Wir standen lange in dieser Nacht, die Hände auf die Schildkröte gelegt, und redeten über die hoffnungslose Torheit des Menschen.
Ich hatte eine weiße Maske aufgelegt, mit rotem Mund und schwarzen Labyrinthen auf beiden Wangen. Die Augen hatten blaue Schatten, und die Brauen zeigten schräg nach oben.
Du sollst wissen, Yelü Chucai, alter Fuchs und schlaue Eule – der du am Fuße des Wan Shen ruhst, jenes Berges, nach dem du dich immer sehntest –, du sollst wissen, daß du recht hattest. Ich sage das jetzt, zu dir und zum Wüstenwind und mit einer Tuschfeder, die jedes Wort einfängt und es für die Zukunft festhält: Du hattest recht. Ich war der kleine Hund, von dem du sprachst. Ich unterwarf mich, wedelte mit dem Schwanz ... leckte Hände, die mich schlugen ... machte Männchen, um ein bißchen Liebe zu erhaschen, gab Pfötchen für einige kalte Brocken Zuneigung. Und die anderen: Auch sie müssen etwas gefühlt haben. Ich weiß, daß du recht hast ... wenn ich alle versperrten Gemächer in meinem Kopf öffne, wenn ich ein Licht entzünde und damit in all die alten, verstaubten Winkel leuchte ... dann erkenne ich, daß du recht hast. Denn die Liebe hat viele verkrüppelte Gestalten. Und etwas muß dagewesen sein ... etwas war da. Sonst wären all diese Räume heute leer, nachdem ich mich endlich wieder hineinwage. Aber Schatten, Namen, Teile von Bildern, halb verwischte Gesichter, die Erinnerung an einen Geruch, ein entferntes Echo von Stimmen (nicht so sehr die Wörter, mehr der Klang) ... das ist da – alles. Und ich kann es betrachten, drehen und wenden, sogar das meiste verzeihen ... was meine Geschwister betrifft. Kann sie verstehen. Wenigstens den Versuch machen. Aber die Mutter will ich möglichst vergessen. Die Tür zu ihrem Gemach in meinem Kopf wird verschlossen bleiben. Und den Schlüssel habe ich weggeworfen. Denn es war nicht nur das eine Mal ... und ich mußte immer tun, was sie sagten, immer tun, was sie wollten. Ich glaube zwar, daß auch sie keine Wahl hatte. Daß alles notwendig war und der einzige Ausweg. Ursprünglich könnte sie es so gesehen haben. Daß es so für uns alle das Beste war. Trotzdem möge sie in der Hölle braten. In alle Ewigkeit.
Ich denke an die Schildkröte.
Sie ist ebenso im Meer zu Hause wie an Land. Sie hat ein langes Leben. Mit ihren langsamen, unergründlichen Bewegungen verbinden wir Anfang und Ende aller Dinge, denken an die Schöpfung und an die Urkräfte, die nach wie vor wirksam sind. In großen Teilen Asiens gilt die Schildkröte als Symbol für das Unveränderliche, das, was sich nicht zerstören läßt. Oft können wir sie mit einem Elefanten auf dem Rücken abgebildet sehen, einem Elefanten, der seinerseits die ganze Welt trägt. Wir kennen sie auch gezeichnet als Kreis in einem Viereck. Der Kreis ist der Panzer – der Himmel –, das Viereck der Körper – die Erde. Doch selbst wenn sie auf diese Weise einen wandernden Hinweis auf den Kosmos darstellt, ist die Vorstellung Erde/Viereck stärker. Weil alles, was währt, alles, was verläßlich ist, mit dieser geometrischen Figur zu tun hat. Es gibt vier Jahreszeiten, vier Elemente und vier Himmelsrichtungen. Das ist konstant. Daran können wir uns halten.
Yelü Chucai – ich denke an deine Schildkröte.
Denn: Das aufzuschreiben ist genauso, als wollte man Sand mit beiden Armen auffangen. Du faltest die Hände und bildest einen Ring ... hebst ihn hoch ... doch nichts wird festgehalten – alles rinnt hindurch.
Und ich habe keine Schildkröte, um mich anzulehnen.
Als ich acht war.
Als ich acht Jahre ... alt war.
Ich lüge. Kein Wort ist wahr. Ich wurde in einem Schloß geboren. Mit drei Türmen und vierzehn bizarr geformten Spitzen. Meine Mutter war eine Prinzessin. Mein Vater war ein Ritter in glänzender Rüstung. Ich schlief in einem Seidenbett, und mein Kopfkissen war mit Daunen gefüllt. Ich hatte die besten Lehrer Europas. Die Musik, die ich schrieb, wird noch in tausend Jahren gespielt werden. Und meine Lieder werden niemals sterben.
Das rief ich dem Taubstummen zu. Ich begleitete ihn in die Sanddünen. Half ihm, Zweige und Wurzeln auszugraben. Trug ihm den Korb. Und rief und schrie dabei ununterbrochen. Und sein Lächeln wurde größer und größer. Während seine Augen immer erschreckter blickten.
Ich weiß: Die Leber macht mir wieder zu schaffen.
Fremder ... der du in die Höhle gekrochen bist, die ich noch nicht gefunden habe ... der du den Krug geöffnet hast, den ich noch nicht ausgewählt habe ... der du die Rolle liest, die ich noch nicht fertig geschrieben habe ... Welche Jahreszeit haben wir? Blühen die Jujube-Bäume? Ist der Mond noch genauso weit entfernt? Gibt es noch Schildkröten?
Ich weiß: Die Jahreszeiten werden aufhören. Eines Tages kann die Erde zu einer Eisscholle gefrieren oder wie ein Scheiterhaufen brennen. Die Jujube-Bäume können verwelken und sterben. Ihre Samen können unfruchtbar werden wie Steine. Der Mond kann ins Meer stürzen und ertrinken.
Aber zwei Dinge werden unverrückbar bestehen: die hoffnungslose Torheit des Menschen – und die Weltherrschaft der Mongolen.
Dies sind die einzig wirklichen Schildkröten, die ich gefunden habe.
Du sollst wissen – ich sage das ohne Genugtuung.
Ich sage nur: Von allen Tatsachen sind diese beiden die einzigen, nach denen wir uns richten müssen.
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