Aber Ebba bleibt auf dem Klavierschemel sitzen und klimpert. »I love you, I love you . . .« singt sie ohne jeden Respekt.
Da reißt Didrik der Geduldsfaden. Er springt vom Stuhl, packt sie und schmeißt sie hinaus.
»Faß mein Klavier nicht mit deinen schmierigen Fingern an!«
»Was willst du schreiben? Was über Tova?« johlt Ebba.
»Du hast keinen Funken Anstand in dir! Wiedersehen!« Didrik drängt sie hinaus und knallt die Tür hinter ihr zu. Ebba wirft sich dagegen, trommelt mit den Fäusten und ruft: »Tova ist verrückt nach dir!«
»Auf Wiedersehen für immer und ewig«, gibt Didrik zurück.
»Miststück«, antwortet Ebba. »Mach auf, doofer Kerl! Doofer, doofer Kerl!«
»Haha! Du Wickelbaby!« brüllt Didrik, als es Ebba nicht gelingt, die Tür wieder aufzudrücken. Ebba ihrerseits schreit wie am Spieß. Zum Glück erscheint Papa und fischt sie auf.
»Na komm, mein Herzblatt, wir wollen gute Nacht sagen . . .« sagt er und trägt sie fort.
»Es bringt nichts, wenn ich nett bin. Ich habe nur versucht, ein bißchen freundlich zu meinem Bruder zu sein, damit wir irgendwas miteinander zu reden haben, und dann macht er so was. Ist das vielleicht nett?« murmelt Ebba, während sie sich in ihr Zimmer tragen läßt.
Didrik atmet inzwischen auf. Er verkriecht sich in seinem Bett und sucht eine leere Seite im Tagebuch. Vorsichtig legt er Yrlas Fliederblüte auf das Papier. Mit behutsamen Fingern klebt er sie fest und fängt dann an zu schreiben.
Heute hab’ ich ein Mädchen getroffen. Sie heißt Yrla. Yrla wie wirbeln. Sie ist nur zu Besuch hier. Hoffentlich fährt sie nicht weg. Ich möchte sie wiedertreffen. Wenn ich morgen genau zur selben Zeit wieder auf die Wiese gehe, ist sie vielleicht da. Sie war nett und irgendwie hübsch . . .
Weiter kommt er nicht, denn nun klopft es an der Tür. Schnell schlägt er das Buch zu und stopft es unter die Decke.
»Darf ich reinkommen?« fragt Mama.
Sie hat kleine Vögel an den Ohren schaukeln und die schönsten Augen, die Didrik kennt. Wenn alle anderen schreien und mit den Türen schlagen, bleibt Mama ruhig. Je lauter die anderen werden, desto leiser und beharrlicher spricht sie. Sie ist das Gegenteil von Papa – vielleicht damit das Gleichgewicht gewahrt bleibt. Papa springt hin und her, wedelt mit den Armen und redet so eifrig, daß er oft selbst den Faden verliert. Dann beruhigt Mama ihn, als wäre er ein Kind, und erinnert ihn daran, was er sagen und tun wollte. Mama ist stark und stolz. Wenn Didrik sie sieht, wird ihm innerlich immer ganz warm. Obwohl er ab und zu findet, daß es ganz schön wäre, wenn sie auch mal die Geduld verlieren und anfangen würde, die Türen zuzuschmeißen. Aber so ist sie eben nicht. Sie hat eine andere Geschwindigkeit in ihrem Körper. Die ist eher wie ein ruhiger, breiter Strom, der langsam, aber unerschütterlich fließt. Mama hat etwas Geheimnisvolles in ihrem Wesen. Vielleicht sind Didrik und sie sich sogar ein bißchen ähnlich.
Jetzt sitzt sie auf seiner Bettkante und streicht ihm lachend über die Wange.
»Willst du schlafen?« fragt sie.
»Mmh«, antwortet Didrik und lacht zurück.
Er schlüpft unter die Decke. Die harte Kante des Tagebuchs scheuert an seinem Bauch.
»Was hast du denn da?« fragt sie.
»Nichts«, antwortet Didrik.
Und Mama beharrt nicht auf ihrer Frage. Sie beugt sich hinunter und gibt ihm einen Kuß.
»Gute Nacht, mein Schatz«, flüstert sie, und die Vögel an ihren Ohren klingeln. Sie legt ihre Hand an seine Wange und schaut ihn mit ihren schönen Augen an, ohne etwas zu sagen. Dann steht sie auf. »Wir sehen uns morgen!« sagt sie und schließt die Zimmertür hinter sich.
Didrik schaut einen Augenblick lang auf die geschlossene Tür, dann zieht er das Tagebuch wieder hervor. Vorsichtig öffnet er es und legt es sich übers Gesicht. Er atmet den Duft der Fliederblüte ein. Vor allem aber riecht er Papier. Er konzentriert sich, so stark er kann, und denkt: Du mußt morgen dasein! Du mußt morgen genau zur gleichen Zeit auf die Wiese kommen! Du mußt dasein, Yrla!
Am nächsten Morgen steht Didrik vorm Spiegel und muß zwischen zwei Pullovern auswählen. Der eine ist blau, der andere ist rot. Er kann sich nicht entscheiden, welchen er nehmen soll. Der blaue ist ein bißchen zu eng, so daß man deutlich sieht, wie schmächtig Didriks Körper ist. Aber der rote hat die Farbe der Liebe; das könnte peinlich werden. Didrik wühlt in seiner Kommode. Zum Schluß holt er einen lilafarbenen Pullover hervor, und den zieht er an.
Er schaut auf die Uhr. Es wird höchste Zeit, zur Wiese hinunterzugehen. Yrla, denkt er, und ihr Name kitzelt in seiner Brust, daß ihm kalt und warm zugleich wird. Da steckt Mama den Kopf ins Zimmer.
»Hast du alles?« fragt sie und guckt, als müßte Didrik verstehen, was sie meint.
»Was?« fragt er und schaut sie dumm an.
»Wir wollen gleich losfahren.«
Mama verschwindet wieder. Vor Didriks Augen dreht sich alles. Losfahren? Wir wollen losfahren? Wohin wollen wir losfahren?
»Losfahren???« ruft er hinter ihr her.
»Wir machen doch heute einen Ausflug, hast du das vergessen?«
Didrik bleibt fast das Herz stehen. »Wann kommen wir wieder zurück?« fragt er.
»Irgendwann am Abend. Nun beeil dich!«
Didrik verstummt. Im Spiegel sieht er ein bleiches Gesicht mit Augen, die wild aus ihren Höhlen hervorstarren. Das geht nicht! Er kann nicht den ganzen Tag wegbleiben! Yrla könnte in dieser Zeit verschwinden – für immer!
Papa, Mama und Ebba stehen inzwischen in der Küche und packen den Ausflugskorb. Papa putzt sein Fernglas, Mama zählt Geld, und Ebba nascht an einem Hefebrötchen. Die Sonne scheint durchs Fenster, und die Stimmung ist vergnügt. Die Familie wird den ganzen Tag Zusammensein, ohne sich um die Zeit kümmern zu müssen. Papa redet munter drauflos: »Ich werde mal meine Kamera mitnehmen, und dieses Mal werde ich nicht den Film vergessen, und vielleicht sollten wir Badezeug mitnehmen, was hältst du davon, Lena? Denk dir nur, vielleicht können wir baden!«
In diesem Moment stürzt Didrik in die Küche. Er rollt mit den Augen, keucht und läßt die Zunge heraushängen wie ein kranker Hund. Dann läuft er genau gegen den Küchentisch, so als wäre er blind.
»Didrik!« ruft Mama erschrocken.
»Au . . . au . . . au . . .!« Didrik verzieht das Gesicht zu einer Grimasse.
»Didrik, was ist passiert?«
Didrik windet sich, als hätte er innere Schmerzen, und kneift die Augen zusammen, wobei er schreit: »Ich bin krank! Ich bin krank!«
Papa wirft ihm einen gleichgültigen Blick zu und fährt unverdrossen fort, einzupacken.
Didrik atmet so heftig, daß seine Lunge pfeift. »Ich krieg’ keine Luft mehr!« wimmert er kläglich und stößt gegen einen Stuhl. »Ich bin vergiftet!« fährt er fort und zuckt wie im Krampf. »Alles dreht sich vor mir! Ich seh’ nichts, es ist ein einziger Nebel! Ich kann nicht mitkommen . . .«
Ebba betrachtet forschend ihren Bruder. »Ich möchte nur wissen, was du eigentlich vorhast«, sagt sie mißtrauisch.
Didrik sinkt langsam auf einem Stuhl zusammen und stöhnt, als hätte er unbeschreibliche Schmerzen.
»Au . . . au . . . oh . . . au!«
»Also, langsam vergeht mir die Lust!« ruft Papa.
»Dann bleiben wir eben hier! Wir bleiben alle zu Hause!«
»Nein, ihr könnt losfahren«, protestiert Didrik. »Ich leg’ mich nur ins Bett. Fahrt ihr ruhig.« Sofort merkt er, daß er viel zu gesund klingt, darum bekommt er einen neuen, noch schlimmeren Anfall. »AU . . . AU . . . AU . . . AU . . . AU, SOLCHE SCHMERZEN!« Papa schaut ihn kurz an und beginnt dann entschlossen, den Ausflugskorb wieder auszupacken. »Na gut. Das war’s also.« Demonstrativ reiht er den Proviant, das Fernglas und die Kamera auf dem Tisch auf.
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