»Nasche?«
»Russisch für ›unser‹. Das Wort steht symbolisch dafür, wie stolz die Bürger neuerdings auf alles sind, was aus ihrem Land stammt. Es ist eine Reaktion darauf, dass sich die Menschen während der Neunziger in erniedrigender Weise sklavisch am westlichen Kulturkreis orientierten – schuldbewusst verlegen wurden, wenn sie in einem McDonald's beim Herunterschlingen eines Big Mac gesehen wurden, und Pepsi schlürften, statt wie echte Russen Wodka zu saufen, oder sich die Dixie Chicks im Radio anhörten.«
»Ich kann mir aber auch vorstellen, dass sie es gutheißen, wenn ihr ehrbares Staatsoberhaupt nicht betrunken durch den Kreml torkelnd Samowars umstößt.«
C lächelte wieder. »Ehrlich gesagt vermisse ich Boris Jelzin. Hier, das ist unser gekürztes Dossier über Rostow. Lesen Sie es bei Gelegenheit, aber ich gebe Ihnen eine kurze Zusammenfassung als Grundlage für den weiteren Verlauf unseres Gesprächs: Wladimir Wladimirowitsch Rostow – im Volksmund auch Wolodja – wurde 1935 als Sohn armer Eltern aus der Arbeiterklasse geboren. Beide, Vater und Mutter, hatten die 90 Tage von Hitlers grausamer Belagerung Leningrads überlebt. Seine zwei Brüder waren von den Nazis getötet worden, wohingegen sein Vater bei der Verteidigung der Stadt schwere Wunden erlitten hatte. Dies war sein Hauptantrieb dafür, eine Tätigkeit beim Geheimdienst aufzunehmen.«
»Er hasst also die Deutschen. Das könnte nützlich sein.«
Trulove nickte zufrieden in der Gewissheit, dass Hawke bereits vorausdachte. »Mit fünfzehn«, fuhr er fort, »sah Rostow den Film Schild und Schwert, der die Taten eines sowjetischen Spions in Deutschland während des Krieges verherrlichte. Er versuchte im Alter von 16 Jahren, beim KGB unterzukommen, indem er einfach in die örtliche Zentrale marschierte und darum bat, sich zum Dienst anmelden zu dürfen. Er wurde – logischerweise – abgewiesen, und zwar mit dem Rat, einen Universitätsabschluss zu machen, vorzugsweise in Jura oder Sprachen. Das tat er auch. Nach seinem Studium an der staatlichen Hochschule in Leningrad nahm ihn der KGB auf.«
»Er verklärt Spionage romantisch«, bemerkte Hawke und kratzte sich am Kinn.
»Was?«
»Ich habe den Film, den Sie nannten, auch gesehen. Er bietet eine sehr romantische Darstellung des furchtlosen Sowjet-Doppelagenten, der auf eigene Faust im Dritten Reich umgeht und Geheimdokumente stiehlt, um Militäroperationen der Deutschen zu sabotieren. Mit anderen Worten: Er schafft im Alleingang, was ganze Armeen nicht geschafft haben.«
C trank einen Schluck Whiskey.
»Ich muss fragen, Alex: Finden Sie sie auch romantisch? Spionage, meine ich. Die Zauberkunst des Handstreichs.«
»Nicht im Geringsten.«
So wie C ihn ansah, schien er diese Antwort gutzuheißen. Er beschrieb den Präsidenten weiter: »Unser Wolodja war groß und schlank, wobei er zerbrechlich wirkte und mit zehn Jahren oft den Schlägertypen aus seiner Wohngegend zum Opfer fiel. Irgendwann machte er es sich zur Lebensaufgabe, Sambo zu lernen, eine sowjetische Mischung aus Judo und Ringkampf. Damit meinte er es todernst, was übrigens heute nicht anders ist. Er erhielt sowohl in Sambo als auch Judo schwarze Gürtel und gelangte beinahe in die Olympiaaufstellung der Union. Ein Jahr nach seinem Abschluss in Internationalem Recht und Beitritt in den KGB wurde er Judo-Meister von Leningrad. Ich erwähne das, weil ich finde, dass es Aufschluss über seine tatsächliche Persönlichkeit gibt.«
»Und?«
»Der Trainer, der ihm in seiner Jugend Judo beibrachte, lebt noch. Einer unserer Männer in Sankt Petersburg nahm ihn sich vor einiger Zeit zur Brust. Lassen Sie mich Ihnen ein paar Auszüge seines Berichts vorlesen: Wolodja war gleichstark im Werfen in beide Richtungen, links und rechts. Seine Gegner konnten nie absehen, wenn sie mit einem Wurf von der einen Seite rechneten, dass er es von der anderen versuchte. Ihn zu schlagen war relativ schwer, weil er ständig Kniffe anwandte.«
»Jetzt verstehe ich, worauf Sie hinauswollen.«
»Rostows angeborener Hang, sich nicht in die Karten schauen zu lassen, passte perfekt zu seiner Judo-Vorliebe. Er konnte stets die Züge seiner Gegner abschätzen und zugleich seine eigenen Absichten verbergen.«
»Für ihn ist es kein Sport, sondern eine Philosophie«, schlussfolgerte Hawke.
»Exakt.«
»Faszinierend, Sir. Ich kann es kaum erwarten, zu erfahren, wohin das alles führen wird.«
»Nach Moskau, Alex.«
»Und sobald ich dort bin?«
»Morgen sind Sie schlauer. Ich will Ihnen fürs Erste erklären, weshalb ich in Bermuda bin. Ich möchte eine neue MI6-Abteilung für streng geheime Missionen aufbauen. Mir fiel bisher kein besserer Name dafür ein als Rotes Banner. Ihr einziger Daseinszweck wird in vehementer Spionageabwehr gegen die wiederauferstanden russischen Tschekisten bestehen.«
»Tschekisten?«
»Die sogenannte Tscheka war der bolschewistische Vorläufer des KGB. Das Wort kürzte auf Russisch den Begriff Außerordentliche Kommission ab. Es handelte sich also um Lenins Geheimpolizei. Heute steckt eine Gruppe von Männern im Kreml dahinter, die ich vorhin erwähnte, wenn ich mich nicht irre. Sie nennen sich die Zwölf oder in ihrer Muttersprache: Silowiki, die Allmächtigen.«
»Welche Funktion nehmen sie ein?«
»Wir gehen davon aus, dass sie alle Fäden in der Hand halten, dass die Graue Eminenz ihnen untersteht und nach ihrer Pfeife tanzt.«
»Also bleibt Rostow hinter unseren Erwartungen zurück, nicht wahr? Wir setzten einmal große Hoffnungen in ihn.«
»Aus Moskau hört man höchst Unerfreuliches, Alex. Die jungen Staaten Osteuropas zu schützen, ist unser höchstes Gebot. Der Kreml hat schon versucht, den Zusammenbruch der demokratisch gewählten Regierungen Estlands und Georgiens zu erzwingen sowie andere unabhängige Nachbarländer durch unterlassene Energielieferung sanktioniert.«
»Aus welchem Grund? Diese Staaten sind jetzt alle souverän.«
»Wir vermuten, dieses Verhalten ist nur ein Vorspiel. Russland wird mit hoher Wahrscheinlichkeit versuchen, jede dieser Nationen erneut zu unterwerfen und die früheren Grenzen der Sowjetunion wieder zu errichten. Sobald es sich seine östlichen Nachbarn einverleibt hat, wird es einen kritischen Blick auf den Rest Europas werfen. Die Grenzstaaten im Westen sind seiner Gnade unterworfen, bereits jetzt. Der Kreml kann unseren Verbündeten auf dem Kontinent jederzeit den Energiehahn zudrehen, wenn es ihm beliebt.«
»Oh Gott.«
»Das können Sie laut sagen. Daher die dringende Notwendigkeit, wieder stärker geheimdienstlich gegen die Russen vorzugehen. Wir müssen es schnellstmöglich tun.«
»Und von wo aus soll unsere neue Anti-Tschekisten-Abteilung operieren?«
»Ihr Hauptstützpunkt wird gleich hier sein, in Bermuda. Morgen früh, nach Ihrem Termin in Samara mit Nigel Prestwick, treffen wir uns am Hafen. Wir besorgen ein Büro für Sie.«
»Für mich?«
»Sie sind der Leiter dieser neuen Sonderdivision, Alex. Ich habe lange gründlich darüber nachgedacht und bin überzeugt davon, dass Sie der ideale Kandidat dafür sind. Im Laufe der letzten Jahre haben Sie durchaus beeindruckende Leistungen erzielt, wissen Sie?«
»Ich fühle mich geehrt. Danke sehr, Sir. Selbstverständlich werde ich …«
»Alex, ich gebe Ihnen etwas Zeit, lassen Sie es sich durch den Kopf gehen. Die Uhr tickt jedoch, also verlange ich, dass Sie ehrlich sind. Haben Sie irgendwelche Bedenken? Vorbehalte?«
»Zunächst einmal kann ich kein Wort Russisch sprechen.«
»Ihr Waffenbruder, Chief Inspector Congreve, dafür fließend, und der MI6 wird Ihnen weiteres Personal auf muttersprachlichem Niveau zur Seite stellen.«
»Ambrose weiß folglich Bescheid – von Rotes Banner?«
»Er gehört zu Ihrem Team. Hat sich schon verpflichtet. Auch zwei junge Kerle vom russischen Ressort des Nachrichtendienstes sind angereist, Benjamin Griswold und Fife Symington: erstklassige Typen, die beiden.«
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