Beim Näherkommen steigerte sich der Ärger des Eisgrafen immer mehr. Bei dem Fremden handelte es sich um denselben Mann, der ihm die Botschaft überbracht hatte. Wieso hatte er ihn an diesen Ort bestellt, wenn er ihm die Botschaft auch gleich im Quaralpalast hätte mitteilen können? Zwei Meter von dem Mann entfernt hielt Quartor sein Pferd an und sprang aus dem Sattel. Als er den Mann genauer betrachtete, stutzte er. Die blauen Augen des jungen Mithriers glänzten seltsam, und sein Blick wirkte gleichermaßen verklärt und entrückt. Er schien durch den Eisgrafen hindurchzuschauen.
„Ich werde den Auftrag bekommen, dich zu töten“, erklärte der Mann mit einer klaren Stimme, in der jedoch Trauer mitschwang.
Quartor verschränkte die Arme vor der Brust und legte den Kopf schief. Ein mitleidiges Lächeln umspielte seine Lippen als er erwiderte: „Diesen Auftrag solltest du besser ablehnen. Ich bin nicht nur ein leidlich guter Schwertkämpfer, sondern besitze auch den „vernichtenden Blick“, wie du vermutlich weißt.“
Vor dieser Fähigkeit der Eisgrafen, allein durch die Kraft ihres Willens das Gefüge von Gegenständen auflösen zu können, sodass sie zu Staub zerfielen, erzitterten die Menschen auf dem gesamten Kontinent.
Doch der junge Mann schien völlig unbeeindruckt und entgegnete mit unveränderter Stimme: „Beides wäre gegen mich wirkungslos. Aber ich glaube, du verstehst mich nicht. Du bist nicht hier, weil ich dir drohen will, sondern weil ich dich warnen will.“
„Und wovor willst du mich warnen?“, wollte Quartor wissen.
„Das ist die falsche Frage, weil du die Antwort nicht begreifen würdest“, antwortete der Mann. „Ich werde dir stattdessen sagen, warum ich dich warnen will. Ich möchte dich nicht töten müssen, weil du mir das Leben gerettet hast.“
Nun betrachtete sich Quartor den Mann genauer. Er konnte sich jedoch nicht erinnern, ihn vor der kurzen Begegnung im Quaralpalast jemals gesehen zu haben. Ihm lag schon die nächste Frage auf der Zunge, da dämmerte ihm plötzlich die unglaubliche Erkenntnis: Es war nicht der Mann, der zu ihm sprach, sondern der Eisbaum! Einige Jahre zuvor hatte Quartor den damaligen Ordenssprecher der Priester des Wissens daran gehindert, gemeinsam mit zwei Spießgesellen den Eisbaum von Tanaria abzusägen.
Nur: Wer in aller Welt konnte die Macht haben, einem Eisbaum Anweisungen zu erteilen? Quartor hatte einmal davon gehört, dass in alten Schriften die Meinung vertreten wurde, die Eisbäume seien Teil eines „Geflechts der alten Wesenheiten“. War es dieses Geflecht, von dem er leider so wenig wusste, oder vielleicht noch etwas anderes? Ja, der Baum hatte recht. Mit einer Antwort auf seine Frage hätte er nichts anfangen können.
Der junge Mithrier erhob sich, was ihm große Mühe zu bereiten schien. Sein Blick begann, sich langsam zu klären. Schnell trat der Eisgraf zu ihm, legte ihm die Hand auf die Schulter und hielt ihn zurück.
„Bitte!“, rief er flehentlich. „Sage mir wenigstens noch, warum ich getötet werden soll.“
„Auch das ist die falsche Frage“, erwiderte der junge Mann. „Wenn ein Wachhund seine Kette zerreißt, kann es geschehen, dass er die Nahrung frisst, die sein Herr benötigt – und dessen Herr. Kann man es dem Herrn verdenken, dass er um sein Leben kämpft? Quartor, wir beide sind nur Randfiguren in einer sich anbahnenden Auseinandersetzung, deren Ausmaß du dir nicht einmal annähernd vorstellen kannst. Jetzt gehe und tue was du für richtig hältst!“
Der Eisgraf ließ den jungen Mann los. Er hatte die hintergründige Warnung begriffen, die hinter der vordergründigen verborgen lag. Der Baum hatte ihm viel mehr verraten als er eigentlich wollte.
„Danke“, murmelte Quartor und schwang sich auf sein Pferd. Er musste sofort zurück zum Quaralpalast reiten und die anderen Eisgrafen warnen. Er konnte nur hoffen, dass er sie alle noch antreffen würde.
*
„Einerseits ist es traurig, dass ich mich von euch verabschieden muss“, bedauerte Sestor. „Aber andererseits sollten wir dafür dankbar sein, dass dies das schönste und längste Zusammentreffen war, das uns je vergönnt gewesen ist.“ Er blickte in die Runde, die sich im Saal der Eisgrafen versammelt hatte. Leider fehlte einer seiner Gefährten. Daher fügte er hinzu: „Bitte grüßt Quartor von mir und sagt ihm, dass ich ihn nach meiner Rückkehr aus Zogh in Tanaria aufsuchen werde. Nachdem ich inzwischen alle Wirtshäuser dort kenne, müsste ich ihn eigentlich recht schnell finden.“
Die anderen Eisgrafen lachten. Tatsächlich hatten sie noch nie zuvor einen Aufenthalt im Quaralpalast derart ausgiebig und unbeschwert genießen können. „Ich habe bereits durch einen Boten Anweisung gegeben, dass Prandorak dich in Sylabit erwartet“, erklärte Tritoria und umarmte Sestor. „Danke, dass du uns diese Aufgabe abgenommen hast.“
„Ich bin immer gerne in Zogh gewesen“, sagte er mit einem breiten Grinsen. „Nur war es mir leider nicht vergönnt, eine dieser wunderschönen Frauen für mich zu gewinnen.“ Sein Blick wanderte von Tritoria zu Octora und blieb dann an Unitor hängen. „Weil mir ständig einer meiner sogenannten Freunde in die Quere gekommen ist.“
„Ich bin noch frei“, lächelte Octora schnippisch.
Sestor breitete in einer scheinbar hilflosen Geste die Arme aus: „Du bist die Königin. Ändere dieses verdammte Brauchtum, und ich werde auf Knien um deine Hand anhalten!“ Er spielte damit auf die Tradition an, wonach die Königin nicht dauerhaft mit ihrem Ehemann zusammenleben durfte.
Octora schüttelte lachend den Kopf: „Nicht einmal ich kann solche Bräuche ändern. Aber es kann ja auch durchaus reizvoll sein, wenn man nicht ständig zusammenlebt. Es dauert viel länger bis man einander überdrüssig wird.“
„Ich werde darüber nachdenken“, versprach Sestor.
„Bis dahin kannst du ja in den Höhlen nach einer geeigneten Frau suchen“, schlug Tritoria vor.
„Aber zuerst soll er die Weiße Frau finden“, mischte sich Quintora ein. „Sestor, ich kann dir versprechen, dass du von ihr fasziniert sein wirst, falls sie genauso aussieht wie Siridindar.“
Sestor verzog das Gesicht, was jedoch unter dem Vorhang der herabhängenden schwarzen Haare kaum zu erkennen war: „Ist sie nicht etwas zu alt für mich?“
Quintora hatte ihm kurz zuvor erzählt, dass Siridindar nach eigenen Angaben älter als fünfzigtausend Jahre war.
Unitor sah ihn schelmisch an und meinte: „Umso mehr kannst du von ihr lernen.“
Am gleichen Abend noch verließ Sestor den Quaralpalast. Quartors Warnung erreichte ihn nicht mehr.
*
Nachdem der von Crescal ausgelöste Aufstand gegen die Mon’ghale ins Stocken geriet, zerfiel Obesien faktisch in drei Machtbereiche.
Im Süden hatten sich die Mon’ghale halten können und beeinflussten weiterhin die dort ansässigen Obesier. Die kleinen, raupenartigen Lebewesen waren vor langer Zeit in Lumburia aus einer Schmetterlingsart entstanden, die die Fähigkeit zur Verpuppung und Ausbildung von Flügeln verloren hatte. Um dennoch ihr Überleben zu sichern, hatte die Natur sie mit einer einzigartigen Gabe ausgestattet.
Sie entwickelten die Fähigkeit, andere Lebewesen auf geistiger Ebene zu beeinflussen. So konnte die von den Ureinwohnern als Cerghale bezeichnete Lebensform sogar ihre ehemaligen Fressfeinde, etwa Vögel, als Helfer benutzen und sich von diesen mit Nahrung versorgen lassen.
Auf ungeklärte Weise war eine riesige Stammmutter der Cerghale in die Katakomben von Tulumath nahe Dunculbur in Obesien gelangt. Menschenopfer hatten sie in die Lage versetzt, ihrer Nachkommenschaft die Befähigung zur geistigen Beeinflussung von Menschen zu vererben.
Allerdings wirkte diese Fähigkeit nur bei der Urform der obesischen Menschen, nicht bei ihren rotäugigen Abkömmlingen, die als Priester des Wissens eine eigenständige Bevölkerungsgruppe bildeten. Diese hatte jedoch mit der von den Mon’ghalen beherrschten Restbevölkerung Regeln eines einvernehmlichen Zusammenlebens gefunden. Der Grund bestand vor allem darin, dass die Obesier auf die wissenschaftlichen Errungenschaften des Priesterordens angewiesen waren, während umgekehrt der Orden den militärischen Schutz der Obesier benötigte. Nur gemeinsam konnten sie äußeren Feinden trotzen.
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