»Und da«, ergänzte der Präfekt, »haben Sie sich von der schönen Unbekannten bestimmen lassen, dem Film einen effektvollen Schluß zu geben.«
Depretis nickte zerknirscht. »Ja, sie bat mich, das Auto doch zum Spaß zu verfolgen. Und – da haben wir eben ein paar blinde Schüsse abgegeben. Verzeihen Sie, Herr Präfekt, es war nicht ganz korrekt – es war unverzeihlich, aber – «
»Schon gut!« sagte der Präfekt. »Ihre Entschuldigungen helfen uns jetzt nichts. Wir sind schön blamiert. Einen Orden kann ich Ihnen wirklich nicht dafür verleihen. Kommen Sie, wir bringen Ihre Aussagen zu Protokoll. Sie haben auch noch zu berichten, wie sie dann nachher den Ippoliti gefunden und befreit haben.«
Er wandte sich zum Gehen, gefolgt von dem gänzlich vernichteten Kommissär. Aber der Beamte, der den Apparat bedient hatte, hielt ihn zurück. »Herr Präfekt, es sind noch Streifen mit einer langen Inschrift da!«
Der Präfekt zeigte ein Lächeln voll grimmigen Galgenhumors. »Das kann ja gut werden. Los!«
Es war tatsächlich eine lange Inschrift, die in großen Lettern auf der Wand erschien, und mehrmals mußte ein neuer Streifen vor das Objekt geschoben werden. Die Inschrift aber lautete:
»Verehrlicher Herr Polizeipräfekt!
Ich hoffe, mein Film hat Ihnen eine angenehme halbe Stunde bereitet. Zu ergötzen und die Zeit zu vertreiben, ist ja die edelste Aufgabe der Kinematographie, die Sie und besonders Ihr Freund, der Zensor Paoli, so gern fördern. Ich habe während meiner allzu kurzen Dienstzeit bei der OCI von dem Herrn sehr viel Gutes sprechen gehört.«
»Verbieten!« fauchte der gekränkte Zensor. Der Präfekt gebot Ruhe und man las weiter:
»Ich bezweifle nicht, daß mein erster Film beim Publikum einen ganz ungeheuren Erfolg haben wird. Aber ich kenne die Schwächen dieser Erstlingsarbeit und werde mich bemühen, in Hinkunft noch viel sensationellere Aufnahmen zu liefern. Ich denke, ich werde jeden Mittwoch einen neuen Fantoche-Film auf den Markt bringen und den vollsten Beifall aller Kinobesucher erringen können, aber nur, wenn mir die Polizei wie bisher ihre vollste Unterstützung angedeihen läßt.
Die Vervielfältigung und den Vertrieb meiner Films gedenke ich aus alter Freundschaft der bewährten OCI zu übertragen. Ich bin, was Herr Ippoliti auch sagen mag, keine Materialistin, der es nur auf das Geld ankommt. Außerdem genügt mir vorläufig die dreiviertel Million, die mir Herr Ippoliti so freundlich geborgt hat. (Hoffentlich muß er jetzt seinen Geburtstagsgästen nicht wirklich nur Makkaroni und sauren Wein vorsetzen.) Ich will Herrn Ippoliti sogar gern die entliehene Summe zurückerstatten. Aber nicht heute, ich habe nicht gewechselt. Sondern ich überlasse der OCI, deren Hauptinhaber er ja ist, meinen sensationellen Schlager vorläufig vollkommen gratis, bis der kleine Schaden gedeckt ist.
Das kann nicht lange dauern, denn mit Hilfe einer hohen Polizei gedenke ich wirklich nur ganz Außergewöhnliches zu bieten, so daß das Publikum in Scharen herbeieilen wird. Schon der nächste Film, den ich Mittwoch herausgebe, wird eine großartige Novität. Er soll heißen: »Wochenrevue der Prinzessin Fantoche«. Ich werde gewiß nicht verfehlen, den Film ordnungsgemäß der löblichen Zensur einzureichen. Ich bin, Herr Polizeipräfekt, Ihre aufrichtig ergebene Prinzessin Fantoche.«
Die tanzende Marionette tauchte wieder auf, gleichsam als Siegel dieses unverschämten Briefes.
Der Commendatore sah seine Untergebenen an: »Nun, was sagen Sie jetzt, meine Herren?«
Der Zensor Paoli machte ein nachdenkliches Gesicht. Schließlich sagte er im Tone eines Menschen, der eine Idee hat: »Wir werden natürlich die öffentliche Vorführung dieses unverschämten, unmoralischen Films verbieten. Und wenn dieses Weib weiterhin ähnliche Produkte einschickt – «
»Dann werden wir sie zu einer Geldstrafe von sieben Lire fünfzig verknacksen!« sagte der Präfekt mit unverhohlener Verachtung. »Signor Paoli, Sie hat Gott im Zorn zum Polizeibeamten gemacht. Natürlich werden wir nicht erlauben, daß das Zeug da zum Gaudium von ganz Genua in jedem Kino zu sehen ist.
Aber das Konfiszieren hilft uns doch nicht weiter. Fangen Sie die Person, Sie Stiefbruder der heiligen Hermandad, und erlauben Sie dann meinetwegen diesen Film und alle künftigen Films der Prinzessin Fantoche!«
»Das ist auch meine Ansicht!« sagte der Polizeikommissär von San Francesco. Der Commendatore warf einen kalten Blick auf ihn.
»Herr Depretis, Ihre Ansichten sind mir nicht weiter interessant. Sie werden Ihren Rapport zu Protokoll geben und das andere wird sich finden.«
Depretis wurde rot vor Aufregung. Er begriff, daß es sich in diesen Minuten um seine Karriere, sein ganzes Leben handelte. Das machte ihn kühn. Er sagte mit lauter Stimme: »Herr Präfekt, ich habe einen Bock geschossen und möchte daher gern verhindern, daß ein zweiter geschossen wird. Warum wollen Sie dem Kollegen Paoli nachgeben und diesen Film konfiszieren? Genua lacht schon heute über die Polizei und es handelt sich doch nur darum, wer zuletzt lacht. Aber das werden wir schon sein; diese Verbrecherin ist sicher sehr kühn und geschickt, aber sie hat einen Fehler: Sie erlaubt sich überflüssige Scherze, sie ist romantisch, sie spielt mit dem Feuer. Herr Präfekt, wollen wir das Feuer auslöschen, an dem sie sich über kurz oder lang die Finger verbrennen muß?«
»Hm!« sagte der Präfekt. »Weiter, lieber Depretis.«
Depretis atmete erleichtert auf. »Herr Präfekt, wenn wir jetzt diesen Film verbieten, packt die Dame einfach ihre dreiviertel Million zusammen und verduftet. Aber wenn wir diesen Film in jeder Straße von Genua aufführen lassen, wette ich mein Ritterkreuz gegen eine Tomate, daß das Weib aus Ehrgeiz eine Dummheit macht und sich verhaften läßt, während sie einen recht guten zweiten oder dritten Film dieser angenehmen Art fabrizieren will.«
Zappelnd und wütend drängte sich der kleine Paoli in den Vordergrund. »Nein, das ist ganz ausgeschlossen. Wohin sollen wir kommen, wenn die Kinos so einen Film aufführen dürfen? Da dürfte man in Zukunft gar nichts mehr konfiszieren!«
Depretis fuhr fort, ohne auf den Zensor zu achten. »Wenn diese verdammte Prinzessin, oder was sie ist, durchaus so großen Wert darauf legt, daß ihr lebendes Bild jedem Menschen in Genua und in ganz Italien eingeprägt wird – warum wollen wir ihr das Vergnügen rauben? Wir ersparen einen Steckbrief, wenn wir den Film freigeben.«
Der Polizeipräfekt trommelte mit den Fingern auf dem Tisch herum und dachte nach. Was der Unglücksmensch da sagte, das hatte Hand und Fuß. Vor allem aber: dem Minister Ghezzi konnte man die Filmaffäre doch nicht verheimlichen. Der ließ sich den Film bestimmt kommen und lachte sich tot darüber. Vielleicht konnte dem Minister ein Bluff imponieren. Er schrieb sowieso unter jeden Bericht: »Mehr Geist im Polizeibetrieb, mehr Freiheit, weniger bureaukratische Beschränktheit!« Der Commendatore sprang mit einem Ruck auf. Sein Beschluß war gefaßt.
»Depretis«, sagte er, »Sie können nicht mehr in San Francesco d’Albaro bleiben. Ich kann keinen Polizeikommissär brauchen, über den das ganze Stadtviertel lachen muß, wenn er sich auf der Straße zeigt.«
Der Cavaliere Depretis wurde bleich wie die Wand. Paoli, der ihm seinen Vorschlag nicht verziehen hatte, freute sich sichtlich. Der Präfekt weidete sich einen Augenblick an seiner Macht und sprach dann weiter: »Die Prinzessin Fantoche hat Ihnen einen bösen Streich gespielt; Sie müssen die Dame nicht wenig hassen. Gut, ich liebe es, wenn meine Beamten eine persönliche Ranküne gegen einen Verbrecher haben. Ich gebe Ihnen die Gelegenheit, sich zu rehabilitieren: nehmen Sie die Verfolgung der Bande auf. Und danken Sie Gott, daß Sie einen guten Einfall gehabt haben, der mich wieder an Ihre Fähigkeiten glauben läßt.«
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