In der dritten Klasse wird es noch schlimmer. Dann darf man nicht rauchen, und in der vierten dürfen die Mädchen keine Shorts tragen, wenn es auch noch so warm ist. Ja, echt wahr! Und tatsächlich war es Arne Andersson. Oder Arne Schmidt, wie er früher hieß. Oder Arne von Schmidt. So heißt er wirklich, hat er früher behauptet. Arne und ich sind zusammen in die Vorschule gegangen, als wir sechs Jahre alt waren. Und Arne hat mir mal geholfen, ein Monster zu befreien, das im Büro von unserer Lehrerin eingesperrt war. Das war früher in der Vorschule. Dann ist er verschwunden. Und jetzt, in der zweiten Klasse, war er also plötzlich wieder da. Mit den selben dunklen Locken und mindestens genauso vielen Sommersprossen. Aber lang wie eine Lauchstange war er geworden, Arne Andersson von Schmidt.
Arne wohnt sehr weit weg, nicht mehr in dem gelben Haus am Marktplatz, wo er früher gewohnt hat, als wir noch in die Vorschule gingen. Er ist der einzige aus unserer Klasse, der mit dem Schulbus zur Schule kommt.
»Wohnst du immer noch in Stockholm?« fragte Janna, und Linda kicherte so, daß sie nur noch auf einem Bein stehen konnte.
»Leider nicht«, sagte Arne. »Bis Stockholm sind es ja fünfhundert Kilometer.«
»Aber das wißt ihr wahrscheinlich gar nicht«, sagte Jorma.
»Ihr seid ja noch nie in Stockholm gewesen.«
Jorma hält zu Arne, egal, was Arne tut.
»Ich bin doch schon mal in Stockholm gewesen. Im Tierpark mit meiner Oma«, sagte Janna und plusterte sich auf.
»Das kann ich mir vorstellen, da paßt du genau hin. Zu den affen«, sagte Arne lachend. Er hat auf fast alles eine Antwort.
Gestern hat unsere Lehrerin gesagt, wir sollen besonders nett zu Arne sein, weil er doch neu in der Klasse ist, aber heute sah sie aus, als ob ihr das wieder leid täte.
Arne kennt fast alle, und als es heute nach der großen Pause klingelte, da hat er sich was Lustiges einfallen lassen.
Das hat er in Stockholm gelernt.
Wir gingen nicht in den Klassenraum wie sonst, sondern hüpften alle in einer Reihe auf einem Bein. Aber unsere Lehrerin fand das überhaupt nicht witzig.
Sie fragte uns ziemlich ärgerlich, was wir uns dabei gedacht hätten, so ins Klassenzimmer zu hüpfen. Aber niemand antwortete ihr. Dann fragte sie, wer sich das ausgedacht hätte, und da antwortete auch niemand. Da fragte sie Linda, die ihr am nächsten stand, ob sie etwas von diesem Gehüpfe wisse. Linda schüttelte ängstlich den Kopf.
Aber Maria Magnusson sagte: »Das war doch noch gar nichts. In Stockholm machen sie das jeden Tag.«
Einen Augenblick war es still. Dann guckte Frau Svensson auf ihren Goldring und sagte: »Was für ein Glück, daß wir in unserer netten kleinen Stadt wohnen, wo man sich auch benimmt wie in einer netten kleinen Stadt.«
Das gefiel Linda so gut, daß sie Beifall klatschte, und das tat sie eine ganze Weile.
Um drei Uhr war die Schule erst aus, und da war es schon fast dunkel.
»Es ist ungerecht«, sagte Janna, »daß es im Winter in Schweden so selten hell ist.«
»Und wenn es schon mal hell ist, ist man in der Schule«, sagte Maria Magnusson.
»In Stockholm war es den ganzen Tag dunkel«, sagte Arne.
»Wirklich«, sagte Jorma, »stimmt das?«
»Jedenfalls wenn man in der Untergrundbahn ist«, sagte Arne.
Wir wurden ganz still. Ich glaub nicht, daß jemand aus meiner Klasse jemals mit der U-Bahn gefahren ist. Einige sind mit der Berg-und-Tal-Bahn in unserem Vergnügungspark gefahren, der heißt Liseberg. Aber da ist es nicht dunkel. »Wie viele Male am Tag bist du mit der U-Bahn gefahren, Arne?« fragte Krille.
»Zweimal«, sagte Arne. »Manchmal fünfmal. Kam ganz darauf an, wer an der Sperre saß. Oh, da kommt mein Bus. Tschüs.«
Arne sprang in den Schulbus und drehte sich nicht mehr nach uns um, als der Bus abfuhr. Das war auch gut so. Fast die ganze Klasse stand mit offenem Mund da.
»An der Sperre«, sagte Jorma bewundernd.
»Was heißt das schon, an der Sperre«, sagte Linda mit piepsiger Stimme.
Ja, das möchte ich wirklich wissen. Als ich mit Papa zusammen Mittag aß (braune Bohnen, erinnert mich bloß nicht daran!), fragte ich ihn, was das mit der Sperre bedeutete.
»Hum«, machte Papa. Er blätterte gerade in einer Zeitschrift, in der Stockrosen abgebildet waren. Im Frühling wollte er Stockrosen in unserem Schrebergarten pflanzen. »Aha«, sagte ich, »Sperre ist also so was wie hum. Sehr interessant!«
»Hum«, machte Papa wieder.
Meine Mama sagt, daß man beim Essen nicht lesen darf, außer man ißt ganz allein. Aber mein Papa hat das noch nicht begriffen. Vielleicht denkt er aber auch, daß es kein Lesen ist, wenn er sich ein paar alte Rosen anguckt.
»Was ist eine Sperre, Papa?« fragte ich.
»Hum«, machte er, »hum, hum.«
»Sperre!« schrie ich.
»Hum ... hum, hum«, machte Papa.
Da stand ich auf und sagte: »Papa, gibst du mir bitte fünfhundert Kronen, damit ich mir ein Seeräuberschiff Marke Playmobil kaufen kann?«
»Bist du verrückt«, sagte Papa blitzschnell. »Woher soll ich fünfhundert Kronen nehmen, und du hast doch noch nicht mal Geburtstag!«
»Ich wollte nur wissen, ob du noch lebst«, sagte ich.
Papa schüttelte den Kopf. Ich stellte meinen Teller in das Spülbecken und überlegte, ob ich nicht lieber an der Sperre sitzen wollte statt Hirnchirurg zu werden. Oder Schwimmlehrerin. Oder Delphinzähmerin. Ich weiß nicht, aber wenn ich mal heirate, dann will ich einen Mann haben, der gut hören kann.
Als wir heute aus der Schule kamen, stand der Schulbus schon da und brummte. Der Schneehaufen auf dem Bürgersteig war kaum zu sehen vor lauter Abgasen.
Das würde dem Hausmeister nicht gefallen.
Aber Busfahrer haben vermutlich keine Angst vor Hausmeistern, denn der Fahrer saß ganz ruhig da und las in einer Zeitung.
Hinten im Bus saßen einige aus der Sechsten und schliefen mit offenem Mund, und die Türöffnung war verstopft von den Erstkläßlern, die gerade einsteigen wollten. Das muß schon besonders schlimm sein, wenn man Erstkläßler Und auch noch vom Lande ist.
»Die warten wohl nur noch auf dich«, sagte Jorma bewundernd und versetzte Arne einen Stoß in die Seite.
Aber Arne warf nur einen verächtlichen Blick auf den Bus und warf seinen Rucksack in die Luft.
»Oh, ich glaub, ich fahre heute nicht nach Hause.«
»Was, was, was, bist du verrückt?« piepste Linda. »Was sagen denn deine Mama und dein Papa? Und der Busfahrer. Und Frau Svensson? Beeil dich und steig ein, Arne.«
Sie war so nervös, daß sie sich in die Handschuhdaumen biß.
»Hat jemand Lust und macht mit? Irgendwas Lustiges?« fragte Arne und hob seinen Rucksack mit einem Fuß hoch. »Ja, ja, ja!« schrien mehrere, meistens Jungs.
Der Fahrer faltete die Zeitung zusammen und steckte sie hinter die Sonnenblende oben an der Windschutzscheibe und fuhr los.
»Aber ich muß zu meiner Tagesmama«, sagte Krille.
»Und ich ins Freizeitheim«, sagte Jorma enttäuscht.
»Ich muß nach Hause, essen«, sagte Maria Magnusson.
Arne guckte niemanden an. Er ging langsam los.
»Entscheidet euch!« rief er über die Schulter.
Alle redeten durcheinander. Ich hatte es fast am besten, denn ich hab keine Tagesmama und kein Freizeitheim, und auf mich wartet niemand mit dem Essen. Ich hab einen eigenen Schlüssel und kann machen, was ich will. Das kommt daher, daß mein Papa immer irgendwann nach Hause kommt, wenn er die Post ausgetragen hat, und dann kann ich auch wieder nicht machen, was ich will.
In dem Augenblick kam Roberta Karlsson. Sie ging an mir vorbei, und ich dachte schon, sie hat mich nicht gesehen, da haute sie mir einen großen Atlas auf den Kopf und sagte: »Komm nachher zu mir, Mimi. Ich bin allein zu Hause. Wir können Popcorn machen.«
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