Sein hoher Vorgesetzter sah ihn wütend an: »Sind Sie verrückt, Signor Negri? Haben Sie den Herren nicht klargemacht, daß ich heute weiß Gott etwas besseres zu tun habe, als mich um die Lappalien der Film-Zensur zu kümmern? Die Herren verbieten ja auch sonst alle guten Films, ohne mich zu fragen, warum gerade heute, wo ich die Affäre Ippoliti auf dem Halse habe? Sie sollen den betreffenden Film konfiszieren und gut!«
Der Commendatore Testaccia war kein besonderer Freund der Zensorpflichten, die er als Chef der Polizeibehörde auszuüben hatte. Ihn interessierte die Vebrecherjagd und nichts weiter.
Der Sekretär blieb stehen, obwohl ihm sein Chef Entlassung zuwinkte. »Ich bitte um Entschuldigung, Präfekt; aber der Cavaliere Paoli sagt, daß es sich gerade um die Affäre Ippoliti handelt!«
»Und das sagen Sie erst jetzt!« schrie der Präfekt in höchster Aufregung seinen armen Untergebenen an. »Herr! Das ist ja unglaublich!«
Schon hatte der cholerische alte Herr die Türe aufgerissen und rannte mit langen Schritten durch die endlosen Korridore des weitläufigen Amtsgebäudes. Er beachtete den ehrfürchtigen Gruß der Beamten und Schutzleute nicht, denen er begegnete, und sie sahen ihm erstaunt nach. So erregt hatte man den Gewaltigen schon lange nicht gesehen.
»Selbstverständlich verbieten«, sagte eine schrille Stimme, als der Polizeipräfekt die Tür des in eine Art behördlichen Kinotheaters umgewandelten Amtsraumes aufriß, in der der Filmzensor Paoli seines Amtes waltete. Paoli, ein kleines eingeschrumpftes Männchen mit einem farblosen Spitzbart und dem aschgrauen Gesicht, war augenscheinlich hochgradig wütend. Er grüßte seinen Vorgesetzten kaum, sondern schrie ihm, mit den zu langen Armen fuchtelnd, entgegen: »Herr Präfekt, wir haben da einen Film – der muß unbedingt verboten werden!«
Commendatore Testaccia maß den aufgeregten Zensor mit einem ironischen Blick. »Bezähmen Sie Ihre Leidenschaft noch ein bißchen!« sagte er kühl, »und sagen Sie mir lieber zuerst, warum ich Hals über Kopf zu ihnen kommen mußte? Doch nicht, um Ihnen einen mehr oder minder unmoralischen Film verbieten zu helfen?«
Der Zensor klappte unter der offenbaren Ungnade seines Chefs sichtlich zusammen. »Ich – ich bitte vielmals um Verzeihung, daß ich Sie bemühen mußte, Herr Präfekt. Aber – uns ist da ein Film zur Zensurierung eingereicht worden – man muß ihn konfiszieren selbstverständlich – es ist unerhört – es zeigt sich wieder, wohin man heutzutage gelangt – «
»Cavaliere«, sagte der Präfekt ruhig. »Ich sehe, Sie können keine klare und verständliche Meldung erstatten. Unsere Polizei hat viele Intelligenzen, die größten aber verwalten natürlich die Zensorstellen. Also, wenn Sie nicht vernünftig reden können, dann zeigen Sie schon einmal den fürchterlichen Film, obwohl mir heute gar nicht nach Kino zumute ist. Aber wehe Ihnen, wenn Sie mich umsonst belästigt haben!«
Während der arme Paoli ganz verdutzt zusammenhanglose Worte stammelte, wurde auf einen Wink des Präfekten der Raum verdunkelt, und ein als Operateur ausgebildeter Subalternbeamter setzte den Vorführungsapparat der Zensurstelle in Tätigkeit. Der Präfekt setzte sich auf einen Stuhl und starrte grimmig auf die weiße Wand, die aus dem Dunkel des großen, kahlen Zimmers hervorleuchtete.
Wie gewöhnlich erschien auf der weißen Fläche zuerst eine Art lebender Fabrikmarke. Es war eine nett gezeichnete Marionette, eine Frauenfigur, die einige tanzende Bewegungen ausführte und dann verschwand.
Der Präfekt nickte verständnisvoll mit dem Kopf. »Fantoche«, sagte er laut, ohne sich aber an Paoli zu wenden, »Fantoche bedeutet soviel wie Marionette. Ich hatte den Streich erwartet. Aber die Dame wird sich die Finger verbrennen; sie ist zu frech!«
Richtig, jetzt stand auf der weißen Wand in großen Buchstaben zu lesen: »Der erste Film der Prinzessin Fantoche: Die Geburtstagsüberraschung des Bankiers Ippoliti.«
Die Inschrift verschwand, und es erschien von der hellsten Rivierasonne beschienen, die Villa des Bankiers Ippoliti in San Francesco d’Albaro. Man sah das vergoldete Gittertor und dahinter die Palmen und Zypressen des herrlichen Parkes. Ein kleines, zweisitziges Auto erschien in rasendem Tempo vor dem Tor. Eine schwarz gekleidete Dame stieg aus und drückte auf den Knopf der elektrischen Torglocke. Ein Lakai erschien, öffnete das Tor und ließ die Dame ein.
Kaum war die Dame mit dem Lakaien im Hause verschwunden, als der Chauffeur der Voiturette abstieg und seine Kappe sowie seine große Autobrille abnahm, unter der aber nicht sein Gesicht, sondern eine schwarze Halbmaske zum Vorschein kam. Der Pseudochauffeur zog ein Bündel Dietriche aus der Tasche, öffnete das Tor und schlüpfte in den Park. Man sah, wie er sich in einer dichten Myrthenhecke unweit der Hauswand versteckte.
Und nun wechselte der Schauplatz. Man sah das Arbeitszimmer des Bankiers Ippoliti, und in greifbarer Deutlichkeit rollten sich die Szenen ab, die der Operateur der Prinzessin Fantoche am vorigen Tage aufgenommen hatte. Man sah den Bankier, der ungeschickt genug freudige Erwartung mimte, den Eintritt der »Prinzessin«, die Entlassung der Dienerschaft. Man sah den verlarvten Mann durch das Fenster klettern, sah, wie der Bankier gefesselt wurde, und bemerkte, wie er dabei ein heimliches Lächeln zu verbergen gesucht hatte. Dann folgte der freche Kassenraub. Ja, sogar die Abfahrt der beiden Verbrecher war aufgenommen worden. Mit wachsendem Erstaunen verfolgten die Anwesenden das Auto auf seinem Weg.
»Na«, sagte der Präfekt sarkastisch, »wenn die Heimfahrt der famosen Prinzessin ganz auf den Film gekommen ist, erfahren wir ja die Adresse. Aber Donnerwetter, was ist denn – «
Er sprang erregt auf, und das, was der Apparat eben auf die Wand projizierte, war wirklich seltsam genug.
Man sah, wie sich die Voiturette einem wenig einladenden Hause näherte. Es war, wie der Präfekt sofort erkannte, das Polizeikommisariat von San Francesco d’Albaro. Ein Polizeibeamter, der in voller Uniform von der Tür stand, winkte dem Chauffeur, und dieser hielt sofort das Auto an. Die tief verschleierte Dame beugte sich aus dem Auto und führte ein Gespräch mit dem Kommissär, der dabei freundlich lächelte, sich den Bart strich und den Schwerenöter zu spielen schien. Auch der Chauffeur beteiligte sich an dem Gespräch. Er nahm die Brille ab und zeigte auf seine schwarze Larve. Dann ging der Kommissär ins Haus hinein und kam mit einigen Polizisten wieder, die lachend ihre Säbel und Revolver zogen und scheinbar auf das kleine Auto eindrangen. Wie ein Blitz fuhr die Voiturette davon. Die Polizisten schossen ihre Revolver ab, der Kommissär rannte mit drohenden Gebärden ein Stück nach – und der merkwürdige Film war zu Ende.
»Licht!« sagte der Präfekt kurz.
»Man muß diesen Film unbedingt verbieten!« sagte der Zensor Paoli mit klagender Stimme.
Ohne auf ihn zu achten, ging der Präfekt zum Haustelephon, das an der Wand befestigt war, und rief seinen Sekretär an: »Hallo, Signor Negri! Hören Sie? Ist der Kommissär Depretis schon in der Präfektur? Gut, er soll sofort zu mir herüberkommen. Ja, in der Filmzensur!«
Wenige Minuten darauf stand der Polizeikommissär von San Francesco d’Albaro vor seinem Chef.
»Signor Depretis«, sagte der Präfekt streng. »Ich habe Sie in die Präfektur beschieden, um Ihren ausführlichen Rapport anzuhören. Aber vor allem sagen Sie mir, was bedeutet das?«
Er gab dem Mann am Projektionsapparat den Befehl, den letzten Teil des Films noch einmal vorzuführen. Es geschah, und dann zuckte das elektrische Licht wieder auf.
Der Cavaliere Depretis war rot wie ein Krebs und zitterte an allen Gliedern. »Herr Präfekt, ich sehe, ich habe eine furchtbare Dummheit gemacht! Aber wer konnte ahnen – – Ich kenne den Herrn Ippoliti genau, und er hatte mir telephonisch gesagt, daß nur eine Kinoaufnahme gemacht werden sollte. Und dann fuhren die Leute an mir vorbei, der Operateur auf dem Motorrad hinterdrein und da – und da – «
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