Ich sprach einmal mit Yelü Chucai darüber. Ich stand ihm nicht besonders nahe. Und trotzdem ... das wird mir jetzt klar ... ich glaube, wir konnten über fast alles miteinander reden. Nie tagsüber. Da war ich nur einer von vielen. Aber wenn er nicht schlafen konnte, kam es vor, daß er einen Boten nach mir schickte. Er wollte immer, daß ich mein Gesicht geschminkt hatte oder eine Maske trug. Er sagte, er könne dann besser zuhören ... Während dieser nächtlichen Gespräche gingen wir gewöhnlich ein Stück, jedesmal den gleichen Weg. Hinaus durch die östlichen Stadttore, die auf sein geliebtes Cathay wiesen – die Heimat, die er verließ, um sich Dschingis Khan und der Goldenen Horde anzuschließen. Ich erinnere mich an seine Stimme. Leise und klar. Und jeder Satz genauso sauber gedreht wie der Krug eines Töpfers. Wir gingen allein unter den Sternen. Während die Häuser um uns langsam zu Erdhütten wurden und die großen Jurten zu kleinen, schmutzigen Zelten schrumpften. Ich glaube, er fühlte sich frei genug, zu sagen, was er wollte. Und ich weiß, daß er von mir dasselbe glaubte. Aber ich habe vielen Herren gedient. Ich weiß, daß bei Tageslicht vieles anders aussieht. Und ich habe mir nicht nur angewöhnt, meine Zunge zu hüten, ich achte auch ängstlich darauf, was ich meinen Ohren zu hören erlauben kann. Denn was ein Herr seinem Diener vertraulich oder im Rausch sagt, kann den Diener am nächsten Tag den Kopf kosten. Ich weiß, daß Yelü Chucai über solche Dinge erhaben war. Ich weiß, daß er meine Vorsicht nicht verdiente. Doch wer einmal eine Maus gewesen ist, sieht auch an der ausgestreckten Hand Katzenklauen. Meine Aufgabe war, ihn zu zerstreuen. Seine Gedanken abzulenken von den unangenehmen Pflichten. Ihm Bilder zu geben, die ihn zum Staunen brachten. So blieb ich in der Rolle. Versuchte, zu steuern, so gut es ging. Übertrieb nie. Aber obwohl ich es nicht wagte, völlig ich selbst zu sein ... der Ernsthaftigkeit unserer Gespräche tat das keinen Abbruch. Denn auch innerhalb einer solchen Rolle besteht eine gewisse Freiheit. Und ich weiß ... wir hatten beide Freude an unserem Zusammensein. Aber ich will mich nicht wichtiger machen, als ich war. Das geschah nicht sehr oft. Vielleicht ein- oder zweimal im Monat. Daß wir so wanderten ... nächtens und allein ... durch das Karakorum der Mongolen. Den Nabel dieses Monstrums von einem Staat, an dessen Geburt er selbst beteiligt war. Den er jetzt mit seinem Herzblut säugte. Ein neugeborenes Weltreich, so groß, daß ein Mensch zwei Jahre benötigte, um von einer Grenze zur anderen zu gehen. Ich musterte den kleinen Chinesen neben mir. Auch er war ein Fremder. Nur der Khagan war mächtiger als mein Herr Yelü Chucai. Und was dachte er über mich? Was las er in meinem weiß geschminkten Gesicht? Fühlte er sich wegen mir weniger fremd? Weil meine Wurzeln noch weiter von dieser verblasenen Steppe entfernt lagen als die seinen? War ich eine Art Freundschaftsersatz? Oder war ich nur ein exotisches Geschöpf vom Ende der Welt? Ich brachte ihn jedenfalls zum Lachen ... wenn ich ihm erzählte, was wir aßen, wie wir uns kleideten, wie wir saßen und wie wir schliefen. Er wollte alles wissen, jede Kleinigkeit in den Bildern meiner Erinnerung. Ich merkte, daß es ihn oft verwirrte. Doch auf diese Verwirrung legte er Wert. Er sagte: »Dadurch bekomme ich neue Augen.« Und etwas später: »Wie reden die Hunde in deiner Sprache? Wie die Hähne?« Und wir kläfften und bellten uns an. Wir standen auf einem Bein und krähten, zuerst auf deutsche, dann auf chinesische Weise. Es waren helle Nächte ... Ich erinnere mich aber auch an die Nacht, in der ich die Bilder mit Schatten versah. Als ich nicht mehr über meine eigene Erniedrigung lachte. Ihm mißfiel es, daß ich nichts von meinen Eltern hielt. Daß mich die Blutsbande nicht stärker mit der Familie verknüpften. Für ihn war das so undenkbar wie ehrlos. Trotzdem verdammte er meine Haltung nicht. Sagte nur: »Ich sehe. Auch wenn es mir schwerfällt, mit deinen Augen zu sehen.« Wo die Häuser und Jurten endeten, blieben wir stehen – dort, wo wir immer umzukehren pflegten, bei der großen, sechs Meter langen Schildkröte aus Granit, die eine Säule auf dem Rücken trägt. Yelü Chucai liebte es, beide Hände auf den verzierten Panzer zu legen. Er konnte lange so stehen. Wortlos. In dieser Nacht wunderte er sich nur darüber, warum ich als Kind niemanden gehabt hatte, den ich liebte. Er sagte: »Kleine Hunde vergessen rasch. Sie lecken die Hand, die sie gerade noch geschlagen hat. Bis sie lernen zuzubeißen, vergeht einige Zeit.« Schließlich erzählte ich ihm von Regine, meiner ältesten Schwester, die starb, als ich sieben war. Regine war zwölf. Sie war groß und schlank und glich einem Jungen. Sie arbeitete bei einem Bäcker. Jede Nacht schlief sie in seinem Keller. Um Ratten und Mäuse vom Mehl fernzuhalten. Heute ist auch ihr Gesicht für mich verwischt. Am besten erinnere ich mich an ihre Schürzentaschen. In denen immer Kuchenkrümel waren. Ich glaube nicht, daß sie sich mehr um mich kümmerte als die andern. Aber zu Hause war es eng – und Regine freute sich über Gesellschaft. Sooft ich konnte, schlich ich mich nachts fort und hinunter zu ihr in den Keller. Sie brachte mir das Zahlenschreiben bei. Sie brachte mir bei, wie man zusammenzählt und abzieht. Ich kannte niemanden, der Lesen und Schreiben beherrschte ... Eines Nachts kam der Bäcker hinunter in den Keller. Ich versteckte mich. Er war betrunken und entdeckte mich nicht. Er suchte Regine. Ich wollte schreien, als er seinen schweren Körper auf sie wälzte. Doch Regine blieb ruhig liegen und bedeutete mir, den Mund zu halten. Er schlief ein, bevor er ihr etwas tun konnte. Danach wollte Regine nicht mehr, daß ich sie besuche. Und sie hörte auf, mit mir zu reden. Ich schaute Yelü Chucai an. Verzerrte den rot geschminkten Mund zu einem Grinsen. »Soll ich noch mehr erzählen? Ich hatte noch fünf Geschwister ...« Und ich nannte sie beim Namen: Carl, Oswald, Heinrich, Christine, Maria. Ich erzählte, daß ich zu schwach gewesen sei, um Bretter zu tragen, um beim Be- und Entladen der Schleppkähne zu helfen wie meine anderen Brüder. Daß ich nie so gut betteln konnte wie Christine und Maria, weil ich stotterte, und wenn überhaupt jemand die Tür öffnete, erschrak ich so, daß ich alles auf einmal hervorsprudelte und keiner verstand, was ich sagte. Ich fand es normal, daß mich die andern herumschubsten und mir meine Sachen klauten. Es schien so sein zu müssen, daß mich meine Brüder schlugen und traten. Denn ich hatte das Gefühl, zu nichts nütze zu sein. Nur ein hungriger Mund mehr zu sein. Und meine Brüder mußten sich oft mit den anderen Jungs wegen meiner Mutter prügeln. Sie wurden geneckt und mußten sich häßliche Wörter anhören. Und weil die andern immer mehr waren, mußten sie früh lernen, Prügel einzustecken. Wenn ich an sie denke, habe ich nicht ihre Gesichter vor mir, ich sehe nur Nasenbluten. Schürfwunden und geschwollene Lippen. Und da war es naheliegend, daß sie mich packten, wenn sie nach Hause kamen ... Mich, den Tagedieb, mich, den Einzelgänger ... mich, den Schlappschwanz. All das schilderte ich Yelü Chucai. Und ich erzählte auch, wie mich die Mutter einmal bat, dabei zu sein ... wie ich draußen warten mußte, im Schatten der Treppe ... bis sie mich rief ... und ich kam ins Zimmer zu ihnen, und Mutter sagte, ich solle mich ausziehen und mich zwischen sie legen ... weil der, bei dem sie war, es so wünschte. Und ich erinnere mich, daß sie weinte, und ich erinnere mich an meine eigenen, verwirrten Gefühle ... wie sich die Demütigung mischte mit der Freude, daß sie mich endlich brauchen konnte. Ich erinnere mich, daß ich versuchte, sie zu trösten. Daß ich alle beide trösten wollte. »Muß ich mehr erzählen?« Yelü Chucai schüttelte den Kopf. Strich mit der Hand über die große steinerne Schildkröte und starrte in die Dunkelheit. Einen Augenblick bereute ich es. Hatte ich zuviel gesagt? Und außerdem: Wie klein und unbedeutend mußte sich das für ihn anhören, verglichen mit dem Grauen, das er in einem langen Leben gesehen hatte ... oder besser: mit dem Grauen, das ich selbst gesehen – und erlebt hatte, später, als Erwachsener! Aber nach einer Weile schüttelte er wieder den Kopf – und ich kann immer noch den Schrecken in seiner Stimme hören, als er sagte: »Du hast keinen gekannt, der lesen und schreiben konnte?« Zuerst meinte ich, falsch gehört zu haben, aber er legte eine Hand auf meine Schulter und fuhr fort: »Du kommst weder aus der Wüste noch aus dem Gebirge. Du kommst aus einem Teil der Welt, wo man große Tempel und Paläste baut. Wo man wie die Esel schreit und sich wegen des Erreichten brüstet. Wo man überzeugt ist, vom einzig wahren Gott auserwählt zu sein. Und du behauptest, daß du keinen – überhaupt keinen – kanntest, der Lesen oder Schreiben beherrschte?« Für ihn war das das Schrecklichste von allem ...
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