Ärgerlich und in seinem freudevollen Stolze durch dies gleichgültige Verhalten seiner Gattin tief gekränkt, verliess Hermann das Zimmer ... geräuschvoll wie er gekommen ...
Kurze Zeit darauf trat Elisabeth, die das noch immer leise wimmernde Kind für wenige Augenblicke bei dem Mädchen gelassen, zu ihm.
„Glaube mir, Hermann,“ sagte sie zu ihm mit einer Stimme, durch die, so verschleiert sie war, eine innige Zärtlichkeit hindurchklang, „ich freue mich herzlich mit dir ... ich gönne dir dein Glück von ganzer Seele, denn du hast es mühsam genug errungen ... aber begleiten kann ich dich heule Abend nicht.“
„Natürlich,“ gab er in heftiger Bitterkeit zur Antwort. „Du kannst nicht — der kleine Tyrann gestattet es nicht.“
„Das Kind ist kränker, als du es wahr haben willst,“ gab sie sehr ruhig zur Antwort, aber eine dicke Träne lief die abgehärmte Wange herunter, und die bleichen Lippen bebten aufeinander. Er sah es nicht.
„Du weisst, wie viel mir heute an deinem Mitkommen gelegen ist,“ erwiderte er erregt; „diese Einladung vom Präsidenten ist eine grosse Zuvorkommenheit.“
„Wenn du seiner Frau sagst, dass mein Kind krank ist, ... ernstlich krank ... so wird sie mein Ausbleiben entschuldigen.“
„Das weiss ich nicht — nur so viel weiss ich, dass mir an einer engeren Verbindung mit diesem Hause viel gelegen ist. Der Präsident will mir wohl ... er hat es mir schon oft gezeigt. Und er ist nicht nur der einflussreichste Mann unserer Provinz ... er hat auch zur Universität in B ... die wichtigsten Beziehungen. — Deine Absage aber auf diese erste Einladung schneidet jeder weiteren den Weg ab.“
Die Adern auf seiner hohen, weissen Stirn sprangen dunkel hervor und schwollen merkbar an. Er war in zorniger Erregung.
„Endlich,“ fügte er mit stickender Stimme hinzu, „öffnet sich mir die Bahn zum Glück, die ich so lange schmerzlich und vergeblich gesucht, und — wie ich mir’s hätte vorher sagen können — dieser kleine Tyrann sperrt sie mir!“
Elisabeth kämpfte in innerster Qual.
„Wenn ich nur das neue Mädchen kennte, ... wenn er mir nicht gerade heute so leidend erschiene.“
„So lass schnell den Arzt rufen ... er mag entscheiden.“
Elisabeth atmete auf.
„Gut,“ sagte sie, „erlaubt er es, — so begleite ich dich.“
„Er wird es nicht,“ sagte sie erleichtert zu sich selber. — — —
Der Arzt kam. Er stand ernster an dem Bett des Kleinen, als da er zum erstenmal dorthin gerufen war.
„Ein Rückfall,“ sagte er nach eingehender Untersuchung.
Elisabeth erbleichte. Der Arzt sah es.
„Aber vorläufig,“ fuhr er beschwichtigend fort, „bei ängstlicher Vorsicht nicht bedenklich. — Und an der fehlt es hier ja nicht.“
Elisabeth empfand es befreiend, wie ein schwerer, dumpfer Druck von ihrem Herzen wich.
Hermann aber hatte gierig nur die letzten Worte des Arztes aufgefangen.
„Nicht bedenklich!“ wiederholte er in lautem, unverhohlenem Triumphe, „hörst du es, Elisabeth, — nicht bedenklich!“
„Ich sagte: — bei ängstlicher Vorsicht nicht bedenklich,“ fügte der Arzt mit ernster Bestimmtheit hinzu.
Da trug Hermann sein Anliegen vor.
Der Arzt zog die Brauen in die Höhe und wiegte sehr nachdenklich das Haupt. Zuletzt schüttelte er es langsam.
Aber Hermann wusste so eindringlich zu bitten, so lebhaft, so überzeugend darzustellen, dass der Arzt, zuletzt zu Elisabeth sich wendend, erklärte:
„Wenn Ihrem Herrn Gemahl an Ihrer Begleitung so sehr gelegen ... ja, wenn viel von dieser abhängt, dann, gnädige Frau, glaube ich, Sie können für wenige Stunden den kleinen Kranken verlassen, ohne dass Sie Gefahr zu befürchten hätten.“
Durch Elisabeths Seele zuckte es ... sie litt unsäglich — aber sie gehorchte. — — —
Als sie mit ihrem Gatten in den Wagen stieg, um der nahegelegenen Stadt zuzufahren, schüttelte Frau Adebar, die oben auf ihrem Hause sass, sehr bedenklich das Haupt.
Sie dachte an ihre Kleinen — sie begriff die zärtliche Mutter nicht.
„Das hätte ich nicht getan,“ sagte sie zu ihrem Manne, und durch ihre Worte klang es wie ein harter Vorwurf gegen die sonst so vergötterte Elisabeth.
Herr Adebar hatte etwas tiefer gesehen.
Er putzte wie in Gedanken verloren einigemal mit dem roten Schnabel an Rock und Brustlatz. Dann hob er langsam und gravitätisch den straffen Hals in die Höhe und sah seine Frau mit strengem, tadelndem Blicke eine Zeit lang an ... aber er brach sein überlegsames Schweigen nicht.
Kein Leben ist so kämpfereich und mühselig, dass es in ihm nicht Stunden eines Sonnenscheins gäbe, viel zu rein und ungetrübt, als dass er uns in den harten Rahmen des täglichen Daseins zu passen schien, ... Stunden, in denen das Herz wie in himmlischem Fluge hinausgehoben ist über alles Zagen und Zweifeln seiner irdischen Entstammung, nichts sieht als die Erfüllung stillgeborgener Träume, deren Glück es um so gieriger trinkt, je heisser es vorher nach ihnen gedürstet; Stunden, deren holde Weihe nur ein kurzer, kalter Schauer der Erkenntnis stört: Sie können nicht bleiben — sie werden verfliegen wie ein blendender Dunst.
Aber gleichviel ... sie bleiben in der Erinnerung. Da zehrt, da baut das hungernde Herz an ihnen weiter, umgürtet sich mit ihnen in allem Kampfe, labt sich an ihnen inmitten von Mühsal und Entbehrung wie an dem Manna, welches der Wüste entspriesst.
Solch eine Stunde schien Hermann heute geschlagen zu haben — heute, wo er sie noch sah, ungetrübt in ihrem Zauber durch spätere Ereignisse, welche selbst in das lichte Bild ihrer Erinnerung einen rückwirkenden Schatten trugen. —
In dem Hause des Präsidenten war eine kleine, aber ausgewählte Gesellschaft versammelt.
Als Hermann mit seiner Gattin eintrat, kam ihm aus einer Gruppe plaudernder Herren ein älterer Mann entgegen mit grauem Haupte, scharfen, ausdrucksvollen Zügen und den blitzenden Augen eines Jünglings.
Es war der Professor G ...
„Wie schön, dass wir uns hier treffen, lieber Herr Pfarrer,“ sagte er, und drückte Hermann herzlich die Hand, „ich wäre bestimmt zu Ihnen nach W ... herausgekommen, wenn mich die Pflicht nicht morgen schon in aller Frühe weiterriefe. — Aber das Erfreuliche hat auch den Vorzug, dass es sich kurz sagen lässt. Kommen Sie!“ Und er zog ihn mit sich in eine Nische, wo sie ungestört waren. „Ich gratuliere Ihnen,“ sagte er, sowie sie Platz genommen hatten, „Sie haben etwas Bedeutendes geschrieben — der Erfolg kann nicht ausbleiben.“
Und vor den leuchtenden Augen seines Hörers entrollte er nun ein Zukunftsbild, so gross und lockend, dass auch das schönste Gemälde, in dem es Hermann so oft und so gerne gemalt, vor diesen Aussichten verblasste.
„Wie gesagt,“ schloss der Professor die Unterredung, „versprechen kann ich Ihnen nichts ... aber der Rücktritt meines Kollegen zum Oktober ist Tatsache ... das Fach für Pädagogik wird frei ... seine Neubesetzung erfolgt schon in den nächsten Tagen, und nicht nur ich ... auch der Präsident hat mir noch eben versprochen, für Ihre Berufung alles zu tun, ... und er vermag bei meinen Freunden sehr viel.“
Nun trat der Präsident selber zu ihm heran, und es war fast zu viel für sein wildschlagendes Herz, als er aus seinen freundlichen Worten dieselbe Verheissung vernahm.
Jetzt war es kein Luftgebilde, kein Phantom mehr. Leibhaftig — körperlich schwebte es vor seinen Augen ... nur ein kühner Griff mit der ausgestreckten Hand, ... und er hielt es — fest und unentreissbar: das Glück!
Man war zu Tische gegangen. Hermanns Blicke suchten die seiner Frau. Sein Herz stand still in seinem raschen Gange. Dieses bleiche, angstdurchwühlte Antlitz, das ihm kalt ... steinern über dem zarten Blumenstrausse, den er ihr geschenkt und der zwanglos auf der Schulter lag, entgegenstarrte, ... diese schwarzgeränderten müden Augen, die, tief in ihren Höhlen brennend, Teilnahme zu erheucheln kämpften an dem, was um sie vorging, und sie doch nicht erheucheln konnten, ... dieser fest zusammengepresste Mund, um den es in verhaltenem Wehe zuckte ... diese qualvollen Anstrengungen, ihn zu einem Lächeln zu zwingen — es hatte etwas Unheimliches für ihn. Ihm war zu Mut, als streife eine kalte Hand dahin über das eben gewonnene aufkeimende Glück dieser Stunde — die kalte Hand des Todes. Er suchte Elisabeths Nähe, sowie man sich vom Tische erhoben hatte, er ergriff ihre heissen Fingerspitzen, er flüsterte es ihr liebkosend, dankerfüllt ins Ohr, was ihm eben verheissen war, ... all das unermessliche Glück.
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