Die Trickfilm-Folien mit den eingezeichneten Isobaren wurden nun über die Europakarte gelegt und dann entsprechend der Länge des Textes abfotografiert. Für eine Sekunde Text benötigte man 25 Einzelbilder. Sollte die Ausgangssituation über Europa entsprechend des Textes zum Beispiel eine Länge von 5 Sekunden haben, musste der Grafiker also 125 Einzelbilder fertigen. Danach wurde die nächste Folie aufgelegt, und auch hier wurden entsprechend der Textlänge Einzelbilder fotografiert.
Dass 25 Einzelbilder 1 Sekunde Film ergeben, ist auch heute noch so. Allerdings werden die Bilder heute nicht mehr einzeln mit der Trickkamera aufgenommen, sondern digital erstellt.
Wetterberichte in den 1980er-Jahren https://youtu.be/d9snTatjJG8
Genau so klar vorgegeben, aber etwas anders erstellt, wurde die Vorhersagekarte für Deutschland. Hier wurde der Trickfilm zunächst mit einer blauen Deutschlandkarte, auf der Flüsse und Städte, aber keine Grenzen eingezeichnet waren, belichtet. Das Wetter wurde danach in einer Art Doppelbelichtung darüber gelegt. Dazu gab es »Lochmasken«, die nur bestimmte Bereiche offen ließen und Pappen mit Wetterereignissen, wie Sonne, Wolken oder Regen, die man darunter legte. So waren Regen oder Schnee nur in einem vorher genau bestimmten Bereich zu sehen. Die Vorgaben, welche Lochmaske wann zum Einsatz kam, kamen ebenfalls von den Meteorologen in Offenbach.
Da das Wetter in den Gebirgen häufig ein bisschen anders ist als in den Tallagen rundherum, gab es zum Beispiel Lochmasken, die nur die Alpen frei ließen oder den Schwarzwald. Andere Masken sparten den Norden aus oder den Südwesten. So konnte man das Wetter in ganz bestimmten Bereichen darstellen. Die Grafiker in Frankfurt setzen die Vorgaben des DWD eins zu eins um. War das Bild starr, zum Beispiel bei Sonnenschein, wurden entsprechend der Länge des Textes mehrere einzelne Trickbilder derselben Grafik gemacht. Brauchte die Grafik Bewegung, zum Beispiel bei Regen, wurde die Pappe fest auf dem Tisch fixiert und dann der gesamte Tisch unter der Maske bewegt. Bei jeder Bewegung wurde ein Trickbild gemacht. Aneinandergereiht entstand so eine Bewegung, und es sah im Film so aus, als würde der Regen fallen. Um Gewitter darzustellen, öffnete der Grafiker die Blende der Kamera komplett und fotografierte ein weißes Blatt Papier. Im Film sah das dann aus wie ein Blitz.
Zum Schluss kamen noch die Windrose und Temperaturen dazu. Die Windrose entstand durch Pfeile, die entsprechend der Vorgaben auf der Karte verschoben wurden. Die Temperaturzahlen wurden mit »Anreibezahlen« auf die Trickfilmfolie gerubbelt und dann abfotografiert. Einen Überblick über das Wetter der kommenden Tage gab es in den 60er-Jahren noch nicht.
Die Filme wurden exakt passend zum Text in der entsprechenden Länge und der entsprechenden Reihenfolge aufgenommen. Eine spätere Änderung war nicht möglich. Machte einer der Grafiker einen Fehler, musste er wieder ganz von vorn anfangen.
Der fertige Film kam zur Entwicklung ins »Kopierwerk«. Die 30 bis 45 min, die bis zur fertigen Entwicklung des Filmes nötig waren, nutzte der Grafiker, um den Text mit Kohlepapier auf einer Schreibmaschine abzutippen. Ein Exemplar war für den Grafiker selbst, eines für den Sprecher des Wetterberichts und eines für den Leiter vom Dienst (LvD) der ARD. Der LvD ist für den Ablauf der Sendungen in der ARD verantwortlich und schaltet die entsprechenden Programme »auf«, die das Programm der ARD bilden. Er muss daher den Text, und vor allem die letzten Worte kennen, um zu wissen, wann er das nachfolgende Programm starten oder abrufen muss.
Als die Satellitenbilder noch Fotos waren und in der Tricktechnik abgefilmt wurden, war der Wetterfilm – also das »Bild« – mit der Entwicklung im Kopierwerk fertig. In späteren Jahren, als die Satellitenbilder in Form eines Videofilms vom Deutschen Wetterdienst geliefert wurden, musste der Videofilm zunächst auf eine U-Matic-Kassette (einem Vorgänger der Videokassette) kopiert und dann in den Wetter-Trickfilm eingefügt werden.
Nachdem der Film fertig war, fehlte nun noch der Ton zum Bild. Verlesen wurden die Texte des DWD von Sprechern des HR. Die bekanntesten Sprecher waren Hans-Joachim Scherbening und Hans-Helmut Sievert, die über viele Jahre die Stimmen des Tagesschauwetters waren. Im Gegensatz zu heute, in denen der Wettertext fast keine längeren Pausen enthält, nahm man sich früher etwas mehr Zeit und ließ das Bild auch schon mal einige Sekunden ohne Text stehen. Damit die Sprecher genau wussten, wann ihr nächster Einsatz war, bedienten die Grafiker im Vorraum des Aufnahmestudios einen Schalter, der im Studio einen Lichtimpuls auslöste. Für den Sprecher war dies das Zeichen weiterzulesen.
Der QAM-Code https://youtu.be/YFNs93GKo9E
Das »piiiep piiiep piep piiiep piep piiiep piiiep piiiep« (– – · – / · – / – –) das früher immer am Ende jedes Wetterberichtes kam, wenn die Windrose eingeblendet wurde, entstammt übrigens der Luftfahrtkommunikation. Es ist der internationale Morse-Code der Buchstaben QAM, die zur »Q-Gruppe« gehören. Diese Schlüssel werden zur schnellen Übertragung von Standardnachrichten genutzt. Die Kombination QAM heißt so viel wie »Wie ist das Wetter am Landeplatz?«. Hängt man an den QAM-Code noch die Uhrzeit, die Abkürzung für den Landeplatz und bestimmte Abkürzungen, die das Wetter beschreiben, dann beschreibt es das Wetter an dem Landeplatz zu eben dieser Uhrzeit.
Ein QAM-Code
QAM 2000 HB Wolkig 20 km Wolken 1000 m 1/8 4/8 NW 30 km/h
würde beispielsweise sagen: Das Wetter am Flughafen Hamburg um 20 Uhr ist wolkig. Die Sichtweite beträgt 20 km, die niedrigsten Wolken hängen auf 1.000 Meter und bedecken 1/8 des Himmels. Die Gesamtbewölkung beträgt 4/8. Der Bodenwind kommt aus Nordwest und weht mit 30 km/h.
War die Sprachaufnahme gemacht und der Wetterbericht damit komplett fertig, brachte der Grafiker ihn zum »Filmgeber«. Von hier aus wurde der Film zum NDR nach Hamburg überspielt, der bis heute die Tagesschau produziert. Spätestens um 19:30 Uhr sollte der Film dort vorliegen. In Einzelfällen durfte es auch schon mal 19:55 Uhr werden, was aber die ganz große Ausnahme war.
Das Wetter der Tagesschau um 20 Uhr war immer 90 Sekunden lang. Das entspricht 2.250 Einzelbildern oder etwa 30 Metern Film. Zeichnete sich ab, dass die Wetterlage kritisch werden würde, durfte die Vorhersage – nach Rücksprache mit den Kollegen der Tagesschau – ausnahmsweise auch mal 100 Sekunden lang werden. Heute ist das Wetter in der Tagesschau um 20 Uhr nur noch 45 Sekunden lang.
Während mithilfe der heutigen modernen Computertechnik Designänderungen in wenigen Wochen entwickelt und umgesetzt werden können, dauerte es früher schon mal eineinhalb Jahre vom ersten Entwurf bis zum fertigen Wetterfilm in der Tagesschau um 20 Uhr.
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