Es ist aus dieser Rede zu ersehen: die beiden Männer waren in ein Fahrwasser geraten, über dem nicht mehr der rechte Segelwind wehte. Auch hatte das Wasser keine gute Strömung, die das Boot fröhlich vorwärts riss. Das kam daher: der Doktor Ferdinand Wurzler war zwar ein ungeheuer gescheiter Mensch; in dem stillen Gelehrtendasein war eine Erscheinung wie die des Peter Lebegern ein Ereignis — wenngleich nicht von jener umwertenden Macht, die das Auftreten des Doktors in dem Lebensspiel seines jungen Freundes besass … aber zuletzt: die klugen Augen des Gymnasialprofessors waren auf die Welt mit den Sehnsüchten des Peter Lebegern doch nicht ganz richtig eingestellt. Dazu waren der Gnaden, die Peter Lebegern im Übermass empfangen, zu viele. — So aber stand der gütige Doktor am gesicherten Ufer eines wildgewordenen Flusses voller Frühlingswässer. Da trieb einer daher und streckte die Arme aus der Flut. Und Ferdinand Wurzler — weil er einen Rettungsring nicht gerade bei der Hand hatte — reichte ihm den Stab eines Schmetterlingsnetzes …
Nun, das war auch etwas.
Es wäre nun sehr leicht zu sagen: ‚am anderen Tage gab Peter Lebegern seine Stellung auf und wohnte hinfüro wieder in jener Dachstube, in der er vor zwei Jahren so frohmütig vor dem Dasein gesessen und so weiter.‘ Doch, so ging das jetzt nicht mehr. Vor zwei Jahren hatte Peter Lebegern die Kunst verstanden, Paradiesvögel aus seinen Händen hervorfliegen zu lassen. Jetzt hatte er dies Zaubern verlernt; denn er war eine Präzisionsmaschine geworden. Damals vollbrachte er Wunder an Genügsamkeit. Jetzt hatte er Bedürfnisse, die seine Freude am Tage vernichtet hätten, wenn er sie nicht befriedigen konnte. Und das hätte er nicht vermocht; denn von dem fünffach höheren Gehalte des Redakteurs hatte er keine Ersparnisse gewacht wie der Schulmeister von Bogenbach. Es stand einfach so mit Peter Lebegern: er war noch nicht fertig mit der Entdeckung der Welt; aber er erkannte aus verklärenden Fernen, dass er einmal ein König und Wundertäter gewesen sei, dem Leben und Schicksal gedient hatten nach seinem Gefallen. — So wuchsen Sehnsüchte in ihm, Sehnsüchte! Aber es war kein Boot zu erblicken, das ihn über den breiten Strom dieser heimlichen blauen Wässer trug … Des weiteren erkannte er: er war in diesen zwei Jahren ein Sklave geworden. Ein Sklave der Dinge, Menschen, Gewohnheiten, wie ihn das Leben innerhalb der menschlichen Gemeinsamkeiten erzeugt. Er trug Ketten, die die Hunderttausende nicht spüren. Aber der Gedanke liess sich nicht mehr vertreiben: es sei besser, ein Asket und König zu sein, ein Wundertäter draussen im blauen Lande.
Mit derartigen Einfällen brachte er die Nacht herum, die der Begegnung mit dem Doktor Wurzler folgte. In den Tagen, die nun kamen, war er voller Unlust und Gereiztheit. Und er verfiel in eine fürchterliche Vereinsamung. Inmitten von dreimalhunderttausend schlagenden Herzen bekam er Sehnsucht nach einem Menschen! Und in Bogenbach am Rotwasser hatte er Ferientage hindurch dem kleinen Leben im Wald und auf der Heide zugesehen und alles ringsum vergessen über seinem grossen Glück und den tiefen und schönen Gedanken, die ihm die Einsamkeit eingab. — Einsamkeit ist Leben, aber Vereinsamung ist schmerzvolles Siechtum zum Tode.
Sterbensmüde wurde er nun. Er hatte das öde Referieren über Versammlungen und Gerichtsfälle längst vertauscht mit dem Schauspiel, der Oper, dem Konzertsaal. Die Kunstsalons der Stadt standen ihm offen. Er hatte in den verflossenen zwei Jahren eine Welt an Wissen sich erobert. In der Zeitung galt er als das brauchbarste Redaktionsmitglied, in der Stadt als ein milder, gerechter, nachschaffender und wegeweisender Kritiker — nicht gefürchtet, aber mit einer Achtung ausgezeichnet, die man Männern in seinem Alter in der Regel versagt.
Jedennoch: Peter Lebegern war müde, sterbensmüde. Mit einem Male. Was er schrieb, trug nicht mehr die frische, eigene Note. Und die Schablone nahm überhand, je mehr die Sehnsucht wuchs. ‚Überarbeitung,‘ lautete das Gutachten Pius Heidvogels. Der Arzt sagte das gleiche. Es folgte für Peter Lebegern ein Monatsurlaub auf Kosten der Zeitung; denn Heidvogel fürchtete, diesen brauchbaren Mann zu verlieren.
Peter Lebegern wählte die bayrischen Alpen zum Herbstaufenthalt. Sein Gesicht hatte um jene Zeit wieder Ähnlichkeit mit dem des Schulmeisters von Bogenbach, als ihm die Brillengläser gewachsen waren. Aber es war doch ganz anders mit ihm. Auf die Reise in die bayrischen Berge zog er äusserlich als Kavalier. Und in das Land der Lappen hatte er einen blauen Regenschirm mitgenommen — nein, ein Parapluie.
Gar nicht reisefroh lehnte er in den Polstern seines Wagenabteils. Und sehr ingrimmig wäre er wahrscheinlich gewesen, wenn sich am Abend zuvor nicht etwas ereignet hätte, was nun doch wie Verheissung junger Lenzluft über die abgeblühten Gärten seiner Seele fächelte.
Dies Fächeln dankte er — genau genommen — dem Doktor Wurzler; denn der Doktor Wurzler hatte eine Tochter, die Valentine hiess. Valentine. Ja.
Seit dem purpurroten Sommerabend auf dem Landsknechtwall hatte Peter den Gelehrten nicht mehr gesehen. Der Nachmittag vor der Abreise wurde durch Besuche ausgefüllt. Sie waren hergebrachter Art. Es wurden dabei hergebrachte Worte und Wünsche gewechselt. In Peter Lebegern — dem Nervenkranken — wuchs das Missvergnügen an sich und den Mitmenschen an diesem einzigen Nachmittag ins Ungemessene. Er lief um die Wälle, da es Abend ward. Er suchte sich selbst und suchte Kühlung für sein gequältes Gemüt. Da fiel ihm der Doktor Wurzler ein und wie die Weisheit dieses Mannes an jenem Sommertag ihm eine Wohltat gewesen war. Etwas ganz Eigenes, etwas Wundertäterhaftes war von Wurzler ausgegangen.
„Herr Doktor,“ bat er, als er die schmale Stiege in die Gelehrtenwohnung emporgestiegen war, „Herr Doktor, tun Sie wieder ein Wunder an mir wie damals …“
Ferdinand Wurzler merkte, wie es um den späten Gast stand. Er sagte nicht: ‚Überarbeitung‘. Er kannte Peter Lebegerns Sehnsüchte. Freilich ermass er sie nicht. Aber es lockte ihn, die Geheimnisse der fremden Gärten dieser Seele zu ergründen. Er dachte: ‚Ein Genie? Wohl nicht. Aber ein König — wenn er die Zähigkeit besitzt, sich das Land seiner inneren Verheissungen zu erobern‘.
Der Doktor war just im Begriff, ein gelehrtes Werk über die Schmetterlinge Mitteleuropas abzuschliessen. Da waren die schlaflosen Nächte natürlich. „Nur noch wenige Tage,“ sagte er lächelnd. In seiner Freude hätte er das Inhaltsverzeichnis mit viertausend zoologischen Benennungen und der neuen Klassifizierung des Schmetterlingsreichs wohl gleich hervorgeholt. Aber — nun, der Doktor Wurzler war taktvoll genug. Es handelte sich hier in erster Linie um seinen Gast, der ihn aufgefordert hatte, ein Wunder an ihm zu tun.
Hand aufs Herz, lieber Doktor, nicht wahr, von einem so bescheidenen Mann ist das ein bisschen viel verlangt? Also geriet dem Doktor das Herz in gelinde Wallung.
„Wunder tun, lieber Freund, Wunder tun?“ Um seine Lippen flog ein Schalk — Peter Lebegern dachte: ‚Wie ein Schmetterling, der dem Sammler entwischt ist.‘ Es lächerte ihn.
„Warten Sie mal, Peter Lebegern! Soviel ich mich erinnere, hab ich nur einmal im Leben ein Wunder zuwege gebracht — Valentinen! Va—len—ti—ne!“
Es steckte sich halb scheu, halb verwundert ein blonder Mädchenkopf durch den Spalt der leise geöffneten Tür. „Komm her, mein Kind, mein liebes Wunder du,“ sagte der Doktor. Sehr rot wurde Valentine. Sie wusste nicht, was diese Anrede schmeichelhaften Überflusses zu bedeuten hätte. Nun war sie betroffen in ihrer mädchenhaften Bescheidenheit. Und musste sich anschauen lassen auf ihre Schönheit. Ach Gott, woran viele ihrer Genossinen so reich waren, daran war sie wohl arm für ein äusserlich prüfendes Auge. Und die Schätze ihres Herzens und Geistes zu sehen — nun, das war ein Vorrecht des lieben Gottes und des Doktor Wurzler.
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