Es entstand eine Pause. Endlich frug Erich von Wölsick halblaut: „Wo ist sie denn hin?“
„Hierher, nach Berlin! Du kannst ihr jeden Tag auf der Strasse begegnen.“
Er zuckte zusammen.
„Sie hat eine Verwandte hier!“ fuhr die Geheimrätin fort. „Ein altes Fräulein von Kritzing, die Vorsteherin einer höheren Mädchenschule. Bei der hat sie eine Stelle als Sekretärin inne, sitzt tagsüber im Bureau und führt die Korrespondenz mit Eltern und Schulbehörden und was weiss ich und wohnt auch dort und lebt ganz eingezogen und wartet, dass ihr Mann in die Scheidung willigt, wozu er sich offenbar vorläufig noch nicht entschliessen kann. Und du bist an allem schuld — und die Tragödie spielt sich kaum eine halbe Stunde von dir entfernt ab, und du sitzt da und rauchst Zigaretten und merkst von nichts!“
„Mir hat niemand etwas gesagt!“ Erich von Wölsick sprang wieder vom Stuhl auf und durchmass in langen, von steigender innerer Unruhe beflügelten Schritten das Zimmer von einem Ende bis zum anderen. Seine Schwester sah, wie er an sich halten musste, um seine Erregung zu unterdrücken, und doch merklich mit den Fingern zitterte, während er den Brief aufhob, einen Blick hineinwarf und ihn wieder fallen liess, und sie versetzte: „Mit den vielen Anklagen und Betrachtungen, die Mama darin schreibt, wollte ich dich nicht behelligen. Darum las ich ihn nicht vor. Es handelt sich ja nur um die Tatsache. Die hat ja natürlich noch keiner dir hinterbracht. Die Nächstbeteiligten erfahren ja so etwas immer später als alle anderen Menschen. Das ist eine alte Geschichte. Der Mann soll ja auch wie aus den Wolken gefallen gewesen sein über den Entschluss seiner Frau. Die hat damit euch beide überrumpelt, und ihr scheint sie beide nicht ganz gekannt zu haben. Aber jedenfalls — um Sommerwerk herum ist der Skandal schon fertig. In kurzem schlägt die Geschichte ihre Wellen bis nach Berlin ...“
„Ach wo!“ ihr Bruder stiess es hervor. Er war stehen geblieben und stampfte ein paar Mal in ungeduldigem Zorn auf den weichen Teppichboden. Und wieder ruhiger werdend sagte er: „Und wenn Frau Ansold wirklich hier ist, glaubst du denn, dass sich Berlin darüber aufregt?“
„Berlin? ... Was heisst Berlin?“ Frau von Teichardt zog die Schultern hoch. „Vergiss bitte nicht, dass Frau Ansold einen Mann hat. Dieser Hauptmann Ansold ist, scheint’s, ein büffeliger Mensch — langsam, aber furchtbar zäh in allem, was er einmal im Kopfe hat.“
„Ein Dummkopf ist er ... ich kenne ihn doch!“
„Mag sein! Jedenfalls hat er mehrfach seine feste Absicht erklärt, sich an dich zu halten, wenn seine Frau nicht zu ihm zurückkommt. Du wirst dich also wahrscheinlich in nächster Zeit mit ihm auseinanderzusetzen haben, und die Folgen einer solchen Auseinandersetzung können sehr leicht die Öffentlichkeit in Berlin beschäftigen!“
Sie deutete mit unwillkürlich bangen Augen die Möglichkeit eines Zweikampfs an. Erich von Wölsick lächelte dazu nur höhnisch. Und sie fuhr fort: „Des ferneren: Frau Ansolds Vater ist der Generalmajor z. D. von Dolmar, lebt auch, wie du wohl weisst, hier in Berlin. Überall sehr bekannt. Ich glaube nicht, dass der alte Herr die Hände in den Schoss legen und sich die Sache so mit ansehen wird. Seine vier Söhne stehen alle in der Armee und Marine, zwei davon in Berlin — da hast du Offiziere über Offiziere gegen dich ... Du bist selbst preussischer Offizier und musst Farbe bekennen — du wirst wohl auch als Zeuge im Scheidungsprozess vernommen werden — und wie du dich aus alledem herausziehen willst, ohne dass etwas in die Öffentlichkeit dringt und deine Verlobungszirkel stört, das ist mir ein Rätsel!“
Frau von Teichardt konnte sich nicht erinnern, ihren Bruder je wirklich betroffen gesehen zu haben. Aber jetzt sass er da, hatte die Hände in den Taschen und starrte vor sich hin, mit einem Gesichtsausdruck, der deutlich seine peinlichste Überraschung, seinen Ärger, seine vorläufige Ratlosigkeit erkennen liess. Und die Geheimrätin hatte an sich die Genugtuung, dass auch er, der Schlaue, Kühle, Glatte einmal in die Falle gegangen war! Aber andererseits hing ihr eigenes Schicksal und das ihrer Familie zu eng mit dem des Bruders und Majoratsherren zusammen, und so fing sie, da er kein Wort redete, von neuem an: „Ja. So stehen die Dinge, Erich! und was nun weiter geschehen soll, das muss wohl überlegt werden. Wenn du mich oder meinen Mann irgendwie brauchst — du weisst: du findest uns immer bereit, dir zu raten oder zu helfen, so gut wir können ...“
„Ich hab’ noch nie einen Menschen um Rat gefragt!“ sagte ihr Bruder. „Und zu helfen pflege ich mir selber ...“
„Ja ... aber diesmal bist du doch so in der Geschichte darin, Erich ...“
Sie hatte das übereifrig gesprochen. Er erhob sich plötzlich.
„Sei so gut und dränge dich nicht auf!“ versetzte er so schroff, dass sie sich auf die Lippen biss und verstummte. Und zugleich murmelte von der sich leise öffnenden Lauschertür her Michael, der Kammerdiener: „Gnädiger Herr, es ist sieben Minuten vor halb Acht!“ Und Erich von Wölsick stiess einen halblauten Ruf des Schreckens aus und eilte mit einem flüchtigen ‚Entschuldige!‘ gegen seine Schwester in das Toilettenzimmer. Zu verwünscht, jetzt gerade in Gesellschaft zu müssen! Er war so wütend und ungeduldig, dass ihm das Knüpfen der Krawatte nicht gelang. Michael nahm ihm schliesslich die Schleifen aus der Hand und half ihm in Weste und Frack und lief mit dem Kölnisch Wasser-Zerstäuber hinter ihm her in den Flur, wo Frau von Teichardt bereits stand.
Sie war sehr verschnupft und antwortete auf die Fragen ihres Bruders, ob sie ihn in seinem Automobil begleiten wolle, nur kurz: „Danke! ich hab’ die Droschke!“ reichte ihm die Fingerspitzen und stieg in ihren Wagen und dachte sich, während der davonrumpelte: Es ist schon wahr, man soll nie zu geschäftig sein!
Gleich darauf leuchteten draussen vor den Scheiben zwei weisse Rundaugen auf, ein Automobil überholte in rasendem Lauf die Kutsche, und Frau von Teichardt erkannte die Gestalt ihres Bruders, der, vornübergebeugt, den Zylinder in die Stirne gedrückt, die Hände in den Taschen des Paletots, in dem offenen Gefährt sass.
Im nächsten Augenblick war das über den Königsplatz hin verschwunden. Es bog in den nächtigen Tiergarten ein, die Kaffeebuden der Richard Wagnerstrasse tauchten auf, der weite dunkle Spiegel der Spree — der Lichterschein von Moabit, das einsame Schloss Bellevue — Erich von Wölsick sah nicht rechts und links. Er liess sich den kalten Herbstwind um die Ohren pfeifen, und in seinem sonst so klaren Kopf wirrten sich die Gedanken — sie tanzten in langen, höhnenden Reihen — er konnte sie nicht sammeln — deutlich bewusst blieb ihm nur eine ohnmächtige Wut, dass ihm gerade jetzt, in der entscheidendsten Wendung seines Lebens, das Schicksal solch einen Knüttel zwischen die Beine warf — gerade von einer Richtung her, wo er es am wenigsten erwartet! Da schien alles schon so ruhig und abgetan. Jakobe Ansold war eine freundlich schmerzliche, ein bisschen wehmütige, ein bisschen lächelnde Erinnerung, wie ein Bild von einer Reise, die man gemacht — aus einem Lande, in das man nie wiederkehrt — an das man nur zuweilen später, in verlorenen Stunden denkt und sich freut, dass man auch das vom Schicksal mitgenommen hat. Und nun stand sie auf einmal wieder lebendig vor ihm da, und er frug sich vergeblich in seiner düstern Laune, in Reue und Ärger über das, was er da angerichtet: ‚Warum hat sie’s denn nur getan ...?‘
Er schüttelte immer wieder den Kopf. In dem war ein Wirrwarr von Stimmungen und Gedanken, und er hatte eine wahre Angst, dass er in dieser Verfassung unter fremde Leute würde treten und gleichgültiges Zeug mit ihnen würde reden müssen. Er wäre viel lieber durch die Nacht weiter gefahren, hinaus ins Freie, bis in den Grunewald, wo er so oft in diesem Frühjahr die Neerlages in ihrer Villa am Wannsee besucht hatte. Damals hatte sich, als Abschluss des Gesellschaftswinters, der Ernst der Zukunft zwischen ihn und Sophie Neerlage gelegt, und es war, als sie sich trennten, — er, um zum Regiment, sie, um mit ihren Eltern nach Ostende zu gehen — eine stillschweigende Vereinbarung zwischen ihnen gewesen, sich im Sommer noch einmal alles zu überlegen und dann im Herbst die Entscheidung fallen zu lassen. Und da war schon das prunkvolle Neerlagesche Haus, dessen Lichterfülle weithin von der Tiergartenstrasse her durch das kahle Geäst des Parkes schimmerte. Und ehe er sich recht von seiner Betäubung erholt — ihm schien, er sei eben erst in dieser Minute in sein Automobil gestiegen — hielt dieses vor dem Portal — Diener sprangen herzu und halfen ihm heraus — und er ging nachdenklich, mit gesenktem Kopf, in die Vorhalle. Sonst war er hier schon in einer halben Siegerstimmung eingetreten, ein Vertrauter des Hauses und hoffentlich bald mehr. Heute zum ersten Mal kam er sich wie ein Eindringling vor.
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