Oligarchen, Scheichs, Investoren und nicht zuletzt der deutsche Gebührenzahler pumpen Milliarden in den Fußball. Die europäischen Klubs verdienten 2014 16 Milliarden Euro, davon kam eine Milliarde von Sponsoren. Das sind gigantische Summen, aber verglichen mit dem, was die großen Sportarten in den USA umsetzen, ist das immer noch lächerlich. Doch wird man sich weiterhin bemühen, an der Schraube zu drehen. Eher früher als später wird der Tag kommen, an dem ein Messi oder Ronaldo so viel verdient wie ein kleines Drittweltland.
Hierzulande ist der Fußball als Unterhaltungsangebot konkurrenzlos. Kein anderes einheimisches Produkt erreicht diese Qualität. Weder Musik noch Literatur und schon gar nicht Film oder Fernsehen sind auf der Höhe der Zeit. Zwar gibt es auch hier löbliche Ausnahmen, aber es erstaunt immer wieder, wie konsequent man in die Realität zurückgeholt wird. Läuft mal irgendwo ein leidlich kompetentes Stück Fiktion, dann werden sofort unzählige Reality-Checks durchgeführt, so als ob die Wirkung des Märchens von Frau Holle davon abhängt, ob es tatsächlich eine alte Dame gibt, die da oben in den Wolken ihre Bettwäsche ausschüttelt. Und damit man am Ende auch jeglichen Spaß verliert, gibt’s als „Sahnehäubchen“ eine Diskussionsrunde oben drauf, in der dann all diejenigen, die den Karren in der Realität gegen die Wand gefahren haben, noch mal den Zeigefinger rausholen dürfen, um zu erklären, wie bedeutsam das alles ist. Da hat der gewöhnliche Eskapist wenig zu lachen. Zum Glück gibt es den Fußball, als eine Möglichkeit, sich wenigstens zeitweise aus der Realität zu beamen und dort auf all die Schurken zu treffen, die so wundersam die Hoffnungen und Ängste des Alltags verkörpern. Fußball mag vielleicht sinnlos sein, aber er hilft auf jeden Fall dabei, viel von den sonstigen Sinnlosigkeiten zu ertragen.
Der Fußball in der Literatur
Aber der Fußball erzählt nicht nur Mythen, die manchmal auf geradezu beängstigende Art und Weise identitätsstiftend sind, er hilft auch, Lebensgeschichten zu organisieren. Irgendein kluger Mensch hat mal gesagt, dass sich das Leben von Menschen in Sieben-Jahres-Schritten ändert. Wenn das stimmt, dann ist bei jeder neuen Windung des Lebensweges eine Fußball- oder Europameisterschaft nicht fern. So etwas hilft, der Biografie Struktur zu geben.
Nicht erst seit dem Weltmeistertitel gehört der deutsche Fußball zu den wenigen Produkten der einheimischen Unterhaltungsindustrie, die weltweit nachgefragt werden. Bücher über die Bundesliga erscheinen auch auf Englisch und werden dort offenbar auch gekauft. Dass es in England mittlerweile einige Jürgen-Klopp-Biografien gibt, sollte nicht überraschen, allerdings ist es bis jetzt nur ein Gerücht, dass jeder Fan des FC Liverpool pro Jahr mindestens ein Exemplar einer Kloppo-Lebensbeschreibung erwerben muss.
Auch wenn Fußballfans bei den Publikumsverlagen im Ruf stehen, eigentlich eher selten Bücher zu lesen, hält das die Vertreter der schreibenden Zunft nicht davon ab, ihre Liebe zum runden Leder öffentlich zu machen.
Schon früh von Journalisten wie Hanns Joachim Friedrichs ermutigt, äußerten sich Großschriftsteller wie Walter Jens wohlwollend. Und dass der Profi Günter Netzer, durch dessen Karriere sich von Anfang bis zum Ende ein deutlich erkennbares kaufmännisches Credo zieht, in der Öffentlichkeit als libertärer Freigeist wahrgenommen wurde, sozusagen als Stutzen tragende Stilikone der Brandt-Jahre, hat zuvorderst mit der Bewunderung für ihn in der schreibenden Zunft zu tun. Peter Handke und „Die Angst des Torwarts beim Elfmeter“ scheint es schon ewig zu geben, wobei sich auch bei längerem Nachdenken nicht erschließt, warum es ausgerechnet der Torwart ist, der Angst haben sollte. Der Schütze hat doch viel mehr zu verlieren. Wenn Peter Handke das nicht glaubt, kann er ja mal Uli Hoeneß nach Belgrad fragen.
Im Mutterland des Fußballs veröffentlichte Nick Hornby 1992 „Fever Pitch“ und sorgte somit dafür, dass sich junge Männer nicht mehr dafür schämen mussten, auch als Erwachsene Kinderträumen nachzuhängen. Und das Vollkleben von Sammelalben – eigentlich eine Beschäftigung, die nur wenig cooler ist als Briefmarkensammeln – war nun eine Tätigkeit, der ohne jede Scham nachgegangen werden konnte. Natürlich sind hiesige Literaturen inzwischen längst nachgezogen, wobei auffällt, dass die Geschichten vorwiegend aus der Fanperspektive erzählt werden, was dann dazu führt, dass literarisch versierte Anhänger zumindest auf dem Papier ihren Verein größer machen können, als er tatsächlich ist. So ist am Himmel der Popliteratur der VfL Bochum ein Stern erster Größe, ein Eindruck, der sich beim Blick auf die Tabellen der ersten beiden Bundesligen nicht unbedingt bestätigt.
Und trotzdem es noch nie so viel Fußball im Fernsehen auf den verschiedenen Kanälen gab, bleibt die Bundesliga auch im Stadion attraktiv. In der ersten Liga liegt die Auslastung der Arenen bei 90 Prozent, in der zweiten immerhin bei 60. Selbst bei Spitzenspielen in der 3. Liga kommen bis zu 30.000 Zuschauer.
Ein ewiger Jungbrunnen
Für das Fernsehen ist der Fußball sowieso so etwas wie ein ewiger Jungbrunnen. Das kann man ganz wörtlich verstehen. Der Medienexperte Hans-Peter Siebenhaar sieht die Fußballware für die öffentlich-rechtlichen Anstalten sogar als „Beta-Blocker“, weil er zu den wenigen Sendungen gehört, mit denen jüngere Zuschauer erreicht werden. Bei Spitzenspielen sind die Einschaltquoten (fast) so hoch wie Wahlergebnisse in Nordkorea, und obwohl die Zahl der übertragenen Fußballspiele immer weiter steigt, lässt das Interesse nicht nach. Selbst am Radio lauschen bei großen Spielen Millionen.
Darüber hinaus sorgt der anhaltende Boom für eine umfassende Professionalisierung. Trainer haben ganze Stäbe von Assistenten, Spieler statt einem Berater ganze Firmen und dort, wo früher bei einem Trainingslager Frau Brettschneider aus dem Sekretariat bei einer Pension in Österreich angerufen hat, um zu fragen, ob noch was frei ist, organisiert nun eine Full-Service-Agentur das ganze Trainingslager mit allem Drum und Dran, Testspiele mit Wunschgegnern inklusive.
Béla Réthy
Man könnte meinen, beim Fußball handelt es sich um eines der wenigen Wachstumsphänomene, die wirklich funktionieren. Wie eine große Welle hebt er alle, die mit ihm verbunden sind, auf immer neue Höhen und führt sie glücklichen und wohlhabenden Zeiten entgegen.
Mit einer Ausnahme: den Reportern. War früher das Nörgeln und Kritteln ein Hobby, dem Fußballfans eher im privaten Kreise nachgingen, so ist das Reporter-Bashing heute zum allumfassenden Volkssport geworden. Nun mussten Reporter schon immer mit Kritik leben. Es soll sogar Sportreporter geben, die der wöchentlichen TV-Kritik in der SportBild entgegenfiebern wie Fußballer ihren Kicker- Noten. Doch die kam früher vorwiegend aus den Printmedien und war auch alles andere als zimperlich, wie Bezeichnungen als „Duzmaschine“ (Waldemar Hartmann), „Der Mann mit dem Notstandslächeln“ (Karl Senne) oder „Schulmeister mit Intellektuellenglatze“ (Bernd Heller) zeigen. Hin und wieder gab es aber auch mal ein Lob – und das tat dann doppelt gut, denn nicht wenige Sportjournalisten leiden darunter, dass Kollegen, die in den „wichtigen“ Ressorts arbeiten, in ihnen so etwas wie Mitarbeiter der Spielwarenabteilung sehen.
Reporter-Bashing
Heute bieten viele Zeitungen und Zeitschriften auf ihren Webseiten Filmchen an, in denen sich Printjournalisten auch als Kommentatoren versuchen – was möglicherweise dazu beigetragen hat, dass die Urteile etwas weniger vernichtend ausfallen. Aber dafür ist in den sozialen Netzwerken die Hölle los. In Anlehnung an die Liverpooler Vereinshymne kann man Reportern zurufen: „You’ll never talk alone!“ Jedes Statement wird kommentiert und analysiert. Jeder Fehler hat gute Aussichten darauf, umgehend geteilt und somit für immer gespeichert zu werden. Darüber hinaus hat sich mittlerweile eine ganze Branche darauf spezialisiert, Bemerkungen und Anekdoten grafisch interessant aufzupeppen, in der Hoffnung, dass der entsprechende Clip viral geht und so dem Schöpfer zu seinen fünfzehn Minuten Ruhm verhilft.
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