Die leidende, schmerzbewegte Nonne neben ihm rauchte, Zigarette und Rosenkranz in der Hand, dass feiner, blauer Dunst die weissen Haubenflügel umwob. „Was sind das für Leute hier?“ frug er sie finster. „Sind die mit Ihnen im Einverständnis? Wissen die, wer Sie eigentlich sind?“
„Halten Sie mich für so dumm?“ frug sie gleichmütig und blies den Rauch von sich.
„Also haben die auch keine Ahnung? Gott sei Dank! Wenn ich mir denke, dass Deutsche . . .“
Sie warf einen Blick nach der Zufahrtstrasse zurück. Das Auto raste dort in der Ferne, im Sturm dahin, in der Richtung nach der Stadt.
„Eine unangenehme halbe Stunde! . . . Zwischen Tod und Leben! . . . Für Sie und für mich!“ sagte sie in ihrem leicht fremdartig gefärbten Deutsch. „Da vorn spielen sie mit Kerker und Schafott — und in Wirklichkeit spielen wir damit! Wie meinen Sie: dass Deutsche . . .? Deutsche sind hier nur die Statisten — und auch die nur zum Teil. Denn es sind auch eine Masse Russen darunter. Im übrigen sind hier alle Darsteller und alles, was sonst herumläuft, Ausländer! Es ist nicht ein einziger Deutscher dabei! Der Film wird für ausländische Rechnung in Deutschland gedreht!“
„Warum gerade in Deutschland?“
„. . .weil die Ausländer in Deutschland ja alles beinahe umsonst haben!“ sagte sie mit einem stillen, geringschätzigen Lächeln. Es schien ihm, dass das Deutschland galt. Er frug:
„Und nun vor allem . . . Sie haben mich mitgebracht . . . Wir kennen uns also vor diesen Leuten . . . Was bin ich eigentlich hier? Wie stehe ich zu Ihnen . . .?“
Sie sah ihn schweigend an — mit einem rätselhaften, gar nicht nonnenhaften Zucken um ihre Mundwinkel — einem nichts weniger als klösterlichen Spiel der Augen. Sie war, in diesem Augenblick, unter der Haube der Ordensfrau, ganz Weib — ein schönes Weib — Eine verständnisinnig und verführerisch lächelnde Eva . . .
„Das ist für mich nicht so leicht zu sagen. Sonst hätte ich es schon getan!“ Sie schnippte aufmerksam die Asche von ihrer Zigarette. „Es gibt Dinge — die muss man erraten . . . Aber gut denn . . . In Gottes Namen also: Sie sind — was übrigens jeder Mensch hier weiss . . .“ Jäh brach sie in der deutschen Sprache ab und streckte liebenswürdig lächelnd die Hand aus: „Good morning, Mr. Orenstiel! . . . How do you do?“
Der kleine bewegliche Gentleman, der vorhin auf dem Gerüst aus dem Megaphon trompetet hatte, beugte sich ritterlich über ihre Hand und drückte dann flüchtig die ihres Begleiters: „Well. Mr. Benedikter! So glad, to meet you . . .“ und halblaut, zornig, vor ihren Ohren, in leidlichem Deutsch zu ihm weiter: „Uarum sorgen Sie denn nicht dafür, dass das Frauenzimmer nicht ewig unpünktlich ist? Uas glauben Sie, uas uns so ein Vormittag kostet?“
„Is she not yet arrived?“ schrie eine ungeduldige Männerstimme aus der Ferne. Ted Orenstiel antwortete, die Hände am Mund, wieder sonnig schmunzelnd: „She is here!“ Und sie selber meldete klangvoll und laut: „Here I am!“
Es war jetzt ein Gedränge um die Diva. Ein langer, italienischer Regisseur schoss heran, faltete lächelnd die Hände vor der Brust, legte liebenswürdig den Kopf seitlings und bat schmelzend um Eile. „Favorisca di sbrigatervi, Signora!“ Sie zeigte, durch eine Handbewegung nach ihrem Klosterhabit, dass sie schon fertig aus der Stadt gekommen, und antwortete: „Jo ho finito!“
Ein Photograph, ein Russe, zwängte sich an dem Welschen vorbei. Er wollte sich überzeugen, ob man beim Weichen der Wolken gleich anfangen könne. „Prschaluite! Belibben Sie, bereit zu stehen! Sonne chält sich nicht lang am Chimmel!“ Der kleine Mr. Orenstiel herrschte ihn an: „Uas reden Sie da Deutsch? Sie uissen doch, dass die Frau Gräfin kein Uort Deutsch versteht.“
Sie hatte zu der deutschen Anrede ein völlig leeres und verständnisloses Gesicht gemacht. Sie gähnte unbefangen und gab sich kaum die Mühe, zwei Fingerspitzen vor den grossen, edelgeschnittenen Mund zu halten.
„Ah — cela ne presse pas encore!“ sagte sie gelangweilt zu ihrem Feind neben ihr. „Venez par ici, mon ami!“
Sie ging, fortwährend vertraulich auf Französisch auf ihn einredend, mit ihm nach der Mitte des Platzes, in das Volksgedränge hinter dem Schafott. Er merkte, dass sie ihn aus der Nähe des Filmstabes unauffällig wegbugsieren wollte. Man versuchte, sie zurückzuhalten. Rufe, Bitten wurden hinter ihr laut. Sie spreizte, ungeduldig abwehrend, die Finger:
„Il me faut m’aboucher maintenant avec Monsieur Benedikter!“ — und dies tête-à-tête schien auch niemandem aufzufallen. Er sah, als er sich, unwillkürlich nach dem Auto spähend, umwandte, nur ein eigentümliches, stilles Lächeln auf den Gesichtern . . .
Sie waren, auf dem Marktplatz vor den Papphäusern, mitten in ein Stück Russland geraten. Um sie waren nur russische Gesichter, russische Laute — Komparsen — Flüchtlinge — Männer und Frauen, denen man ansah, dass sie zu Tschin und Adel des gestürzten Zarenreichs gehört hatten . . . Die gräfliche Nonne ging durch das Spalier, das sich ehrerbietig vor ihr öffnete, und schob, was im Wege stand, nicht eben sanft beiseite. Sie hatte jetzt, seitdem sie aus dem Auto auf den Filmboden getreten, eine gleich-gültig-gelöfte; lässige Haltung, mit eigentümlichen, verächtlichen, slawischen Schulterbewegungen. Etwas gespielt Müdes und Schleichendes. Sie glich jetzt einer grossen, weichen, trägen, schönen Katze auf leisen Sohlen.
„Warum machen Sie eigentlich hier mit —“ frug er gedämpft und finster, „wo Sie doch eigentlich ein ganz anderes Gewerbe bei uns betreiben?“
Sie legte, seufzend, ob das Auto noch nicht wiederkäme, unwillkürlich die Hand auf das grobe dunkle Tuch über der Herzgegend. Sie antwortete zerstreut:
„Das könnten Sie sich doch selber sagen, dass man auf diese Weise keinen Verdacht erweckt — in Deutschland reisen kann und im Auto fahren und mit Menschen zusammenkommen und sich verkleiden, wie man will!“
„Aber können Sie denn spielen?“
Ich war Schauspielerin!“
Plötzlich wurde es um sie goldenhell. Die Sonne erschien am Himmel. Die hundert bunten Farbenflecke auf der Wiese leuchteten auf. Ein brausendes Ah! ging durch die Menge. Die Photographen und ihre Gehilfen stürzten an ihre Kurbelständer wie die Kanoniere an das Geschütz. Der Henker steckte den Kurszettel ein und ergriff sein Blutschwert, der arme Sünder warf die Zigarette weg. Die Signalpfeifen schrillten. Ein Regisseur ruderte mit beiden Ellenbogen durch die Russenwelt und winkte, aufgeregt der Heldin. Die Nonne raffte ihre Kutte bis an die Knie und rannte, was sie konnte, mit weissschimmernden Waden nach vorn. Sie sah auch als laufende Frau von hinten graziös aus. Ihr Feind gestand es sich ein, während er ihr finster nachschaute. Neben ihm sagte ein junger galizischer Gigerlkönig auf wienerisch zu einem Russen in Zivil: „Die Urschel kann ’was! Die . . . wenn die net so faul wär’! . . . Aber die nimmt im Jahr kaum eine Rolle . . .“
„Und sonst?“
„Nü — ’ne Gräfin!“ Ein leidendes Achselzucken. Dann gestikulierte der Jüngling noch einmal mit allen zehn Fingern auf die Komparserie ein. An allen Ecken des Platzes gaben die Hilfskräfte die letzte Belehrung: „Wenn der Henker zum Schlag ausholt . . . Stichwort: Entsetzen! . . . A jedem von euch graust’s!“ Der Slawe neben ihm übersetzte es eilig seinen Landsleuten auf Russisch . . . „Da springt die Nonne aus dem Kloster . . . Ausgerechnet ’ne Nonne . . . Nü — wie wird einem da? Staunen! . . . Kümmt se wirklich? Ja! . . . Sie kümmt. Sie wirft sich auf die Knie! Sie schreit: Frai-i-heit für meinen Fra-ind! . . . A nettes Klostermadel — net? Auf ‚Fra-i-heit’ hebt’s alle die Arme hoch und schreit’s: ‚Fra-i-heit!’ und drängt’s gegen die Hellebarden! . . . Stellt’s den fünften Ratsherrn da hinten aussi — schafft’s mir den Fadian weg, der eben wieder gähnt und zur Seite spuckt. Lassen’s sich an der Kasse auszahlen, Sie Schlemihl! Sie verschimpfieren uns net die Aufnahme.“
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