1 ...6 7 8 10 11 12 ...16 „Sag, ich wäre hier und er müsse mich besuchen!“
Der Hauptmann Ansold packte in einem erneuten sinnlosen Wutanfall seine Frau an der Schulter und schüttelte sie hin und her. Sie liess es geschehen, sie schwankte unter seiner Faust, mit geschlossenen Augen und fest zusammengebissenen Zähnen. Es schoss ihr durch den Kopf, was die alte Kritzing eben gesagt: Bringt euch nur nicht um! — Und sie dachte sich zum ersten Mal: Jetzt tut er’s am Ende wirklich ...
„Willst du jetzt mitkommen oder nicht?“
Seine Stimme klang heiser. Sie fühlte seine keuchenden, noch von einem leichten Tabakhauch der Morgenzigarre durchwehten Atemzüge dicht vor ihrem Antlitz. Sein Griff tat ihr weh. Sie konnte sich kaum auf den Füssen halten, und er wiederholte leise und drohend: „Willst du jetzt mitkommen — zum letzten Mal ...“
„Ich kann doch nicht! Herrgott im Himmel! ... Ich kann doch nicht!“
Sie hatte die grossen blauen Augen aufgerissen und es ihm ins Gesicht hinein geschrien und er liess plötzlich von ihr ... Er wich ein, zwei Schritte zurück ... seine rechte Hand fuhr in die Tasche und es durchzuckte sie blitzschnell: Da hat er den Revolver stecken ... den kleinen, runden Armeerevolver, den er immer hat ... er zieht ihn heraus ... gleich ist das Zimmer voll Knall und Rauch und Blut ... Nur jetzt tapfer sein! Sie wich nicht einen Zoll breit zurück — sie veränderte ihre Haltung nicht ... sie schaute ihrem Mann fest ins Auge ...
Und über dessen Gesicht glitt eine Veränderung ... ein plötzlicher, bitterer Schmerz ... seine Hand brachte keine Waffe zum Vorschein, sondern das Taschentuch. Er brauchte es, denn die Tränen liefen ihm nun auf einmal in der jähen Erschöpfung nach dem Zornausbruch die Wangen hernieder. Die trocknete er und wandte sich ab und schnaubte sich dann heftig, zweidreimal hintereinander, und liess sich schwer auf einen Stuhl sinken, das Tuch wieder vor den Augen, und rührte sich nicht mehr, sondern schluchzte nur noch dumpf in sich hinein.
Jakobe stand vor ihm. Sie war blass geworden und atmete rascher. Der Spitzeneinsatz ihres Morgenrocks hing an der linken Halsseite zerrissen herab. Aber sie war ganz ruhig. Mit einem seltsamen Gesichtsausdruck, in dem Staunen war und Mitleid und eine leise an Verachtung anklingende Härte, schaute sie auf ihren weinenden Mann herab. Eigentlich hatte er sich so benommen, wie sie von ihm ungefähr erwartet hatte. Deswegen hatte sie auch nie besondere Furcht vor dieser Begegnung verspürt.
Es war ein langes Schweigen zwischen den beiden. Dann stand er auf und versetzte finster, in wiedergewonnener Ruhe: „Es bleibt mir jetzt nur noch die eine Hoffnung, dass du mit der Zeit zur Vernunft kommst. Du musst doch allmählich aus dem Taumel, in dem du jetzt bist, aufwachen, und dir selber sagen, wie mutwillig du dir mit einem solchen Schritt dein ganzes Leben für immer ruinierst. Du verlierst Namen, Familie, Geld, Verkehr, alles bei einer solchen Trennung — und was tauschst du dafür ein? — das möchte ich bloss wissen ...“
„Mich!“
„Nichts!“ sagte er. „Aber auch nichts, was eines solchen furchtbaren Opfers wert wäre! Das bedenke doch! Habe doch ein bisschen Pflichtgefühl und Selbstachtung und ...“
Sie hob den Kopf.
„Weiss Gott: ich habe meine Selbstachtung für mich! Gerade jetzt! und ihr anderen könnt ja über mich denken, was ihr wollt!“
„Ich werde vier Wochen warten!“ sagte ihr Mann. „Zum Glück ist das jetzt während des Manövers möglich. Du bist eben bei deinen Verwandten in Berlin zu Besuch, das wundert vorläufig niemanden. Und ehe es so weit kommt, dass ein Skandal entsteht, bin ich wieder hier, dann wirst du dich entscheiden!“
„Ich habe mich doch schon längst entschieden!“
„Inzwischen werde ich dir noch schreiben und werde deinen Vater und deine Brüder benachrichtigen. Ich weiss, dass sie in einem solchen Fall auf meiner Seite sein und mir helfen werden.“
Jakobe seufzte nur mit einer leichten Bewegung der Ungeduld bei dieser Aussicht.
„Vielleicht gelingt es unserer aller Bemühungen doch noch, dich auf den rechten Weg zu bringen!“ schloss ihr Mann. Er wandte sich dabei zur Tür. „Wenn sich das aber nicht erfüllt, glaube nur nicht, dass ich dann in der Geschichte den Pojaz spielen und mir alles gefallen lassen werde! Dann suche ich mir meine Leute — vor allem den Wölsick — magst du jetzt mit ihm auch stehen, wie du willst. Und was dabei herauskommt, dafür trägst du die Verantwortung ...“
Er wartete auf eine Erwiderung von ihr. Aber es kam keine. Und nachdem er eine Weile unschlüssig dagestanden, drückte er plötzlich rauh die Klinke auf, kehrte Jakobe den Rücken und verliess ohne Gruss das Zimmer. Sie hörte, wie er nebenan mit Fräulein von Kritzing sprach und, ohne sich die Mühe zu nehmen, seine Stimme zu dämpfen, zu ihr sagte: „Ich zähle auch auf Sie, liebe Cousine, wie auf die Unterstützung der ganzen Familie. Wir müssen alle zusammenhalten. Dann muss sie doch schliesslich Raison annehmen! Die Situation ist ja für sie unhaltbar ... einfach lächerlich auf die Dauer ...“
Was jene darauf erwiderte, vermochte Jakobe nicht zu verstehen, wahrscheinlich gar nichts Zusammenhängendes. Das alte Fräulein war zu verwirrt und beängstigt durch diesen plötzlichen Aufruhr, die wilden Stimmen, die nassen Augen, innerhalb ihrer stillen vier Wände. Sie war noch ganz auseinander, als sie zu Jakobe hereinkam, während draussen schwer die Flurtüre ins Schloss schlug, und sich erschöpft hinsetzte und klagte: „Nein — Kinder — es ist schrecklich mit euch! So benehmen sich doch keine Christenmenschen! ... Wie ihr da eine Ehe von zehn Jahren in Fetzen reisst, als wäre es ein altes Hemd — es blutet einem ja das Herz, so was zu sehen ...“
„Es ist ja nun vorbei, Tante — für immer — Gott sei Dank!“
Jakobe stand am Fenster. Da unten ging ihr Mann quer über die Strasse, vornüber gebeugt, die Hände in den Taschen des Paletots. Er kehrte sich nicht mehr nach dem Hause um, sondern winkte einer geschlossenen Droschke, stieg schwerfällig ein und fuhr mit ihr um die Ecke. Und Jakobe Ansold schob, von einem plötzlichen Gedanken erfasst, den Halsausschnitt ihres Morgenkleides etwas mit der Hand zurück. Auf der linken Schulter war ein grosser blauer Flecken — ein paar kleinere daneben — da, wo ihr Mann sie geschüttelt hatte. Die betrachtete sie. Ein seltsames Lächeln ging über ihr Gesicht. Dann schaute sie wieder vor sich hin und weiter über die Dächer in die Ferne....
Vor der niederen grauen Front des Auswärtigen Amts in Berlin hielt eine Taxameterdroschke in dem feinen, eiskalten Oktoberregen, der die menschenleere Wilhelmstrasse übersprühte, und innen, in seinem Arbeitszimmer, sagte der Geheime Legationsrat von Teichardt etwas ungeduldig zu seiner Frau, die ihn, einen Brief in der Hand, mitten in die Dienststunden hinein besucht hatte: „... und ausserdem lass doch den Wagen draussen nicht so lange warten! Das kostet ja wieder ein Heidengeld! fahre schon in Gottes Namen zu Erich hin! Es hilft doch nun einmal nichts!“
Er war ein sehr grosser, breitschultriger Mann in den Vierzigern mit Bismarckschnurrbart, Glatze und vielen Schmissen. Die kleinen Augen blickten scharf und klug hinter dem goldenen Kneifer. Er wiederholte jovial, aber sehr bestimmt: „Ich hab’ zu tun, Helmine! Da liegt der angefangene Bericht und es ist bald sechs Uhr Abends! Du weisst: ich liebe es überhaupt gar nicht, dass du mir hier in die Aktenbude hereinschneist! Nun dalli, Kind! Es ist dein Bruder! Beiss in den sauren Apfel ...“
Frau von Teichardt, geborene von Wölsick, war eine Frau, die weniger hübsch als distinguiert aussah, sehr schlank, sehr elegant gekleidet, zehn Jahre jünger als ihr Mann. Über ihr scharf geschnittenes, lebhaftes und bewegliches Gesicht glitt erneut ein Schatten, und sie versetzte ärgerlich: „Das ist so echt Mama! Mir schreibt sie’s und ich darf es Erich ausrichten! Warum schreibt sie ihm denn nicht direkt? Bloss um sich Ungelegenheiten zu ersparen! ... Ich weiss wirklich nicht, wer von den beiden der grössere Egoist ist, Mama oder Erich!“
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