Aber Professor Reisinger, der sich über das Zeichenbrett Gregor Krykowkys gebeugt hatte, richtete sich sofort auf und blickte ihr entgegen. „Sie sind spät dran, Marie!“ stellte er fest. „Gibt es jetzt etwas in Ihrem Leben, das Ihnen wichtiger ist als die Kunst? Oder haben Sie einfach verschlafen?“
Die anderen Schülerinnen kicherten über diesen Kommentar, aber Marie ärgerte sich. Dennoch hielt sie dem Blick seiner grünen, goldgesprenkelten Augen stand. „Verzeihen Sie, Herr Professor!“
„Bei mir brauchen Sie sich nicht zu entschuldigen, Marie! Sie lernen ja auch nicht mir zuliebe.“
„Nein, bestimmt nicht!“ gab Marie zurück. Im selben Augenblick wurde ihr bewußt, daß diese Erwiderung kindisch gewirkt haben mußte.
„Dann also los! An die Arbeit! Verlieren Sie nicht noch mehr Zeit!“
Marie öffnete ihr schwarzes Köfferchen, holte ein rotes Seidentuch heraus, mit dem sie ihr langes Haar im Nacken zusammenband, und spannte ein grobkörniges Blatt auf ihren Zeichentisch. Dann fixierte sie das Modell, das im hellen Licht, das aus den großen Fenstern vom Garten her fiel, nackt auf einem Podest saß. Es war eine alte Frau mit Hängebrüsten, einem ausgeleierten Bauch, die entspannt, mit übergeschlagenen Beinen auf einem Schemel hockte. Auch das noch! dachte Marie. Ich werde nie begreifen, warum man so etwas skizzieren soll.
Aber natürlich wußte sie, daß es sein mußte. Sonst hätte Professor Reisinger, der selbst längst über die gegenständliche Malerei hinaus war, es nicht von seinen Schülern verlangt. Er war genau darüber orientiert, was für die Aufnahme in die Staatliche Kunstakademie von den Anwärtern verlangt wurde. Sie nahm einen Kohlestift und machte sich an die Arbeit.
„Hübsch, nicht?“ flüsterte Anita Lehnertz, ihre Nachbarin zur Linken, ihr zu. „Wenn ich mir vorstelle, daß ich später auch mal so aussehen werde!“ Anita war bildhübsch mit ihrer wohlproportionierten Figur, blondgelocktem Haar, das noch durch geschickt verteilte Strähnchen und himmelblaue Augen aufgehellt wurde.
„Du nicht!“ gab Marie zurück.
„Wie kannst du da so sicher sein?“
„Die hat mindestens drei Kinder gehabt und sich außerdem sträflich gehenlassen.“
Anita, die sich ihr Studium als Fotomodell verdiente, lächelte. „Klar erkannt“, flüsterte sie.
Professor Reisinger näherte sich ihr von hinten. „Na, kleines Plauderstündchen?“ fragte er.
„Wir haben nur über das Modell gesprochen“, verteidigte sich Anita.
„Gefällt Ihnen wohl nicht, Fräulein Lehnertz?“
Anita schauderte übertrieben. „Schlechte Aussichten für die Zukunft!“
„Das ist der Weg alles Irdischen.“ Er beugte sich über ihr Zeichenbrett. „Schon recht ordentlich.“
Anita bedachte ihn mit einem hingebungsvollen Augenaufschlag. „Wirklich, Herr Professor?“
„Die Knie ein bißchen markanter, wenn es möglich ist.“ Er ging weiter zu Marie.
Sie hatte sich schon zuvor schwergetan, aber jetzt, wo er ihr auf die Finger schaute, wurde sie noch unsicherer. Ihre Hände gehorchten ihr plötzlich nicht mehr; sie wünschte, er würde wortlos weitergehen. Aber er tat es nicht. „Na, wie haben wir es denn, Marie?“ fragte er.
„Es ist schwer.“
„Wollen Sie mir bitte erklären, was Ihnen solche Schwierigkeiten macht?“
„Freiwillig würde ich ein solches Objekt niemals wählen.“
„Und deshalb schönen Sie es. Das ist falsch, Marie. Machen Sie es drastisch. Eine Karikatur wird es bei Ihnen ohnehin nicht werden.“ Er blieb weiter hinter ihr stehen.
Sie wagte nicht zu sagen, wie sehr er sie irritierte.
„Versuchen Sie es mal mit einem Bleistift!“ wies er sie an.
„Oh!“ sagte sie bestürzt. „Auf dem selben Blatt?“
„Warum nicht? Mit dem Bleistift kann man weniger mogeln, Marie, und darauf kommt es an.“
Sie gehorchte, suchte sich einen weichen Bleistift aus, verlängerte die Brüste, so daß sie, wie beim Vorbild, fast die Knie berührten.
„Schon besser, Marie“, lobte er und ging langsam weiter.
Sie atmete auf. Endlich gehorchte ihre Hand wieder ihrem Auge und ihrem Kopf.
Als er eine halbe Stunde später noch einmal zu ihr kam, sagte er anerkennend: „Na also, Marie! Ich wußte es ja. Sie können es, wenn Sie nur wollen.“
Diesmal bemühte sie sich gar nicht, in seinem Beisein weiterzumachen; sie ließ die Hand sinken und sah ihn an. „Ich finde, es wirkt spuckhäßlich.“
„Es gibt nicht nur schöne Dinge im Leben, Marie.“
„Das weiß ich, Herr Professor. Aber ich meine, man sollte auch das Häßliche liebevoll betrachten oder Wenigstens mit Mitgefühl.“
„Später wird Ihnen das unbenommen bleiben. Aber als Anfängerin müssen Sie erst einmal lernen, die Realität so zu erfassen, wie sie ist.“
„Ja, Herr Professor“, sagte sie und senkte den Blick.
Er blieb noch eine Weile bei ihr stehen, und sie mußte wenigstens so tun, als ob sie weiterarbeitete, und ihre zitternde Hand zum Gehorsam zu zwingen.
Zwei Stunden später verließ Professor Reisinger mit einem fröhlichen „Bis nächsten Freitag, meine Damen und Herren!“ das Klassenzimmer.
Wie auf ein Stichwort hin begannen die Zurückgebliebenen gleichzeitig zu reden. Das Modell dehnte und reckte sich und zog sich ungeniert an. Gregor Krykowsky, von seinen Kameraden und auch von Professor Reisinger als der Begabteste, Fleißigste und Ehrgeizigste anerkannt, versuchte noch einige Bewegungsskizzen zu machen. Die anderen verstauten ihre Zeichnung in großen Arbeitsmappen.
„Wie ich dieses anatomische Zeichnen hasse!“ stieß Marie aus tiefstem Herzen aus.
„Aber er hat dich doch gelobt!“ sagte Anita Lehnertz. „Laß mal sehen!“
Marie hielt ihr die noch offene Mappe hin.
„Na, so doll kann ich das aber nicht finden“, sagte sie abwertend.
„Habe ich auch nie behauptet.“
„Nach Reisis Worten hatte ich ein Meisterwerk erwartet.“
Susanne Brüning, Anitas ,häßliche Freundin‘, trat zu den beiden und zündete sich eine Zigarette an. „Das kommt nur, weil er ein Auge auf sie geworfen hat.“
„Komm mir nicht wieder mit diesem Quatsch!“ konterte Marie wütend und verstaute ihre Mappe unter dem Tisch.
Susanne kniff ihre kleinen, sehr scharf blickenden Augen zusammen und musterte sie spöttisch. „Was regst du dich auf? Das kann dich doch nur ehren, und außerdem erleichtert es dir das Leben.“
„Nur leider stimmt es nicht“, sagte Anita nüchtern.
„Aber ja doch! Warum sonst sein ewiges ,Marie hin, Marie her‘? Mich spricht er mit ,Fräulein Brüning‘ an und dich als ,Fräulein Lehnertz‘.“
„Doch nur, weil Marie noch so ein Küken ist.“
„Anita hat recht“, sagte Marie entschieden, „er macht sich nicht das geringste aus mir. Er nimmt mich nicht einmal für voll. Laßt uns doch in den Garten gehen! Ein bißchen frische Luft würde uns allen bestimmt guttun.“
Dieser Vorschlag wurde angenommen. Nachdem Anita ihre Zigarette in einem leeren Farbtöpfchen ausgedrückt hatte, liefen sie nebeneinander die breite Treppe hinunter. Im Garten setzten sie sich auf ihren Lieblingsplatz dicht an der rückwärtigen Hausmauer, die von der Herbstsonne noch angenehm erwärmt wurde.
Die Unterhaltung verlief wie gewöhnlich. Susanne, die abends als Bedienung arbeitete, und Anita plauderten über ihre Erfahrungen, und Marie beschränkte sich darauf, zuzuhören und hin und wieder eine Zwischenfrage zu stellen. Heute, zum ersten Mal, kam ihr das sonderbar vor. Natürlich konnte sie nicht erzählen, was sie in der vergangenen Nacht erlebt hatte. Sie hätte es den Freundinnen so wenig erklären können wie der Polizei. Aber warum sagte sie nicht wenigstens, daß sie einen netten jungen Mann kennengelernt und sich mit ihm verabredet hatte? Weil sie nicht annahm, daß die anderen sich dafür interessierten? Weil sie nichts von sich preisgeben wollte?
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