Last but not least habe ich vor Jahren mein Jurastudium mit dem Schreiben von Krimis verdient. Begonnen habe ich mit Leihbüchern (wie sie heute ausgestorben sind – »Blaulicht in Manhattan« (ich weiß bis heute nicht, ob es nicht »Rotlicht« heißen müsste) und Heftchen-Romanen, etwa in den Serien »Kommissar X« und »Jerry Cotton« (siehe auch das Kapitel über den Heftchen-Krimi). Daß diese Tätigkeit bereits durch bloße Nachahmung erlernbar ist, stellte ich in dem Studentenheim fest, in dem ich damals wohnte. Es gab skrupellose Mitbewohner, wahre Schurken, die sich während meiner Abwesenheit an meine Triumph Schreibmaschine setzten (Schreibcomputer gab es damals noch nicht) und meine Geschichten fortschrieben, ohne daß ich es merkte. Auf diese Weise kam mir wertvolles Personal abhanden. Höchst verdächtige Personen, mit denen ich noch viel vorhatte, wurden in Feuergefechten in der New Yorker Unterwelt reihenweise niedergemäht und fielen damit als zu überführende Verbrecher aus. Ich merkte es nicht, der Verlag auch nicht, und als ich einmal einen längst verstorbenen Bösewicht am Schluß unter seiner Schuld im Geständnis zusammenbrechen ließ, löste das überraschte Leserbriefe aus. Den meisten Lesern fiel aber gottlob nichts auf. Der typische Heftchen-Leser jener Zeit war der Taxifahrer, den immer an der spannendsten Stelle ein Fahrgast störte, der zu einer Straße gefahren werden wollte, die er nicht kannte. Navis waren damals unbekannt. An ihrer Statt verwendete man einen Faltplan, bei dem sich die gesuchte Straße immer auf dem Knick befand. Das ist übrigens heute noch so. Wer einmal als Autofahrer am Knick dabei ist, etwa die Löwithstrasse in München-Schwabing zu finden, der weiß hinterher nicht mehr, daß der Gangster A1 Costello schon seit fünfzig Seiten tot ist.
Übrigens habe ich kürzlich an einem Bahnhofskiosk gesehen, daß die Jerry-Cotton-Hefte immer noch verkauft werden und unentwegt neue produziert werden. Sogar ein neuer Jerry Cotton Film erschien 2010. 6 Ich schrieb daraufhin an den Verlag, wies darauf hin, daß Jerry nach meinen Berechnungen inzwischen neunzig Jahre plus X alt sein müßte, und bot ihm an, einen Krimi zu schreiben, der auf der Pflegestation eines Seniorenheims in Floriada spielt, wo Jerry im Rollstuhl dämmert und seine gelegentlichen luziden Phasen nutzt, um einem Massenmörder das Handwerk zu legen, der, ebenfalls im Rollstuhl sitzend, seine luziden Phasen nutzt, um die Mitbewohner des Heimes abzumurksen. Die Antwort des Verlages war förmlich und abweisend. Die Jungs nehmen Jerry Cotton richtig ernst. Er bringt anscheinend noch immer Geld. So habe ich diesen Krimi nicht mit letzter Tinte geschrieben.
Bei der Aufzählung meiner besonderen Qualitäten für den Krimi will ich abschließend nicht verschweigen, daß ich im westlichen Kulturkreis der einzige akademisch gebildete Mensch bin, der jemals Menschenfleisch gefressen – pardon, verzehrt – hat und weiß, wie es schmeckt. Meine Frau mag diese Geschichte nicht, aber sie ist wahr, und ich erzähle sie immer dann gerne, wenn wir auswärts zum Essen eingeladen sind. Als Student trampte ich vor vielen Jahren einmal durch Griechenland. In einem Dorfladen irgendwo auf dem Peloponnes erwarb ich eine vergammelte Blechdose, die der Form nach Ölsardinen enthielt und der vergilbten Aufschrift nach aus der Zeit stammte, als Griechenland noch unter türkischer Herrschaft schmachtete. Ich verzehrte den Inhalt, und als ich die dritte Ölsardine abnagte, fiel mir auf, daß sie statt Gräten einen Knochen enthielt, an dessen Ende ein menschlicher Fingernagel hing. Ich will das hier nicht weiter ausführen, nur soviel: Menschenfleisch schmeckt nach Fisch!
Also, um es kurz zu machen – Sie können das Krimischreiben lernen. Dieses Buch wird Ihnen dabei helfen. Fangen Sie einfach an und halten Sie sich nach der Lektüre dieses Buches (keinesfalls vorher!) an die alte russische Weisheit: »Probirski geht über Studirski«.
B. Theorie des Krimis
Der Philosoph Immanuel Kant hat einmal bemerkt, es gebe nichts praktischeres als eine gute Theorie. 7 Wer wie ich einmal im Leben Ikea-Möbel zusammengebaut hat, kann Kant nur zustimmen. Ich erinnere mich noch an mein erstes Billyregal, das ich auf dem Dachgepäckträger meines VW Käfers nachhause befördert hatte. Ich stand vor einem Haufen von Brettern mit angetackerten Plastiktütchen, in denen sich diverse Metallgegenstände sowie etwa hundert kleine Nägel befanden. Dazu gab es eine Gebrauchsanleitung, die am Rand chinesische (oder malayische? vielleicht auch arabische) Schriftzeichen aufwies sowie einen Text, der anscheinend von einem Chinesen (oder Malayen oder Araber) mit Hilfe eines Wörterbuches im Verhältnis eins zu eins ins Deutsche übersetzt war. »Man nehme dem Brett quer und flansche das Nut auf Loch inwendig ...« Es gab damals noch keine computergestützten Übersetzungsprogramme, sonst hätte ich dem Problem vielleicht in Verständigung nähergetreten gemacht geschafft gekommt getan – UFF. Ich war damals noch jung und wagemutig, meine kleinen Söhne sahen mich gläubig an, ich ging also frohgemut ans Werk, nahm dem Brett quer, längs, hoch, oben, unten und verkehrt, steckte Verbindungsstifte in alle erkennbaren oder vermuteten Öffnungen, drehte mit dem Inbusschlüssel, was zu drehen war, schob rutschende und herabstürzende Bretter in jede nur denkbare Position, und endlich – ja, da stand etwas, was einem Bücherregal ähnelte. Nun fehlten nur noch die beiden Rückwände, die aus einer Art Pappe bestanden. Angesichts der übriggebliebenen Hundertschaft Nägel wusste ich, was zu tun war. Mein Hammer war zwar etwas zu groß, die Nägel waren etwas zu klein, Daumen und Zeigefinger waren deutlich zu dick, aber nach längerem Werkeln, bei dem meine Finger nur begrenzt Schaden nahmen (ein echter Zimmermann muß da ganz andere Verluste in Kauf nehmen), waren die beiden Rückwände angenagelt, eine oben, eine unten, jede mit fünfzig kleinen Nägeln ringsum. Ich trat zurück und betrachtete mein Werk mit dem Stolz eines erfahrenen Heimwerkers. Aber etwas stimmte nicht. Ich wehrte mich gegen diese Erkenntnis, aber es war nicht zu übersehen. Ich hatte die Rückwände verkehrt herum angenagelt. Statt der weißen Kunststoffoberfläche boten sie mir den Anblick zusammengepresster Sägespäne – grau, wohnkulturstörend (»wohnst du noch?«) – unvorstellbar hässlich. Ich will diese Geschichte hier nicht fortspinnen. Ich begnüge mich mit der Feststellung, daß ich in den folgenden Monaten Bücher mehr nach ihrer Höhe als nach dem Inhalt beschaffte, bis die Presspanrückseiten meines Billy einigermaßen verdeckt waren von Werken wie dem großen Deutschlandführer des ADAC, dem Telefonbuch, dem zweibändigen Elektro-Conrad-Katalog und ähnlichen Regalfüllern. Nach zwei Umzügen hatte sich das Problem dann erledigt. Länger hielt mein Billy nicht durch, ich half auch ein wenig nach, und der Conrad-Katalog, mit sechstausend Seiten das unglaublichste Werk auf dem deutschen Büchermarkt, war veraltet und konnte mit entsorgt werden.
Inzwischen haben die Produzenten von Gebrauchsgegenständen für das gemeine Volk eingesehen, daß es eine literarische Schwierigkeitsskala gibt, die von Leicht (Krimi) über Mittel (Gedicht) bis hin zu Unmöglich (Gebrauchsanleitung) reicht. Auf der ganzen Welt existiert keine einzige verständliche Gebrauchsanleitung. Ich habe einmal eine Kamera gekauft, und nachdem ich die Gebrauchsanleitung gelesen hatte (aber bis heute nicht verstanden habe), habe ich nach diesem Vorbild eine Gebrauchsanleitung für einen Band Lyrik geschrieben. Ich veröffentlichte damals unter dem Pseudonym Klaus Millau kleine Satiren auf der Letzten Seite der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung, und das sah so aus:
» Waschzettel für Anfänger
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