„Bis zum dritten — das weißt du doch.“
„Also bis zum vierten!“ entschied Dorothée — „da Sie unser Chef sind.“
Und als Mister Harvey vier Knöpfe geöffnet hatte, mußte er sich auf einen der Sessel am Tisch zurückziehen. Mit dem Gesicht zur Wand. — Dorothée stieg inzwischen aus ihrem Kleid. Im selben Augenblick klopfte es an der Tür.
„Der Kellner!“ rief Dorothée entsetzt.
„Soll ich ...?“ fragte Harvey und wandte den Kopf.
„Nein! — Einen Augenblick! — Sagen Sie ihm — oder lassen Sie mich! Aber drehen Sie sich nicht um!“
Sie ging entkleidet zur Tür, öffnete einen Spalt, so daß der Kellner ihr grade das Tablett mit den Gläsern reichen konnte — stand dann, das Tablett in der Hand, hilflos da.
„Ja, wollen Sie mir denn das Tablett nicht abnehmen?“ rief sie plötzlich.
„Mit dem größten Vergnügen“, erwiderte Harvey, stand auf und wandte sich zu ihr um.
„Nein!“ rief sie entsetzt. „Andrée! Wirf mir mein Kimono über.“
„Unmöglich! Ich habe ein Messer in der Hand.“
„Was tust du mit einem Messer?“ fragte Dorothée — während ihr Harvey in ein schwarzseidenes Kimono half.
„Au! Jetzt habe ich mich geschnitten! — Ein Stück Watte bitte!“
„Watte?“ — Dorothée warf beim Suchen alles durcheinander. „Das sage ich dir, ich bin zum letzten Male ohne Zofe gereist. Wo sucht man so etwas überhaupt?“ wandte sie sich an Harvey, der ihr behilflich war.
„Unter meinen seidenen Strümpfen bestimmt nicht!“
„In der Hausapotheke!“ rief Andrée.
Gleich darauf rief Dorothée, die alles von oben nach unten gekehrt hatte, freudig:
„Ich hab’s! Brauchst du viel?“
„Einen kleinen Tuff!“
„Ich geb’ es ihm“, sagte Harvey, nahm Dorothée die Watte aus der Hand und reichte sie Andrée, der den bloßen Arm durch die Portiere steckte.
Dorothée vertauschte inzwischen ihre Schuhe mit ein Paar Seidenpantöffelchen, die zu dem Kimono paßten.
„Wieso steht denn Ihr Gepäck hier?“ fragte sie plötzlich und wies auf einen hohen Schrankkoffer, der in der Nähe des Fensters stand.
„Die Hausdiener haben ihn versehentlich auf Ihr Zimmer gebracht. — Stört er Sie?“
„Offen gesagt, hier steht schon genug herum.“
„Ich befreie Sie sofort davon.“
Er läutete und ließ sein Gepäck durch den Hausdiener auf sein Zimmer bringen. — Auch der Kellner erschien wieder und fragte, ob er die leeren Gläser herausnehmen dürfe.
„Leer?“ sagte Frau Dorothée, „wir haben ja noch gar nicht getrunken.“
Und während ihr Harvey das Glas reichte und mit ihr anstieß, entschuldigte sich der Kellner und ging hinaus.
Auf dem Wege zur Tür sah er auf einem kleinen Tisch neben Toilettengegenständen, Taschentüchern und Strümpfen Frau Dorothées Perlenkette, Ohrgehänge und Ringe liegen. Er griff zu und verschwand damit — ohne zu bemerken, daß der Amerikaner ihn durch einen Wandspiegel beobachtete, stutzte, Miene machte, auf ihn zuzustürzen — dann aber überlegte, lächelte und ihn gewähren ließ.
Dorothée und Harvey wechselten noch ein paar Worte miteinander. Dann sagten sie sich gute Nacht.
„Bis morgen früh um neun zum Frühstück in meinem Salon“, sagte Mister Harvey und drückte Frau Dorothée die Hand.
Und als er draußen war, verschloß sie ihrer Gewohnheit gemäß die Tür.
Als Mister Harvey das Zimmer des Ehepaars Marot verließ, hatte Andrée das Licht in der Koje bereits gelöscht.
„Rücksichtslos wie immer“, dachte Dorothée sprach es aber nicht aus, sondern entkleidete sich weiter und suchte unter den Stößen von Sachen, die wahllos herumlagen, Wäsche, die sie für die Nacht gebrauchte.
Plötzlich fiel in der Koje etwas um. Gleich darauf erklang Marots Stimme:
„O je!“
„Was ist denn nun schon wieder?“ fragte Dorothée.
„Ich habe dein Parfüm umgegossen.“
„Du bist von einer Ungeschicklichkeit.“
„Wer hat es denn auf den Nachttisch gestellt?“
„Die Zofe jedenfalls nicht.“
„Ich werde dir morgen eine neue Flasche kaufen.“
„Das kostet dich mehr, als wenn du die Zofe mitgenommen hättest.“
„Das ganze Zimmer riecht jetzt nach dem Zeug.“
„Vielleicht wirst du davon munter.“
„Mach’ das Fenster auf!“
„Wir wohnen im Zwischenstock.“
„Es wird uns niemand heraustragen.“
Dorothée öffnete die Balkontür. Nur eine Hand breit. Im selben Augenblick hörte man gedämpfte Klänge einer Jazzkapelle.
„Unten tanzen sie noch“, sagte Dorothée und schob die Türen breit auf. — Die Musik drang jetzt laut ins Zimmer. „Wenn du fesch wärst, würdest du mit mir einen Charleston tanzen.“
„Ich schlafe! Mach das Licht aus!“
Dorothée gehorchte. Aber der Schein einer großen Lampe vor dem Kasino fiel ins Zimmer, das halbdunkel in gespensterhafter Beleuchtung lag.
Die Jazzkapelle tobte — und Frau Dorothée, von der man nur den Schatten an den Wänden und an der Decke sah, warf ihren Kimono ab und tanzte leidenschaftlich. Bis zur Erschöpfung. Dann verschwand auch sie in der Koje.
Im Tanzsaal unten hatte man die Fenster geschlossen. Gedämpfte Klänge eines Tangos, begleitet von melancholischem Gesang, drangen ins Zimmer.
Zwei bis drei Minuten lang.
Da krachte in der Koje ein Schuß. Aus der Portiere trat hastig ein Mann — eilte zum Balkon — schwang sich über die Brüstung — verschwand.
In der Koje schrie Dorothée laut auf — stürzte aus dem Bett — ins Zimmer — zur Tür — und rief laut um Hilfe.
Erregte Menschen stürzten auf die Hilferufe Dorothées hin in das Zimmer. Hotelpersonal und Gäste, die auf der gleichen Etage wie Marots wohnten —, ohne daß man sie in der Dunkelheit voneinander unterscheiden konnte.
„Licht an!“ rief plötzlich eine Stimme. Im selben Augenblick lag das Zimmer hell. An der Portiere stand zitternd Dorothée und starrte zur Koje. Da sie in den Knien wankte und hinzustürzen drohte, eilten der Kellner und das Stubenmädchen auf sie zu und stützten sie. In der Mitte des Zimmers stand der Direktor, der, ohne zu wissen, was geschehen war, zur Tür sah und dachte: „Nur kein Skandal!“ — Vor der Tür drängten sich die Hotelgäste — in Nachtanzügen und großen Abendtoiletten.
„Platz für die Behörde!“ rief Frau Turel und stürzte ins Zimmer.
„Frau Turel!“ sagte der Direktor — aber sie eilte an ihm vorbei, warf einen Blick auf Dorothée, die zur Koje wies und hauchte:
„Mein Mann!“
Frau Turel riß die Portiere zurück, eilte in die Koje und machte Licht. Man sah Dorothées zerwühltes Bett. Man sah Frau Turel, die sich über das von der Portiere verdeckte Bett Marots beugte. Man hörte, wie sie halblaut, aber mit fester Stimme sagte:
„Herzschuß!“
Die Gäste an der Tür fuhren zusammen und gaben einen Laut von sich, als hätten sie ein Herz und eine Stimme. Dorothée verlor das Bewußtsein und hing in den Armen des Stubenmädchens, das selbst in den Knien zitterte und sich nur mühsam aufrecht hielt.
„Einen Arzt!“ rief der Direktor dem Kellner zu und glaubte damit die Hotelgäste zu beruhigen. Aber Frau Turel erklärte:
„Der kann nicht mehr helfen. Rufen Sie die Polizei!“
„Die wird ihn auch nicht wieder lebendig machen“, sagte der Kellner und verließ das Zimmer.
Der Direktor war in die Koje getreten und flüsterte Frau Turel zu:
„Ich möchte auch bitten — wenn irgend möglich ohne Aufsehen.“
„Rühren Sie nichts an“, rief Frau Turel, da der Direktor sich bückte, einen Revolver aufhob und ihn ihr mit den Worten:
„Die Mordwaffe!“ überreichte.
„Wie ungeschickt! Jetzt haben Sie die Spur verwischt!“
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