht erschien – helle Haut unter einer Schicht von Schmutz, graublaue Augen, ein Tuch, das die Stirn bedeckte und struppiges rötliches Haar zurückhielt. Fassungsloses Entsetzen auf dem Gesicht, möglicherweise darauf zurückzuführen, dass Yuriko mit nichts bekleidet war als Teichwasser und einer Handvoll Feuer. Er ließ das Feuer verlöschen und machte einen Schritt rückwärts.
»Hätte ich mit Besuch gerechnet, hätte ich mich passend angezogen«, sagte er. »Oder überhaupt. Aber das hier ist mein Haus, und ich habe niemanden eingeladen.«
Der ungebetene Besucher kroch unter seiner Decke hervor. Es war kaum mehr als ein Jüngling, oder ein sehr mageres Mädchen, das war unter all dem Schmutz nicht zu unterscheiden.
Yuriko streckte eine Hand aus, und der Eindringling schnellte zur Seite, rollte sich ab, kam auf die Beine, stürzte zur Vordertür und war mit einem Satz im Freien.
»Warte!«, rief Yuriko ihm hinterher, aber der ungebetene Besucher wartete nicht, sondern hechtete mit einem Sprung über das angelehnte Gartentor und verschwand in den Abendschatten zwischen den Häusern.
»Und dafür unterbreche ich mein Bad«, murmelte Yuriko. Er überlegte, ob er in den Teich zurückkehren sollte, aber die Lust war ihm vergangen, und so holte er nur seine Kleider und zog sich wieder an. Unschlüssig über seine nächsten Schritte ging er in die Hocke und untersuchte das Lager unter der Treppe. Einige Schichten aus Laub und Gras verrieten, dass der ungebetene Besucher mehr als eine Nacht hier verbracht hatte. Bei seiner plötzlichen Flucht hatte er eine Tasche zurückgelassen, schmutzig und von Mäusen angefressen. Mit spitzen Fingern zog Yuriko sie ans Licht und schüttete sie aus. Ein zahnlückiger Holzkamm, ein Säckchen mit einem Rest Salz und eines, das leer war, aber nach Seife roch. Krümelige Reste getrockneter Pflanzen, Tee vielleicht oder Heilkräuter. Kleine Münzen, schwarz vom Alter, die in der Mitte ein Loch hatten. Yuriko kannte solche Münzen. Er hatte auf der anderen Seite der Welt in einer sehr fremden Stadt damit bezahlt. Seltsam.
Ein paar Dinge des täglichen Gebrauchs. Kleidungsstücke, mürbe und durchlöchert. Mehr hatte der Fund nicht zu bieten. Yuriko räumte alles zurück in die Tasche und stellte sie unter die Treppe.
Die Sonne war untergegangen, kühle Schatten flossen ins Haus. Yuriko wurde bewusst, dass der Grund des Teiches derzeit die beste Übernachtungsmöglichkeit war, wenn er nicht das Lager unter der Treppe mit seinem ungebetenen Besucher teilen wollte. Etwas mühsam kam er vom Boden in die Höhe. Er würde alte Beziehungen spielen lassen müssen, ehe er sich heute zur Ruhe betten konnte. Oder zu Besserem.
Padda war auf dem Weg zum Teich. Yuriko ließ ihn. Der Kröter hatte sich ein bisschen Entspannung genauso verdient wie sein Meister.
In seinem Gepäck fand Yuriko ein letztes Blatt Papier, zerknittert und fleckig, aber auf die Schönheit kam es nicht an. Mit einem Rest Kohlestift malte er ein Siegel darauf, und darunter die Erklärung für zauberunkundige Neugierige: Ich bin zurück. Betritt mein Haus, und du wirst bis ans Ende deiner Tage eine Kröte statt deiner Nase im Gesicht haben.
Er sammelte Arkanum und lud das Siegel auf. Kleine goldene Funken verschmolzen mit dem Papier, dann war der Zauber vollendet. In Ermangelung anderer Möglichkeiten nahm Yuriko sein Essmesser und spießte den Zettel gut sichtbar an der Vordertür auf. Dann machte er sich auf den Weg.
Die Stadt hatte sich ihr glitzerndes Nachtgewand übergeworfen. Yuriko blieb am Saum, streifte das Blumenviertel mit seinen gelben Fahnen und roten Laternen, nahm die Abkürzung durch den Hafen, wo die Schiffe schliefen wie dunkle Drachen, und von dort aus durch stille Straßen bis in die ruhige Wohngegend am westlichen Stadtrand. Dort bezog er Posten in der alten Eiche auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
Nichts hatte sich verändert. Warum auch. Wilder Wein an der Fassade, die Drillingsbirke im Garten, die leise ihre Zweige aneinander rieb, ein zarter Duft nach weißen Blumen. Goldenes Licht hinter den Fenstern im Obergeschoss. Unten war alles dunkel.
Yuriko stellte sich vor, wie er am Spalier hinaufkletterte bis auf das Vordach, sich dort hinkauerte und ans Fenster klopfte. Sie würde ihm öffnen – es gab nur einen in ihrem Leben, der durchs Fenster kam. Sie würde lachen und weinen gleichzeitig, ihn vielleicht beschimpfen, weil er so lange verschwunden gewesen war, und ihn durchs Fenster wieder in ihr Leben lassen. Er würde ihr vorsichtig die Freudentränen von den Wangen pflücken, diese süßen Lippen küssen, seine Fingerspitzen in ihr weiches Haar tauchen. Ihren Duft atmen. Und lange nichts anderes tun als das. Er würde fühlen, wie sie in seine Arme passte, wunderbar weich und rund, und er würde ihr versprechen, bei ihr zu bleiben, aufrichtig vom tiefsten Grund seiner Seele.
Aber natürlich würde nichts davon passieren. Ihr langweiliger Ehemann würde das Fenster öffnen und ihn wie einen liebeskranken Kater mit dem Besenstiel vom Vordach schubsen. Vielleicht könnte er einen Blick auf sie erhaschen, bevor er sich geschlagen gab, und es wäre bestenfalls Bedauern darin zu lesen, schlimmstenfalls Mitleid, und wenn er eines von ihr nicht wollte, dann das.
Er blieb noch eine Weile in seiner Astgabel sitzen, die Wange gegen den rauen Stamm gedrückt. Er wusste nicht mehr, was ihn zurück nach Hause gebracht hatte. Mangel an Alternativen vermutlich.
Ein nagender Schmerz saß in seiner Brust. Er rief sich selbst zur Ordnung. Yuriko Mandorak Doragon Frost, Freund der Kröten und Meister der Siegel, saß nicht in einem Baum und heulte wegen einer Frau.
Unten auf der Straße schlurfte ein Passant vorbei. Yuriko wartete, bis er außer Sichtweite war, dann verließ er sein Versteck im Baum und machte sich auf den Weg.
Bei Galina brannte noch Licht. Er klopfte, doch niemand öffnete. Er klopfte wieder. Mit der Faust. Rief ihren Namen. So lange, bis die Nachbarn sich aus dem Fenster lehnten und unhöfliche Dinge schrien. Das verlieh der Geräuschkulisse genügend Nachdruck, und endlich öffnete sich die Tür.
»Ich brauche Geld«, sagte Yuriko statt einer Begrüßung.
»Hast du den Verstand verloren?«, schimpfte Galina. »Hier so einen Lärm zu machen! Du hast es vielleicht vergessen während deiner langen Reise, aber hierzulande klopft man nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr bei alleinstehenden Frauen!«
»Du bist also alleinstehend«, sagte Yuriko. »Das tut mir aber leid. Woran liegt es? Du bist so hübsch geworden.«
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