Sie hatte beinahe Tränen in den Augen, aus Zorn gegen ihn und Kummer über das entgangene Geld. Er war ganz verwundert.
„Bleisoldaten!“ sagte er. „Na — da hättest du gestern den Vetter Wölsick sehen sollen — du weisst, von der Feldartillerie, dem ich vor sechs Jahren das halbe Kommissvermögen zur Heirat gegeben hab’! ... Es war ja ein tüchtiger Riss in meinen Beutel ... nun kamen sie auf einmal angerückt — auf Urlaub in Berlin — er, die Frau, drei Kinder — die Kinder hatten doch weiss Gott Veilchensträusschen in der Hand und schrien schon in der Türe: ‚Heil, Onkel! Heil!‘ und die kleine Frau heulte wie ein Schlosshund und der dicke Klaus Wölsick biss sich auf die Zähne, um es nicht auch zu tun, und schüttelte mir mindestens zehnmal krampfhaft die Hand ... na ... und Michael kochte Kaffee und besorgte Kuchen — und ich sass als glücklicher Ehestifter im Kreise der Meinen — auf jedem Knie ein Balg — förmlich wie ein Patriarch — ihre Photographie haben sie mir auch mitgebracht ... dort drüben liegt sie ... es war wirklich nett ...“
Ein weichliches, verwöhntes Lächeln flog bei den letzten Worten über seine Züge, der Ausdruck eines vom Glück überschütteten Menschen, der gerne auch den anderen ihren bescheidenen Anteil gönnt, und seine Schwester sah ihn an und dachte sich: jawohl, Ehestifter! ... als Ehezerstörer sitzest du da und wirst es bald genug erfahren ... und laut sagte sie: „Ich möchte wirklich wissen, Erich, wie du dir eigentlich deine Zukunft denkst ...“
„Meine Zukunft?“ Er war erstaunt. „Na — sehr nett, Helme!“
„Ja, aber wie?“
Ihr Bruder zündete sich eine neue Zigarette an und sah auf die Uhr. Es war noch eine Viertelstunde Zeit.
„Wie? So wie ich es mir immer gedacht habe! Aktiver Offizier wollte ich nicht werden — mit dem jur. et cam. hat es heutzutage nur noch bis zum Regierungsassessor Sinn, wenn man nicht in der Bureaukratie verknöchern will, — so bin ich mit dem abgeschnappt ... ins neue Land hinüber ... das ist ja in Deutschland für uns Wölsick und Genossen der Handel und die Industrie leider noch immer ... in England sind sie längst klüger ... da wissen die Lords und ihre Söhne ganz genau, wo das Geld steckt — na ... und jetzt bin ich so weit ... war Bankvolontär — hab’ meine Reisen nach Amerika und England gemacht — Volkswirtschaft studiert, in die Politik hineingeschaut ... mir hier überall in Berlin meine Verbindungen geschaffen ... nun suche ich mir ein Feld für meine Tätigkeit in der Hochfinanz ...“
„Dabei verstehe ich nur das eine nicht!“ sagte Frau von Teichardt. „Unser altes Sommerwerk ist gewiss schön und wertvoll und wirft dir eine hohe Rente ab — aber doch nicht so viel, dass du dich dadurch selbst mit grossen Kapitalien an einem Unternehmen beteiligen kannst ...“
„Nein. Das natürlich nicht.“
„Also müsstest du in solch einem Unternehmen doch in irgend einer Form als höherer Angestellter tätig sein! Und inwieweit eine derartige Abhängigkeit deinem Charakter und deinem Namen und deiner Position als Majoratsherr entspricht — verzeihe, wenn ich mich da in deine Angelegenheiten mische — aber mir erscheint das von vornherein ganz unglaublich.“
„Deswegen hab’ ich es ja auch noch nicht getan!“ sagte Erich von Wölsick gelassen. Der Zug lebhafter Klugheit auf seinem Gesicht hatte einen leise spöttischen Anstrich, während er seine Schwester ansah und die ihn und sie schliesslich zögernd versetzte: „Nun ja ... also ...“
Er schwieg und rauchte und blickte lächelnd zur Decke. Er kam ihr nicht zu Hilfe. Frau von Teichardt war zu vorsichtig, um weiter in ihren Bruder zu dringen. Damit reizte man nur seinen Widerspruch. Dann war er einer der verschlossensten Menschen, die sie kannte, und konnte herausfordernd höhnisch werden. Sie blieb ein paar Augenblicke stumm und sagte dann: „Eigentlich habe ich deine Pläne für dein äusseres Leben nicht so sehr gemeint — die kenne ich ja schon, wenigstens in grossen Zügen — und will mir auch kein Urteil gestatten, ob ein Wölsick durchaus mit Börsenpapieren und Streiks und allerhand sonderbaren Leuten zu tun haben muss, um seinen Platz in der Welt auszufüllen! Das musst du besser wissen und wirst schon nicht zu kurz kommen! Darum ist mir nicht bang! ... sondern um dich selber — um dein Inneres — meine ich, Erich — was aus dem schliesslich wird ...“
Ihr Bruder warf ihr einen misstrauischen Blick zu.
„Ich hab’ schon oft darüber nachgedacht, Erich ...“ fuhr seine Schwester fort, „ob du nicht einmal würdest dafür büssen müssen, dass du absolut nicht im stande bist, irgend einen Menschen wirklich, innerlich zu achten! Es ist ja gewiss nicht allein deine Schuld! Es liegt nicht nur daran, dass du ja von Haus aus ein ungewöhnlich gescheiter Mensch bist, sondern auch an deiner Erziehung. Es war ein Unglück, dass unser Vater gestorben ist, wie wir erst drei und vier Jahre alt waren! Du hast viel zu früh gewusst, dass du Majoratsherr bist! Mir ist es unvergesslich, wie wir einmal spazieren gingen und Mama und ich dir riefen: ‚Komm aus dem Gras heraus!‘ Und du Knirps standst mitten in der Wiese, die dir fast bis über die Ohren reichte, und antwortetest ganz pomadig: ‚Ihr habt hier gar nichts zu sagen! Das Gras gehört mir! Alles gehört mir!‘ und fuhrst dabei mit dem Schmetterlingsnetz so ungefähr über den halben Horizont hinaus! ... Mama hatte schon damals keine Autorität über dich — und nach ihrer unglücklichen zweiten Heirat natürlich ... Solch ein Stiefvater, der ...“
„Na — lassen wir ihn!“ sagte Erich trocken. „Er ist tot. Was ist denn nun der langen Rede kurzer Sinn?“
„Ich meine: du bist immer verwöhnt worden im Leben. Vom ersten Tag ab, wo du auf der Welt warst, hat man um deine Gesundheit gebetet und gezittert. Wenn du starbst, hatte Mama ja nichts mehr. Immer ist dir alles nach Wunsch gegangen. Auf der Ritterakademie warst du gleich der Primus, in Bonn haben sie dich zum ersten Chargierten im Korps gemacht, als Referendar haben sie dich aussuchen lassen, zu welcher Regierung du wolltest — jetzt wieder nimmt dich Berlin W. mit offenen Armen auf ... du bist so gewohnt, dass alle Türen vor dir von selber aufspringen und alle Leute dir aus dem Weg treten! ... Dass du aber dafür verantwortlich bist, was du aus den Leuten machst ...“
Erich von Wölsick war aufgestanden und tat ein paar Schritte durch das Zimmer. Er gähnte leicht hinter der vorgehaltenen Hand. Das Gespräch langweilte ihn. Es schien auf eine allgemeine Klage seiner Schwester über ihn hinauszulaufen. Das war bei ihr eine ganz neue Torheit. Die sollte sie sich nicht erst angewöhnen.
„Du musst eben die Leute vor mir warnen, Helme!“ sagte er ernsthaft. „Michael!“ er drückte auf den Knopf! ... „Punkt fünf Minuten vor halb Acht muss ich fahren ... entschuldige!“ er wandte sich, während der Diener verschwand, wieder an seine Schwester. „Aber zu spät kommen bei einem Diner wird einem bekanntlich nie verziehen!“
„Wo bist du denn eingeladen?“
„Bei Neerlages!“
Sie machte eine unwillkürliche Bewegung. Dann frug sie anscheinend leichthin: „Viel Leute?“
„Ja, wahrscheinlich! Gott sei Dank ist es ein Herrendiner! — da wird man wenigstens satt ... lauter Bankgrössen ... Kohlen-, Eisen-, Kupfer-, Kalimenschen ... Geld, sag’ ich dir, Helme ... Geld ...“
„Also an Damen nur Frau und Tochter ...“
„Nur Frau und Tochter.“
Die beiden Geschwister schwiegen. Plötzlich lachte Erich von Wölsick hell auf.
„Helme!.... Du machst so ein unendlich kluges Gesicht. Das machen offenbar alle Frauen, wenn sie denken, sie haben so was glücklich herausgebracht!“
„Ich habe vorläufig noch gar nichts gesagt!“
„Aber gedacht — Helme — gedacht! Man konnte förmlich hören, was du dachtest!“ Ihr Bruder setzte sich ihr wieder gegenüber, schlug ein Bein über das andere und fuhr, die Zigarette in der Hand, gleichmütig fort: „Siehst du: wie so ein Leutnant, der mit Zittern und Zagen in Helm und Epaulettes anklopft, um sich Braut und Mitgift zu holen — das hab’ ich eben nicht nötig! Und das ist das einzige, was solch einem alten Millionär imponiert, dass man sein Geld gar nicht braucht. Das erschreckt ihn! Das kann er sich anfangs gar nicht vorstellen, dass ich zum Beispiel zu dem alten Neerlage sage: ‚Verehrter Herr Generalkonsul ... auf eine Mitgift verzichte ich! Ich bin reich genug, um meiner Frau selber jeden in meinen Kreisen üblichen Komfort zu gewähren! Aber geben Sie mir Gelegenheit zu einer Tätigkeit! Dann verdiene ich noch viel mehr und werde deshalb umsoweniger jemals Ansprüche an Ihren Beutel stellen‘ — das ist die Art, Helme, wie man Teilhaber an einer Weltfirma wird und sich nichts dabei vergibt ...“
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