1 ...6 7 8 10 11 12 ...27 „Lassen Sie mich frei . . .“
Er antwortete gar nicht.
„Da . . . da bleibt er . . . wieder stehen . . .“ sagte sie verzerrt heiter: „Ich kann noch schnell weg . . . Ins nächste, beste Auto . . .“
„Das glaub’ ich . .“ Seine Hand rang unsichtbar mit ihrem Arm. Es war für sie ein hoffnungsloses Spiel. Niemand achtete auf sie. Alle umher schauten nach vorn, auf den Mann des Gesetzes, der jetzt wieder langsam mit den Wachtmeistern weiterging — auf sie zu — wieder stehenblieb . . . Noch eine Galgenfrist . . .
Sie langte mit der freien Hand in die Tasche des Pelzes. Er beobachtete sie scharf — bereit, mit seiner Linken zuzugreifen, wenn sie da etwas zum Vorschein brächte . . . einen Revolver — einen Dolch . . . Möglich schien ihm alles. Aber sie holte nur ein Taschentuch heraus und wischte sich den kalten Schweiss von der Stirne. Ein feiner Parfümhauch wehte herüber. Ihr Blick war gläsern geworden. Sie raunte:
„Haben Sie doch Mitleid . . .“
„Habt ihr Mitleid mit meinen Landsleuten, die ihr den Franzosen auf die Schlachtbank liefert?“
Jetzt machte sie einen wilden, leidenschaftlichen Versuch sich loszureissen, und lachte dazu, für die Umstehenden, hell als sei es ein Spass. Die Eisenklammer um ihren Arm löste sich nicht. Der Untersuchungsrichter war noch fünfzehn Schritt entfernt. Ein Blick nach rückwärts: Eine Mauer von Mietgäulen, blechernen Kürassen und gleichgültigen Statistengesichtern. Das Auto hoffnungslos dahinter. Sie begann vor Angst zu schlucken wie ein kleines Kind. Ihr Mund stand ungläubig weit offen.
„Der Tod . . .“ Sie keuchte. Ihr Arm wurde plötzlich schlaff, hoffnungslos in seiner Hand . . . „Das ist mein Tod . . .“
„Wieviel ehrlichen Deutschen habt ihr ihn schon gebracht!“
Die beiden standen unbewegt. Zwei Menschen, die gewohnt waren, sich eisern zu beherrschen. Sie wollte immer noch heiter ausschauen. Aber es wurde jetzt, während die Gendarmen heranschritten, nur ein grässliches Lachen daraus, das ihre Züge verzerrte.
„Ich kann doch nicht im Zuchthaus verfaulen . . .“ stöhnte sie.
„Warum haben Sie spioniert . .“
„Ich bin eine Frau! . . . Denken Sie, dass ich eine Frau bin . . .“
„Ich denke an Deutschlands Rettung . . . Wenn nicht in München, dann wenigstens hier!“
Zehn Schritte . . . der Richter . . .
„Erbarmen . . .“
Die Hand um ihr Gelent gab nicht nach.
„Hat ein Mensch auf der Welt mit Deutschland Erbarmen? . . . Denkt an den Frieden von Versailles . . .“
Ihre Knie schwankten. Er glaubte, sie würde ohnmächtig werden, aber sie hielt sich mit zäher Willenskraft aufrecht. Sie sah ihm mit heissglühendem Hass in den dunklen Augen ins Gesicht und sagte:
„Hätte ich Sie doch vorhin nicht gesehen . . .“
„Und ich Sie nicht!“ Der Hass in seinem Blick war eiskalt. „Dann wäre ich jetzt vielleicht noch frei! Nun gehen wir miteinander zum Teufel!“
Die beiden Todseinde standen, Hand in Arm, mit starr gewordenen, unbewegten Gesichtern nebeneinander. Sie sprachen kein Wort mehr. Sie erwarteten ihr Schicksal. Da kames. Die Sporen der Wachtmeister klirrten. Der Untersuchungsrichter ging ihnen jetzt voraus, an der letzten Gruppe vor den beiden vorbei, schnell auf sie zu.
Dann machte er plötzlich halt, als würde er sich jetzt erst über irgendeinen Eindruck klar. Er drehte sich noch einmal zu der Statistengruppe zurück und fasste einen Tchwächlichen, etwas säbelbeinigen jungen Mann, der da treuherzig lächelnd als Landsknecht stand, plötzlich scharf ins Auge.
„Drehen Sie ’mal gefälligst den Kopf zur Seitel“ sagte ei zu dem Komparsen. „Da . . . zwei Narben an den Halsdrüsen links — das stimmt . . . schlechte Zähne . . . blaue Augen . . . hm . . . Streifen Sie ’mal den rechten Ärmel auf . . . Na bitte . . . keine Ziererei! . . . Das hilft nun nichts . . . Tätowierung: blauer Anker — Glaube, Liebe und Hoffnung . . . Haben Sie nun die ganze Partie Schuhwaren geklaut? . . . Ja? . . . Na: sehen Sie wohl: Immer das Beste, gleich zu gestehen! . . . Also im Namen des Gesetzes! Bitte! Ich verhafte Sie!“
Der Landsknecht wanderte betreten, trotzig gerade vor sich auf den Boden fehend, zwischen den beiden Wachtmeistern zu der Baracke, um sich umzukleiden. Der Untersuchungsrichter ging, seine Papiere einsteckend, ohne sich weiter umzuschauen, nach getanem Werk hinterher. Das blonde Gretchen schrie dem Häftling noch nach: „Det sollen Sie ’mal an der Filmbörse untersuchen, wo der seine Karte jestohlen hat!“ Er antwortete verächtlich über die Schulter: „Olle Flimmerjule!“ Dann verschwand die Gruppe in dem sie neugierig auf dem Marsch begleitenden Gewimmel der Bürger, Edelfrauen und Knappen.
Ein schweres, tiefes Aufatmen zweier Menschen, die kein Wort miteinander sprachen, sich kaum nach einer Weile mit einem stummen Seitenblick streiften, im gegenseitigen Hass ihrer Schicksalsgemeinschaft . . . Es war für ihn, bei aller Erlösung, ein grimmiges, inneres Lachen, ein verächtlicher heisser Zorn, sich mit der Frau im Blaufuchs, in der Rettung vor deutschen Häschern eins zu wissen — er — in dessen Seele nichts als Deutschland, die blinde, — ach ewig . . . blinde — Mutter lebte — und dieses Geschöpf da . . .
Er glaubte, sie würde noch jetzt plötzlich ohnmächtig, umfallen. Der letzte eiskalte Schrecken kam nun bei ihr nach. Sie schauderte immer wieder jäh in sich zusammen. Sie zitterte leise am ganzen Körper. Sie trat mit unsicheren Schritten an den nahen Kantinentisch, wo Champagner in Gläsern feilstand, warf ein Bündel Papiergeld auf die nasse Holzplatte und stürzte einen Kelch herunter. Das belebte sie etwas. Sie schaute beinahe ungläubig um sich und zog fröstelnd die Schultern hoch. Er dachte sich: Das war dir wenigstens eine Lehre! Dir wird jetzt der Boden Deutschlands unter deinen Sandalen zu heiss! Auch ohne deinen Schwur . . . beim Grab der Mutter . . .
„Platz frei . . .! Platz frei!“ Sie traten zur Seite, Pfeifengetriller. Geschrei. Alle Photographen an ihren Geschüben. Der kleine Feldherr stand oben auf seinem Turmgerüst mit seinem Stab. Gebrüll durch die Sprachrohre. Trompetenstösse vom Blachfeld als Antwort. Mit Flatternden Wimpeln, in rasselndem Blech, kunstvoll in Staffeln aufgefächert, dass es nach viel mehr Rittern aussah, als es waren, galoppierte der reisige Heerbann heran. „Kaufen Sie Vereinigte Spinnereien! Die kriegen bald Junge“, rief mit eingelegter Lanze — atemlos — im Vorbeireiten ein Kreuzfahrer einem anderen Nachzügler neben ihm zu, und dann, sich im Sattel nach rückwärts wendend, wütend: „Was karren Sie denn mir egal hinter den Hufen her? Wollen Sie mit Ihrer Benzindroschke ooch mit aufs Bild?“
Die grüne Limousine, die hinter dem Reiter rollte, stoppte, nahe den beiden. Er und sie schritten auf das Auto zu, langsam, mit gleichgültigen Gesichtern, um nicht aufzufalen. Aber alles schaute nach dem Marktplatz. Dort tobte die Reiterschlacht. Der berittene schwarzbärtige Bösewicht von vorhin war mit den Seinen, von der Pappstadt des Hintergrunds her, dem Kreuzheer in die Flanke gefallen. Das schwarze Schafott ragte aus einem Wirrwarr von Marienbannern, Pferdeköpfen, Helmen, Schilden, Schwertern, in deren Geklirr ununterbrochen das Megaphon hoch von oben: „Tempo! . . . Tempol . . . Zum Donnerwetter: Tempooooo!“ heulte.
„Steigen Sie ein!“ sagte sie hastig. Sie riss selbft den Wagenschlag auf. Er schaute hinein: Da drinnen lag, alles, was er benötigte: Anzug — Mantel — Hut — Stiefel. Aber er blieb noch draussen. Er trat zu dem Chauffeur:
„Bitte — geben Sie mir Ihre Pistole!“ versetzte er höflich.
Der Mann am Steuer sah ihn finster an und antwortete nach einer Weile in fremdartigem Deutsch:
„Habe ich keine . . .“
„Natürlich haben Sie eine Mehrladepistole bei sich!“ sagte der andere ruhig. „Jeder Chauffeur, der heutzutage einen Wagen allein über Land fährt, hat eine.“
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