Nun kann Ulv es kaum erwarten, dass sie losfahren.
Der Weg ist weit und sie müssen am Tag vor dem Markttag frühmorgens aufbrechen. Die Nacht werden sie bei Verwandten unterkommen, die am Weg wohnen.
Schon lange vor dem Morgengrauen hat Bengt die Pferde vor den Wagen gespannt. Auf dem Markt wollen sie zwei Schweine, drei Schafe und zwei Kälber verkaufen, es wird also eng werden auf dem Karren. Die Kälber müssen hinterhertrotten, festgebunden mit einem Seil.
Anneli hilft Ulv und Bengt, die störrischen Tiere auf den Wagen zu treiben. Und auch der Hund Ville tut, was er kann. Doch Ville ist jetzt schon recht alt und steifbeinig. Die Schweine quieken laut. Sie würden lieber hier bleiben und auf dem Hof herumwühlen. Ulv tun sie Leid. Ihre Schreie schneiden ihm ins Herz. Und die Kälber und Schafe, mit denen er gespielt und herumgeschmust hat! Bald wird er sie nicht mehr sehen. Er spürt einen Kloß im Hals, sobald er daran denkt, dass er sich von ihnen trennen muss.
Als er noch jünger war, schrie er mit den Schweinen um die Wette, wenn Bengt sie auf den Karren lud. Doch er hat gelernt, dass es nichts hilft. Die Tiere müssen verkauft werden. Müssen geschlachtet werden, damit man Nahrung hat. Jahr für Jahr ...
»Hoch mit dir, Junge!«
Alles ist aufgeladen. Bengt knallt mit der Peitsche. Ulv schluckt die Tränen hinunter und klettert auf den Wagen. Er denkt stattdessen an das Abenteuer, das ihn erwartet. Alles ist spannend und traurig zugleich.
Als der Karren zum Weg hinaufrollt, hockt er zwischen den Schafen und Schweinen auf der Ladefläche. Anneli aber bleibt auf der Treppe zurück und hört das Klappern der Hufe leiser werden.
»Vergiss nicht den Topf und den Kleiderstoff!«, ruft sie, so laut sie kann.
Bengt hebt die Peitsche zum Zeichen, dass er verstanden hat. Salz, Stoff und einen Kochtopf wird er mitbringen. Doch in seinem Herzen trägt er einen heimlichen Traum. Gar zu gern möchte er sich eine neue Geige kaufen ...
Die alte ist stumpf gespielt und verbraucht. Die Saiten hat er aus Biberdärmen gedreht. Er weiß, dass man in der Stadt neue Geigen kaufen kann. Sie kosten viel Geld, doch ganz unten in der Tasche hat er einen Spargroschen versteckt.
Und die Tiere, die er mitgenommen hat, wird er sich gut bezahlen lassen.
Ulv hat auf dem Wagen alle Hände voll zu tun, um die Tiere ruhig zu halten, damit sie sich nicht losreißen, denn auf dem Weg um sie herum herrscht viel Betriebsamkeit. Je mehr sie sich der Stadt nähern, desto größer ist das Gedränge von Menschen und Tieren.
Ulv hat sich niemals vorstellen können, dass es so viele Menschen auf der Welt gibt! Ihm, der an die Stille und Ruhe daheim gewöhnt ist, wird fast schwindlig. Erschöpft hockt er sich ein Weilchen zu den Schweinen ins Heu.
Doch plötzlich springt er wieder auf und reibt sich die Augen. Dort drüben läuft ein silberfarbenes Fohlen! Oh ...
Nie zuvor hat er etwas so Schönes gesehen.
Er springt vom Wagen, um zu dem Fohlen zu laufen, doch Bengt ruft ihn barsch zurück: »Wir müssen hier vom Weg abbiegen, denn hier liegt der Hof, auf dem wir übernachten.«
Der Bauer auf dem Hof ist Gertruds Bruder. Neugierig mustert er Ulv und zieht ihn am Schopf.
»Aha, das ist also dein Junge mit dem Finnenmädel, das du im Wald gefunden hast.«
Bengts Miene verfinstert sich. »Lass den Jungen los«, sagt er.
Aber der Alte gibt keine Ruhe.
»Du hättest reich heiraten sollen, ein Mädchen aus dem Dorf. Das wäre besser gewesen. Kommt jetzt rein, das Essen steht auf dem Tisch.«
Das Haus ist nicht groß. Ulv muss im Stall übernachten. Es dauert einige Zeit, ehe er einschlafen kann, denn die Gedanken drängen sich in seinem Kopf. Was hat der Alte über Mutter gesagt? Dass sie das Finnenmädel sei, das Vater im Wald gefunden hat?
Endlich fällt er doch in den Schlaf.
Er glaubt, er reite auf einem Silberpferd über ein Moor, überall Sumpf und fette, grüne Kröten.
Doch die Hufe des Pferdes tragen ihn hoch hinauf zu den Wolken ...
Die Nacht scheint kurz, wenn man müde ist. Ulv muss aufwachen. Sein Kopf schmerzt und das Heu sticht durch die Kleider. Zwei Hühner gackern und zerren neugierig an seinem Hemd.
Die Träume versinken.
Schlaftrunken setzt er sich auf. Wo ist er?
Dann erinnert er sich ... Es ist ja Markttag! Er jagt die Hühner beiseite und klopft Heu und Späne von sich ab. Im Haus wartet ein Topf mit heißer Mehlsuppe.
Als die Sonne über die Waldwipfel steigt, rattert der Karren weiter auf die Stadt zu.
Der hohe Kirchturm ist schon im Morgenlicht zu erkennen.
Kurz darauf sind sie am Ziel!
Ulv rutscht vom Wagen. Was für ein Lärm hier herrscht! Lachen und Rufen. Gewieher und Gebrüll. Gackern und Blöken.
Und dann die vielen Häuser! Dass es so viele Häuser an einem Ort geben kann!
Hoch über die Dächer ragt der Turm der Kirche. Er ist noch viel höher, als er sich vorgestellt hat. Ulv bricht sich fast den Hals, als er zu dem goldenen Hahn hinaufsehen will, der oben auf der Kirchturmspitze glitzert.
Doch plötzlich ...
Verzaubert blickt er direkt in ein Paar große, braune Augen. Fühlt ein Maul, weich wie Moos, an seiner Wange!
Das schöne Silberfohlen steht dort vor ihm. Das schöne Fohlen, das im Traum ihm gehört hat!
Vertrauensvoll schleicht er noch näher heran. Streichelt das weiche Fell. Oh, wenn das schöne Fohlen doch ihm gehören würde, auch in Wirklichkeit!
»UUUULLLV!«
Bengt ruft ihn.
»Steh nicht da und träume! Du musst mir mit den Tieren helfen.«
Der Handel verläuft gut. Schon bald sind alle Tiere verkauft. Bengt hat mehr Geld dafür bekommen, als er zu hoffen gewagt hatte.
Erst will ich mir im Wirtshaus einen Krug Bier gönnen, denkt er zufrieden. Und dann freue ich mich darauf, dem Jungen die Stadt zu zeigen. Doch wir müssen auch die Besorgungen erledigen. Zuallererst Salz, dann den Topf und den Kleiderstoff.
Am meisten aber denkt Bengt doch an die Geige, die er kaufen möchte. Er will sich genügend Zeit zum Aussuchen nehmen und sie richtig ausprobieren. Unruhig presst er die Münzen in seiner Tasche. Hoffentlich reichen sie! Er darf nicht zu viel Bier trinken.
Rasch bahnt er sich einen Weg über den Markt. Ulv stolpert widerstrebend hinterher. Der Markt lockt ihn nicht länger. Er wäre lieber bei dem Fohlen geblieben.
Nicht einmal die Alte kümmert ihn, die Honigzeug verkauft. Und nicht der zahme Bär, der dort gehorsam vor dem Stock des Bärenbändigers tanzt.
Bengt bemerkt nichts von alledem. Er lässt sich im Wirtshaus nieder und bekommt seinen Krug Bier. Und noch einen. Ist ein wenig berauscht und wird schläfrig. Kurz darauf schnarcht er, den Kopf an die Wand gelehnt.
Da ...
Flink schleicht sich Ulv davon. Er vergisst seine Angst vor all dem Neuen. Geschmeidig wie ein Wiesel huscht er zwischen seidengekleideten Damen und Herren in Lacklederschuhen und Hut hindurch.
Eine zu Tode erschrockene Gans flattert kreischend vor seinen Füßen auf. Er stolpert. Kippt einen Korb mit goldgelben Äpfeln um, die nach allen Seiten rollen. Dann fällt er über einen Stoß Birkenholz, landet aber weich im Bettstroh des Alten, der es zum Verkauf anbietet.
Benommen setzt er sich auf.
Wo ist er?
Hat er sich verirrt? Die Häuser hoch über ihm sehen so gleich aus. Die Straßen erstrecken sich in alle Richtungen. Welchen Weg sind Vater und er gekommen? Es ist so viel schwieriger, sich hier zurechtzufinden, als daheim im Wald.
Da entdeckt Ulv die Alte mit dem Zuckerzeug. Und dort ist der Tanzbär! Dann ist er richtig gelaufen.
Jetzt sieht er den Kirchhahn, der von der Turmspitze herunterguckt. An der Kirche sind Vater und er vorbeigegangen, daran erinnert er sich.
Ja, dort! Endlich! Da hinten steht eine Reihe Wagen. Dort müssen sie ihren auch abgestellt haben.
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